Henkenhaf 13 - Die Ermüdung erscheint

von Klaus Mattes
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Frau Brückner ist bei ihrem zweiten Praktikum, in einem Altenheim. Was war noch mal aus dem ersten geworden?
„Wir geben uns grundsätzlich niemals damit zufrieden, ein einziges Eisen im Feuer zu haben“, hatte Frau Henkenhaf gesagt, als man wochenlang, bis Mitte Mai angeblich noch, auf den Bescheid hatte warten sollen.

Von den ursprünglich anvisierten sechs Monaten der Vermittlungsmaßnahme sind drei schon vorbei gewesen, die Hälfte also, und es war nicht ein einziger vermittelt worden, als, wie ein Blitz, auf einen Streich drei Leute vermittelt werden konnten.

Man könnte jubeln. Endlich kommt Leben in die Bude. Aber so fühlt es sich nicht an.

Hatte Herr Walse - mit seinen 46 Jahren und seinem schweren Diabetes - nicht irgendwann unter vier Augen in der Pause angedeutet, er strebe die Frühverrentung an? Und als ausgerechnet er entzückt weggegangen war zu Pronto, dem Call Center, steckten möglicherweise längerfristige Kalküle dahinter, die uns verborgen blieben? Frau Mariek, die Polin mit dem traurigen Gesicht, hätte sie die Montagetätigkeit in der Elektrobranche nicht selbst gefunden, wo sie bereits mehrere Jahre in vergleichbaren Positionen tätig gewesen war und, bis sie zur Behinderten wurde und für längere Zeit aus dem Berufsleben ausschied, ihr ganzes Leben gearbeitet hatte?

Frau Ebert, jene sehr dicke Putzfrau mit dem weiß nachwachsenden Strich im Rotschopf, mit der Leseschwäche und ihren Zockereien in den Pausen, Frau Ebert geht also wieder putzen, wie vor Jahren. Schon mehrere Jahre hatte sie nichts mehr bekommen, doch im Kurs hatte sie sich ihre Stellen immer selbst schon herausgesucht gehabt und war weggefahren und hatte sich vorgestellt, wenn Frau Henkenhaf ihr was vorschlagen wollte. Dann war es zuletzt doch Frau Henkenhaf, die im Internet eine Reinigungskraft-Ausschreibung, die von einer Frankfurter Agentur betreut wurde, aufgespürt und dort angerufen hatte, samstags, die für Frau Ebert den Termin ausgemacht, dann, Samstags noch, Frau Ebert zu Hause angeläutet und in Kenntnis gesetzt hatte, dass montags ein Vorstellungstermin warten würde. Das war dann die dritte Vermittlung geworden, die die Startrampe hingekriegt hatte.

Vorab war einst von zwanzig Teilnehmern die Rede gewesen, es waren im Frühjahr aber nur zwölf erschienen. Drei Vermittelte sind schon 25 Prozent Erfolgsquote. Angekündigt waren sechzig Prozent. Ein weiteres Viertel der Teilnehmenden wird von denen, die sozusagen dauernd anwesend sind, nachmittags auch immer, Herr Bross, der hier Schreibende, Her Störk, der Fixe, Herr Sidi, der Syrer, Frau Schnurr, die Rollstuhlfahrerin, unterdessen als mehr oder minder verschütt gegangene geführt. Nämlich Herr Guhse, der angeheiratete Russe und Sektenchrist, Frau Wergraff, die Kassiererin, die nicht weiß, ob sie zu ihrer ehemaligen Freundin nach Bayern umziehen kann, Herr Schmolzacher, der regelmäßige Cola-Trinker.

Herr Guhse, der wegen früherer Tätigkeit im russischen Bergwerk nur über einen Lungenflügel verfügt, aber über mehrere Kinder und einen Schrebergarten, ist so oft krankgeschrieben gewesen, dass er trotz Anfangstagesplus die Aufforderung bekam, in der Folgewoche müsse er drei Tage, also die drei außer den zwei Werktagen, die er sowieso da zu sein hatte, nacharbeiten. In der nachfolgenden Woche war er dauerhaft krankgeschrieben. Hinfort wurde er nicht mehr gesichtet.

Bei Frau Wergraff dachten wir, wir sollten sagen, wir vermuteten es nur, bei praktisch allen Teilnehmern kriegt man nie gesagt, inwiefern sie denn schwerbehindert sind, man kriegt es in den Pausengesprächen auch nie raus, wir spekulieren nur, dass Frau Wergraff eine Krebserkrankung hinter sich hat. Sie ist alleinerziehend, die Tochter in der Grundschule. Sie ist schon Jahre daheim gewesen, aber sie möchte jetzt wieder im alten Metier, als Supermarktkassiererin, einrücken. Dem pflichtet Frau Henkenhaf bei, versucht sie jedoch mit Nachdruck in die Richtung Regalauffüllen, Lagerhilfsarbeiterin abzudrängen, was Frau Wergraff sich eines Tages verbitten muss. Sie wären sich bisher doch einig gewesen, auch sie mit der Fallmanagerin im Jobcenter.

Herr Schmolzacher kennt sich aus mit Haushaltsgeräten und auch mit Computerprogrammen. Herrn Schmolzacher kann man sich hier mal wie einen - per Luftpumpe zum Ballon gepumpten - Asterix, den Gallier, denken. Er trägt nicht nur lange Haare, angegraut, sondern diese sind zu einem Schwanz geflochten. Herr Schmolzacher ist knapp Mitte dreißig, wenn er auch die grauen Haare hat. Auto darf er nicht fahren, deswegen hat er einen Roller. Nach einer bewegten Jugendzeit war Schmolzacher durch Höhen und Tiefen, auch des Suchtmittelgebrauchs, gegangen, multiple psychische Zusammenbrüche, Unglücke mit seinem Fahrzeug, in Folge dessen Rückgratschädigung, Panikanfälle, Ansätze von Asperger, Agoraphobie. Warum sie die Idee fassen konnte, versteht man gar nicht, aber für ihn hatte Frau Henkenhaf ebenfalls einen Vorstellungstermin bei Pronto, dem arbeitslosenfreundlichen Call Center, vereinbart. Das Gespräch war dann schon nach wenigen Minuten beendet, weil Schmolzacher am ganzen Leib bibberte, nach Atem rang, kein Wort herausbrachte.

„Jetzt muss ich mich wieder komplett neu orientieren“, stöhnte er im Stuhlkreis von der Startrampe am nächsten Tag.
Man fragt sich heimlich, wohin man sich orientieren kann, wenn man so dermaßen oft krankgeschrieben ist wie Schmolzacher, den wir in den letzten Wochen fast nie hier erblickt haben.

Frau Henkenhaf fragt, ob er die kaputten Elektrogeräte für diese eine bekannte Markt-Kette reparieren könnte, also Verkauf ginge nicht, aber in der Werkstatt oben, das wohl schon. Herr Schmolzacher findet es anfangs die super Idee. Dann scheitert auch dieser Termin wieder, was an den Leuten vom Markt liegt. Daraufhin wird Frau Henkenhaf biestig und beim nächsten Mal überreicht sie Herrn Schmolzacher vier oder fünf von ihr bereits ausgedruckte Stellenanzeigen und keckert: „Der Herr Schmolzacher mag mich heute gar nicht. Den Herrn Schmolzacher trieze ich jetzt mal.“

Anfang Juni hebt eine endlose, waschlappig nasse Hochsommerhitze an, Klimawandel selbstverständlich. Da werden die Nachmittage zur Tortur. Aber alle Teilnehmer erweisen sich als einigermaßen stabil, wir mit unserem schwachen Herzen schon auch, allerdings setzen bei Frau Henkenhaf Persönlichkeitsveränderungen ein. Grau, versteinert, schlecht gespielt in ihren emotionalen Ausbrüchen kennen wir sie, eine Eule mit hängenden Augen und Schnabel. Jetzt wird sie aber ungewohnt schnippisch, hinterlistig, stellt sich als abgefeimt genießende Fallenstellerin heraus. Sadistisch ist das Wort, aber wir wollen es nicht herschreiben, weil das jeder andere hier schreiben würde, weil es sich schnell hinschreiben lässt. Frau Henkenhaf ist nicht der Typ, der man irgendein Lustzentrum unterstellen möchte.

Ihren Ansatz, den Tag in Phasen zu strukturieren, erst das Blitzlicht in der Eröffnungsrunde, dann Pause, danach Unterrichtsvortrag ihrerseits oder Psychospiele in Gruppen, dann ein wenig Arbeit an

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