Hock bei der Startrampe N - Die Ermüdung erscheint - Page 2

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Zeitschinden, hat sie wegfallen lassen. Mehr und mehr dient jede Morgenrunde dazu, eine Inspiration zum Abbruch und anschließenden Übergang zur Stellensuche an den (aus dem Schrank geholten) Laptops zu konstruieren. Die Halbtagsteilnehmenden sind durchaus hilfreich, weil sie ihre nicht perfekt geschliffenen Bewerbungsmappen nur an Vormittagen und nie im Stuhlkreis, sondern nur an auf Tischen stehenden Laptops komplettieren können.
„Gut, wenn drei Leute was Dringendes anliegen haben, fangen wir heute mit den Laptops mal gleich an. Ich muss nachher sowieso eine Zeitlang verschwinden, ins Büro hoch. Wir haben intern da was zu klären.“

Frau Schnurr, die 38-jährige, dabei ausgesprochen kindlich auftretende und auch ganz mädchenhaft aussehende Querschnittsgelähmte, bietet sich wie ein Spielfeld der Biestigkeit Frau Henkenhafs dar. Frau Schnurr wird als Bürohelferin geführt vom Arbeitsamt, was in ihrem eigenen Mund meist zu „Sekretariat“ mutiert. Leider hat sie noch nie im Leben ein normales, sozialversicherungspflichtiges Angestelltenbeschäftigungsverhältnis ausfüllen dürfen. Sondern man hat sie, die von klein auf behindert, aber noch nie behindert genug gewesen war, um auf einen der hoch subventionierten Arbeitsplätze der Beschützenden Werkstätten abgeschoben werden zu können, eine Weile hier, eine Weile dort gebildet, betreut und so hat Frau Schnurr auch monatelang helfende Tätigkeiten im Büro einer Behinderteneinrichtung kennen gelernt.

Berufsausbildung war es nicht gewesen. Sie hat eine schriftliche Beurteilung bekommen, die sich so gut gar nicht liest, weil, sagt Frau Schnurr, sie sich geweigert hätte, für diese Einrichtung als Vorzeigerollifahrerin in einer Geschichte der Lokalzeitung aufzufahren samt Fotografie. Versteht sich, als Außenstehender wird man solche Erzählungen später niemals mehr nachprüfen können. Da hört man eigentlich kaum hin. Wir selbst könnten solche Anekdoten von uns erzählen und lassen das.

Frau Schnurr, aus deren Mund wir den Spruch „Mein ganzes Leben sitze ich auf meinem Arsch“ gehört hatten, ist oft eine Nachplapperin und Wiederholerin, eine Art vergnügter, kreischender Papagei. Praktisch jedes Mal, sobald nach einstündiger Mittagspause der personalverminderte Nachmittagsteil vom Kurs angeht, löchert Frau Schnurr die Dozentin und, man muss es so schreiben, ihre Stimme schrillt: „Und was machen wir dann heute?“ Obwohl wir ständig dasselbe machen und alle das wissen.

Dahinter steckt Frau Schnurrs Sehnsucht, hier Excel lernen zu dürfen. Das war als Wunsch von Teilnehmerseite so auch geäußert und im Ideentresor archiviert worden.
„Ach, ich hab mich jetzt oft genug beworben. Nicht, dass wir nachher tausend Vorstellungstermine auf einmal haben und ich mal wieder einen absagen muss, weil ich nicht hinkomm.“

Das mit dem abgesagten Termin war aber so. Alle zwei Termine sind in der Altstadt und bei öffentlichen Trägern der Verwaltung oder Bildung gewesen, wo man als Rollstuhlfahrer noch was reißen kann, weil die sich an die Quote halten und nicht lieber Strafgeld zahlen. Beide Gespräche hatte Frau Henkenhaf ihr zugeschanzt. Erst waren das zwei verschiedene Tage, dann musste der eine Termin verlegt werden. Es waren nur zwei Stunden zwischen den Vorstellungsgesprächen, aber, entgegen Frau Henkenhafs Einschätzung, hatte Frau Schnurr beharrt, da sollte man im Stadtbus fahren, das ginge mit dem Rollstuhl nicht, andere erzählten es zwar anders, sie bestand, da müsste ihr Schnuckel sie bringen, der ginge jedoch dann seinem Mini-Job nach, also müsste sie über die Straßen rollen, das wäre zu weit, zu riskant. Wir boten ihr an, sie beim ersten Amt abzupassen und zu schieben, aber nein, das wäre nicht realistisch, meinte Frau Schnurr. Ein Termin musste darum abgesagt werden. Das übernahm Frau Henkenhaf, einem so schweren Telefonat fühlte Frau Schnurr sich nicht gewachsen.

Bis zu diesem Vorfall war es aber doch stets so gewesen, dass Frau Henkenhaf an dem einen Tag was gesagt hatte, was Frau Schnurr am folgenden exakt so wiederholt hatte, worauf Frau Henkenhaf freudig aufgelacht hatte. Frau Henkenhaf lacht viel, aber doch künstlich. Aber jetzt kennt Frau Henkenhaf null Toleranz in Richtung Rolli.

„Na, wenn Sie sich zurücklehnen wollen! Wenn Ihnen das zu viel wird, sich schon wieder Mühe geben.“
Dergleichen bekommt von Frau Henkenhaf kein Teilnehmer außer Frau Schnurr jemals zu hören. Es wird sich bestimmt auch auf die anderen beziehen, sollte von ihnen so aufgenommen werden. Aber Frau Schnurr begreift das nicht. Sie begreift nicht, wie Frau Henkenhaf sie, die ihr immer wieder zeigt, wie treu sie zu ihr hält, so drangsalieren kann

Frau Schnurr ähnelt einem Kind, das sich Frau Henkenhaf zum Mutterersatz gewählt hat. Wie das Kind die Fahrt auf einer Autobahn, muss Frau Schnurr unsere ereignislose Reise durch die langen, schwülen Nachmittage mit Fragen an Frau Henkenhaf füllen.
„Ich schreib einfach hin, dass ich ein lebensfroher Mensch bin. Geht das so, Frau Henkenhaf?“

Wie oft hatte Frau Henkenhaf, wenn sie anderswo über einen Schirm gebeugt war, geträllert „Ja gut“ und „Augenblick, gleich bin ich bei Ihnen!“
Als Frau Schnurr ihr heute das neue Motivationsanschreiben vorzeigt, blafft Frau Henkenhaf: „Das lese ich jetzt nicht. Endlose Schachtelsätze, Sie schreiben ohne Punkt und Komma und Sie wollen im Büro arbeiten. Dann können Sie den Brief auch alleine. Jetzt machen Sie es zuerst einmal richtig und rufen mich anschließen noch mal.“

Wie Frau Henkenhaf gewiss merkt, ist Frau Schnurr getroffen von dieser Zurückweisung kindlicher Bedürfnisse. Die volle Abgründigkeit des neuen Umgang ist ihr aber nicht aufgegangen.

Es weiß im Kurs jeder, Frau Henkenhaf inbegriffen, die sie Monate hat Motivationsanschreiben komponieren lassen, sich oft darüber unterhalten hat, dass diese Büro-Bewerbungen der Frau Schnurr für die Katz sind. Frau Schnurr kann kein Zehnfingersystem. Sie arbeitet mit dem Adler-Such-System, macht da noch Tippfehler. Frau Schnurr kann so gut wie kein Excel, darum will sie es an den Nachmittagen hier doch auch lernen. Aber Englisch beherrscht sie auch nicht. Ihre Feinmotorik funktioniert oft nicht ganz richtig. Sie wackelt auf ihrem Stuhl und kriegt nicht jeden Satz so aus dem Mund, wie sie gern hätte. Ihr vor der Mannschaft vorzuhalten „Sie sind eine Sekretärin, Sie können so was“, ist daher schon rachsüchtig. Aber wofür Frau Henkenhafs Rache? Für einen einzigen gekündigten Vorstellungstermin, der dann nichts gebracht hätte?

Herr Sidi war Wochen verreist. Er war drunten in Syrien, wo seine Mutter und die Schwester Flüchtlinge geworden waren und im Zeltlager lebten. Herr Sidi, der heute zum Einschlafen müde ist, hat sie hergebracht und ihnen eine Wohnung verschaffen können. Herr Sidi ist jetzt nicht so mit der Tatsache vertraut, dass in all den Wochen bei uns aber kaum was gegangen ist.

Im Vorjahr hat Herr Sidi einen von der Bundesagentur bezahlten Kurs zum Systemprogrammierer abgeschlossen. Als das hätte er in Syrien schon früher gearbeitet, was aber wolkig bleibt, denn Herr Sidi hat außerdem als Kellner und auch als Musiker gearbeitet. Jedenfalls hat Herr Sidi seinen Abschluss und er ballert eine Bewerbungsmail nach der anderen weg. Aber es bringt nichts. Oft bekommt er nicht mal Antwort. Das hält er, kommt uns vor, für Bösartigkeit seitens des deutschen Arbeitsmarkts ihm persönlich gegenüber, möglicherweise ihm als dem Ausländer.
„Und Herr Sidi, wie sieht’s heute bei Ihnen aus?“, fragt Frau Henkenhaf.
Herr Sidi antwortet bitter und böse. Sie zieht in diesem Fall vor, das nicht zu hören.

Und es ist Nachmittag. Wieder quengelt Frau Schnurr um Zuwendung. Und Frau Henkenhaf ignoriert auch das noch mal.
Herr Sidi leidet.
Er flüstert: „Da wäre jedes Praktikum besser wie das da.“

„Aber du hast dich grade für ein Praktikum beworben, das kann noch was werden.“
Frau Henkenhaf hat das Wort Praktikum aufgeschnappt.
„Ja, den Herrn Sidi habe ich diesmal sich auf einen Praktikumsplatz bewerben lassen, obwohl das sonst so nicht Sitte ist bei uns.“
Zwanzig Minuten danach seufzt Herr Sidi leise, aber nicht sehr leise: „Das ist so sinnlos.“
„Aber“, fährt Frau Henkenhaf auf, „das ist doch nicht sinnlos, wenn wir die Hoffnung nicht aufgeben und Frau Schnurr auch heute helfen, ein tolles Motivationsanschreiben fertig zu bekommen.“
Herr Sidi verschränkt seine Arme über der Tastatur, er schließt die Augen und legt den Kopf ab. Frau Henkenhaf übergeht es.

Umso wilder klickt Herr Störk, welcher uns so gegenüber sitzt, dass wir vom Monitor nichts sehen. Stundenlang kann Herr Störk das treiben. Immer klicken, klicken, klicken, sehr schnell, sehr viel. Herr Störk, der hat Luchsaugen. Und jetzt wird uns klar, dass wir bei aller Unterlagenredaktion, Stellensuche und so viel maschinenhaften Klickerei Herrn Störk noch nie eine Bewerbung haben versenden sehen.

Auch für Herrn Störk druckt Frau Henkenhaf hin und wieder ein Angebot aus dem Internet aus und reicht es ihm rüber.
„Äh was? Ach das ... Also, das kann ich mir für mich nicht vorstellen.“
Seine Antwort ist mit Argumenten so wenig unterfüttert, dafür etwas verwundert und gelangweilt, wie noch jedes Mal.

Natürlich wird an den stickigen Nachmittagen, wenn die Hälfte vom Kurs nicht mehr da ist, durch die Blume auch angedeutet, dass es für heute genug wäre. Vor allem, was entfernt nach einer Beschwerde klingt, weicht Frau Henkenhaf keinen Zentimeter zurück. Jedenfalls nicht am Anfang. Mit unbewegter Miene schmettert sie das jedes Mal ab. Und dann, wenn zwanzig Minuten vergangen sind, ist sie geneigt, die Anregung selbst aufs Tapet zu hieven, als handelte es sich um ihre Inspiration eines milden Moments.

„Ach übrigens, Sie können die PCs runterfahren.“

Und es ist doch erst unglaubliche 16:13! Offizieller Feierabend: 17 Uhr. (Bis da ist es nach dem ersten Kurstag zwar nie gegangen.) Im Gespräch mit der Dozentin hatte Herr Störk schon mal fallen lassen, dass es bei anderen Kursträgern Probleme gegeben hätte, als dem Arbeitsamt hinterbracht worden wäre, dass der Hammer bei denen viel zu früh beiseitegelegt werde. Die Leute bei der Startrampe haben es sich eine Lehre sein lassen und Schwierigkeiten hatte man noch nie.

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