Essay Nr. 5 - Der Tafel-Laden - Page 2

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Samstags zweieinhalb, dann keine Pause. Man muss sich klar machen, dass um den Verkauf noch manche andere Arbeit anfällt. Die Ware auspreisen, Regale füllen, Tagesabschluss machen, Reinigung, Abfall entsorgen, Verpackung, Verdorbenes! Etliche der in Tafelläden Beschäftigten sind allerdings ehrenamtliche Helfer. Sie arbeiten rein freiwillig und selbstlos, bekommen jetzt nicht gleich gar kein Geld, sondern bekommen eine kleinere Aufwandsentschädigung. Oft sind es Rentner. Für eine 40-Stunden-Woche stehen diese nicht zur Verfügung.

Einen Tafel-Laden kann man nicht ausschließlich mit ehrenamtlichen Helfern führen. Ein oder zwei Personen, zumeist Frauen, die „Chefinnen“, müssen die Verantwortung übertragen bekommen und, als wäre es ihr eigenes Unternehmen, die anderen anleiten und kontrollieren. Wir merken an dieser Stelle, dass, jenseits aller Blau-&-Laddel-Lebensmittel, es nicht schlecht ist, wenn der Staat diese caritativen Vereine bezuschusst. Wenn vielleicht auch nur indirekt. Also gar nicht durch Geldzuschüsse, vielmehr, indem er den Tafeln Langzeit-Arbeitskräfte bezahlt, die von ihnen (befristet) eingestellt werden. Staatliche Jobcenter vermitteln einem Langzeitarbeitslosen eine Verkäuferstelle bei der Tafel und bezuschussen statt seinem Hartz ein Gehalt, das dann kaum höher liegt.

Unter der Vorgabe, im sonstigen Einzelhandel werde diese Subventionierung seitens der öffentlichen Hand niemanden um einen normalen Arbeitsplatz bringen, werden Beschäftigungsprogramme aufgelegt. „Marktfähig werden“, hat die Kanzlerin mal gesagt, muss unsere Demokratie im einundzwanzigsten Jahrhundert noch werden. Marktfähig muss aber so ein Tafel-Laden gerade nicht werden. Es muss irgendwo noch ein paar letzte Arbeitsplätze geben, die mit Leuten besetzt werden, die selber nicht marktfähig sind. Das bist du ja nicht, wenn du eine Frau über fünfzig bist und zehn Jahre arbeitslos warst und vorher einen Supermarkt in Kasachstan mit-geleitet hast. (Dennoch beherrscht du die Sache an sich ja, die du dann tust bei dieser Tafel.)

Der mir bekannte Laden unterstand vor Jahren zwei „Russinnen“, nicht jungen und nicht hübschen und auch nicht fehlerfrei Deutsch sprechenden Aussiedlerinnen. Von den Kunden stammten einige auch aus der Region, aus welcher sie zugezogen waren. Daher wurde bisweilen versucht, eine besondere Vertrautheit zu den beiden „Chefinnen“ herzustellen, indem man Russisch sprach. Im Allgemeinen entzogen sich beide Damen, indem sie stur auf Deutsch Antworten gaben. Aber natürlich gab es immer auch die Art Gespräche, bei denen sie von sich aus ins Russische wechselten.

Die Arbeitsbedingungen von Beschäftigungsmaßnahmen der Jobcenter sehen höchstens dreißig Stunden Arbeit pro Woche vor. Schon deswegen kann so eine „Chefin“ auch nicht ständig vor Ort sein wie die Blau-&-Laddel-Filialleiterin. Ohne sie läuft aber nichts. Ehrenamtliche können keinen Kassenabschluss machen. Auch kann man nicht fünf verschiedene Chefs in Schichten einsetzen. (Chefs sind ja mehr oder weniger einzeln.) Allmählich verstehen wir, warum die Öffnungszeiten des Tafel-Ladens kurz und daher die Schlangen lang sind. Hier wirkt kein Markt. Ein Markt, der merkte, dass die Schlangen oft lang sind, würde seine Öffnungszeiten in den Abend und die Nacht hinein verlagern, Filialen in Stadtteilen gründen.

Damit die zahlreichen Kunden in den Stoßzeiten den Laden nicht überrennen, steht an der Tür ein Wächter. Dessen Arbeit erleichtert das System der rationierten Einkaufskörbe. Es mag manchen gelingen, von draußen an die Scheiben klopfende Kinder in die Räume einzuschleusen, sie mögen ausschwärmen und alles raffen, was heute superbillig ist, aber Geld hinlegen und die Waren mitnehmen, kann immer nur der Eine, der den Laden-eigenen Einkaufskorb bekommen hat. (Dieser Laden war viel zu klein und eng für Einkaufswagen. Wir reden von einem Geschäft in der Größe sogenannter Tante-Emma-Läden.) Absichtlich gibt es immer zu wenige Körbe für die Schlange draußen. Die Leute sollen sich im Laden nicht zu prügeln anfangen. Obwohl es regnet, bleiben sie vor dem Haus draußen und warten. War es nicht in Mittelasien so? (Nein, dort regnete es weniger.)

Wie ist hier die Produktqualität?

Gammelware, Verdorbenes, Abfall werden nicht (!) verscherbelt. In Deutschland müssen abgepackte Lebensmittel ein Mindesthaltbarkeitsdatum aufweisen. Geschäfte können Waren mit abgelaufenem Datum dann nicht zu reduzierten Preisen abstoßen. Allerdings können sie, wenn der heutige Tag als Ablaufdatum draufsteht, um zehn vor zehn Uhr das Produkt noch verkaufen. Auch dann müssen sie den Preis noch nicht reduzieren. Dennoch tun sie das vielfach, meist sogar zwei, drei Tage vor Erreichen dieses Datums, besonders, wenn Wochenende kommt. Blau & Laddel hat die roten Aufkleber, die uns sagen, dass dieser Quark jetzt 30 Prozent weniger kostet. Wer so was kauft und nicht aufs Datum guckt, ist selbst schuld. Wenn aber zwei oder drei Tage nach dem Datum etwas noch nicht verkauft worden ist, muss Blau & Laddel es wie Müll entsorgen lassen. Müllentsorgung kostet ihren Teil. Auch bei Blau & Laddel. Es gibt Kunden, die würden nach dem Ablauf der Verkaufsfrist manche Artikel gegen Nachlass noch nehmen. Ihnen darf Blau & Laddel es nicht geben. Der Tafel-Laden darf das auch nicht!

Allerdings zeigt den Tafel-Laden, der so etwas tut, keine Konkurrenz an, denn Konkurrenz kennt dieser Nicht-Markt gar nicht. Es schaut hier keiner nach. Die Tafeln tun ein helfendes Werk für die Benachteiligten.

Stellen wir uns vor, wir leiteten einen Blau-&-Laddel-Regionalzweig. Wir merken genervt, da sind fünfzig Steigen Milchreis zu viel. Das Datum läuft ab, es sind viel zu viele. Wir wissen in etwa, wie viele wir losbringen, wenn wir die Reduktions-Kleber anbringen. Wir könnten einige Steigen verschenken. Einen Verlust für unsere Bücher haben wir so oder so. Aber wenn wir sie verschenken, müssen wir nicht was obendrauf für den Müll zahlen. Wir verbilligen einen Teil vom Milchreis, spenden den Rest der Tafel.

Unsere Mitarbeiter müssen die Steigen raus ziehen und an der Rampe abstellen. In den Transporter laden ihn die (von der Arbeitsagentur entlohnten) Mitarbeiter vom Tafel-Laden und sie überführen die Ware, kostet uns nicht weiter. Allerdings haben jene Fahrer und Packer, im Gegensatz zu unseren eigenen, nur 30 Stunden Zeit in der Woche. Denn Rentner steuern solche Lkw nicht. Wir merken, dass nicht jedes Mal der optimale Zeitpunkt gesichert ist, wenn etwas zügig von Blau & Laddel zum Tafel-Regal reisen sollte.

Unser Tafel-Laden, er ist klein. Genau heute haben wir noch diverse Joghurts und Puddings im Verkauf, deren MHD wirklich bereits abgelaufen ist, wenn auch erst seit gestern. Außerdem ist noch kein Preisschild am Milchreis. (Das wird auf 10 Cent lauten, aber es muss erst noch getackert werden von einem, wenn er mal Zeit dafür findet. - Aber wir können nicht

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