Übers Kino: Filme aus dem Jahr 2015 - Page 13

Bild von Klaus Mattes
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Mutter schläft mit einem Dreizehnjährigem, Papa kommt im Minirock, die sechzehnjährige Tochter geht auf den Strich, ihr Bruder bricht ins Kloster ein und heiratet eine Nonne. Allerdings versteht jeder Franzose, es ist ja alles Karneval und danach ist die Ordnung umso wiederhergestellter.
Bei „Im Sommer wohnt er unten“ krachen zwei Brüder aufeinander. Schon immer ist der Ältere der Stolz ihres Papas (immerhin der Hauseigentümer) und ein Erfolgsmensch mit fettem Salär gewesen, der über des Bruders Bummelei lachen durfte. Auch diese Sommerferien wieder vertreibt er ihn aus der sonnigen Wohnung im ersten Stockwerk. Doch mit ihm auch seine französische Freundin und deren Kind, welches er alsbald, wegen Lärmbelästigung, auch noch zu irgendwelchen Bekannten abschiebt. Allerdings ist an dem Erfolgstypen irgendwas faul, das spürt die Französin gleich, wenn sie auch noch nicht wissen kann, dass des Eingedrungenen fortwährende Ehekrise seit Jahren mit einem Baby verdeckt werden soll, dessen Zeugung nur noch nicht geklappt hat. Eine Fahrradtour ans Meer wird angeleiert, weder der ältere Bruder noch die Französin nehmen am Ende daran teil, sodass an diesem schönen Tag übers Kreuz andere Allianzen geschmiedet werden könnten.
Tom Sommerlatte gelingt mit ziemlich einfachen Mitteln, aus dem Idyll ein Duell zwischen dem Angeber und dem Versager zu machen. Man ist gespannt, was nun in der Nacht, womöglich unter dem Wasser des Pools, noch alles geschehen wird. Aber da kurvt dieser Film ins deutsche Komödienfach retour, unterwirft den Hochnäsigen einem Bestrafungsturz, konfrontiert mit zu viel Rechthaben, um noch länger französisch zu sein. Der Blender ist verschuldet bis über beide Ohren. Spielsucht hat ihn sich mit hochriskanten Finanzmanövern ruinieren lassen. Beruflich ist er im Aus, ein impotenter Flüchtling ins Sommerparadies. Nun allerdings, Deutsche sind einfach zu lieb, die Familienwiedervereinigung. Blut ist nun mal dicker als Wasser. Französische Komödienauftakte sind besser als deutsche Happyends.

Victoria
Der aus Hannover stammende, lange zur Hamburger Szene zählende, 47 Jahre alte Sebastian Schipper hatte schon öfters Schauspielerauftritte in Filmen seiner Kollegen. Im dänischen Wunschmutterschafts-Melodram „I am here“ (2014) ist der grau werdende Hüne mit Vollbart, ziemlich schiefen Zähnen und norddeutschem Akzent der Ehemann von Kim Basinger, eine gediegen und beschützend erscheinende Figur. Innerlich hat Schipper sich jedoch nie weit von den proletarischen Jungs seines Debüts „Absolute Giganten“ (1999) entfernt. Schaut man sich jetzt seine mit Radau und Alk sich ihrem Erwachsenwerden entziehenden Partyrebellen an, versetzt ins hauptstädtische Berlin, in eine Clique von Leuten, die an irgendeiner Stelle immer noch als „Jugendliche“ bezeichnet werden, obwohl sie wacker auf die Dreißig zugehen, stimmt irgendwas nicht mehr.
Aufgrund der formalen Ambitioniertheit ist „Victoria“ im Jahr 2015 wie ein Filmwunder gehandelt und mit etlichen Preisen versehen worden. Gedreht wurde in „Plansequenz“, so ähnlich wie bei Alfred Hitchcocks „Rope - Cocktail für eine Leiche“. Die Zeit der Handlung entspricht genau der Zeit des Zuschauers im Sessel. Die in Bewegung bleibende Kamera scheint den Film hindurch „live“ am Ball zu bleiben, sozusagen Mitglied dieser Gang zu sein. Herstellen lässt sich so etwas nur mit logistischen Meisterleistungen, konzentriertem Volle-Länge-Durchspielen und einigen Computerschnitt-Tricks. Das ist professionell, macht allerdings kein Meisterwerk aus „Victoria“.
Man kommt nicht umhin, sich gelegentlich zu langweilen. Es kann nicht nur spannend sein, einer allmählich das vernünftige Maß übersteigende Sauferei unter Männern mit all ihren halblahmen Späßen zuzuschauen, während man selber auf dem Trockenen sitzt. Auch wenn bald eine junge Spanierin dabei ist, eine tolle Frau, der zuliebe, weil sie kein Deutsch versteht, der Dialog jetzt in Englisch kommt. Wege der Krise in Spanien hat sie ihr Studium abgebrochen, jobbt prekär und schwarz in einem Berliner Kiezcafé. Die Jungs versuchen ihr zu imponieren. Überraschend wird mitgeteilt, obwohl recht hacke, hätten sie einen Bankraub für die frühen Stunden des anbrechenden Tages anstehen; den schulden sie, als Amateure, einem Gangster.
Wahrscheinlich war ich zu alt für die Banditenromantik. Ich nämlich wurde böse auf diese Übermütigen, nahm krumm, dass sie, wenn als Räuber schon nicht ausgebildet, vor so einem Job so viel tranken, eine Unbeteiligte mit reinzogen. Ein Mann ist ausgefallen, die Spanierin wird Ersatzfrau. Mit ihrer Beute machen sie sich dann nicht schnell vom Acker, sondern gehen noch mal feiern, in einem Kellerclub, der noch geile Mucke laufen hat. Dem schließt sich eine Schießerei mit der Polizei an, wodurch der Film mit jenem coolen, blutigen Jugendprotest-Showdown endet, der in Deutschland auch vor annähernd fünfzig Jahren angesagt war, als das Bankräuberpaar „Bonnie und Clyde“ Kult wurde.
Der netteste von den Berliner Jungs, Frederik Lau aus „Wir waren Könige“, hat es eben noch klar gekriegt, dass sie sich jetzt lieben, da verblutet er auch schon. Die katalanische Neuentdeckung Laia Costa (aus Barcelona) kann aus dem Debakel mit dem ganzen Geld rausmarschieren. Nach Spanien. Zurück ins Studium. Dann kann man als junger Mensch dem Altwerden in der Krisen-EU gefasst ins Auge blicken.

4 Könige
„Bis zum nächsten Mal überlegt ihr euch: Was bedeutet mir Weihnachten?“ Lehrer oder Therapeuten, die solche Aufgaben stellen (Was bedeutet euch Coca Cola? Was bedeutet euch Martin Luther? Was bedeutet euch die parlamentarische Demokratie? Was bedeutet Selbstbefriedigung für dich?) werden, meinethalben, am nächsten Baum aufgeknüpft. In „4 Könige“ ist es der Stuttgarter Schauspieler Clemens Schick, der einen Film lang den Eindruck unerschrockener Autorität, allerdings auch kompletter fachlicher Idiotie erweckt, welcher als Psychiater Dr. Wolf, in einem über die Festtage fast leeren Psychiatriegebäude, mitten im Wald, außerhalb Hamburgs, vier jungen Leuten, zwei Mädchen, zwei Jungs, diese Aufgabe über die Festtage aufgibt. Und die machen sich über diesen Blödsinn nicht etwa lustig, wo sie doch sonst ganz und gar mit der seriösen Welt zerfallen sind und sich in ihrer Einsamkeit und schützenden Fühllosigkeit eingesponnen haben. Nun ja, Dr. Wolf ist eben voll groovy, das spüren auch diese vier Beknackten, hier ist ein Mensch, bei ihm möcht man sein. Ich bin richtig wütend auf diesen Film, weil es ihm breithin gelingen wird, den Eindruck von Kunst, von Werten und Anliegen, von Schmerz und Befreiung zu wecken - dabei ist er nichts als clever gefakete Nullaussage, Pathos-Posing! Schleim, wie er entsteht, wenn in einer durch und durch neoliberalisierten Gesellschaft die studierten Töchter aus den höheren Sphären des Bürgertums ihre Lebenslaufbahn als Künstlerin einschlagen. Andere machen Theater, schreiben Bücher, verknoten Installationen, hupfen Ballett -

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