Reuenthal 1 - Regen im April

von Klaus Mattes
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Wie sagt im Park der Stricher zum Mann?
„Scheiß Wetter! Ich bin ganz nass.“

Das freut diesen Mann, weil er ab da weiß, dass der Stricher noch einen braucht, der eine Wohnung hat, die nicht nur trocken und warm ist, sondern in die man auch seinesgleichen mitnehmen kann.
„Da kommt jetzt keiner mehr, oder?“, fragt der Stricher.
„Nee, bei Regen bleiben sie weg. Bei Regen läuft nie was.“
„Scheiße!“

„Wie ist’s gelaufen? Hast du was gekriegt?“
„Von wegen! Die sind beknackt.“
„War sowieso nix, gell? Oder war was?“
„Quatsch! Wann ist hier mal was?“

„Das ist eben Reuenthal.“
„Reuenthal, die Dreckstadt! Wenn ich nur weg komm von der Scheiße!“
„Bist von hier? Sind deine Eltern in der Stadt?“

Es ist April. Der Himmel ist grau. Gelegentlich kommt die Sonne durch. Dann grau. Wolken, dunkle Ballen, die voran schieben, wenn wir zum Himmel blicken. Aber wir blicken nicht hin. Wir wissen, dass er grau ist.

Regenwolken, die sich den Tag über noch nicht ergießen. Erst nachts, wenn wir in den Park steigen. Wir wollen es weiter, trotz allem. Schirm nicht vergessen! Falls es nicht regnet, wird es anfangen, wenn du dort bist. Ich erfinde hier nichts, so ist es und zwar jedes Mal. Kalt ist es nicht. Warm ist es nicht. Es ist kühl, April. Frühling stellt man sich wonniger vor. Jedes Jahr die Scheiße wieder.

Tagsüber sind in Reuenthal die gleichen Leute überall am Laufen. Hausfrauen sowie jene Reuenthaler Rentnerinnen mit dem Stock. Die sich erhalten haben, ihre Männer unter die Erde gebracht. Keiner braucht diese Weiber, keiner hat sie lieb. Doch sie geben nicht auf, überall füllen sie Fußgängerzonen und schänden die Sicht auf die Bühne des zu berichtenden Nichtgeschehens.

Städtische Hilfspolizisten mit Blöckle für Falschparker. Städtische Auskunftsperönlichkeiten, Damen, über die uns bekannt ist, dass sie soeben noch unvermittelte Langzeitarbeitslosinnen gewesen waren. Die sehen aus wie das Salz der Erde.

Verkäufer und Verkäuferinnen machen einen Sprung ins Nachbargeschäft, um süße Teilchen, Süßstückle genannt, einzuholen für die übrige Belegschaft.
„Hanna, was nimmsch du heit?“
„E Apfeldasch, so wie immer.“

Und überall wichtige Personen. Überall sind wichtige Personen. Meist in gedeckten Anzügen, Krawatte, Aktenkoffer, Schritte. Viele sind dann aber auch Bankangestellte oder sonstige Schreibstubenhengste. Auf die Schuhe musst du achten. Die Schuhe sagen alles. Doch wichtig sind sie. Alle Menschen in Reuenthal sind irgendwo von besonderer Wichtigkeit, wie somit auch dieses hier anhebende Buch mitten aus der Reuenthaler Mitte.

Viele Ausländer, Türken. Mal im Familienpack oder als Männerpaare oder schwarz vermummte Plastiktüten-Schleiferinnen. Sind hergekommen, um auf Kosten zu leben, jedoch eben Ausländer, Türken, ohne Schuldbewusstsein, ohne den deutschen Beschäftigungslosen-Blick zum Grund.

Und auch: Schüler. Man sollte mehr außer Haus gehen, bei hellem Tageslicht, sind so viele Schüler auf dieser Welt. Seltsamerweise die meisten männlich und davon wieder die Mehrzahl schmackhaft anzuschauen. Welche Stadt, Völker der Welt, schaut einmal nach Reuenthal an der Litter!

April tags. Nachts Zwischensaison. Es geht schon los, nur leider nicht bei Regen.

„Obwohl“, sagt Helmut, „ich im Regen die allerbesten Schüsse gekriegt hab.“ Doch dieser Helmut ist ein Schwätzer. Helmut ist seit fünf Jahren im Park. Ich schon zehn. Helmut glaubt, dass er mir was erzählen kann. Nein, ich erzähle alles ganz allein. Geschätzte Leser, Sie lesen die Aufzeichnungen eines alten Narren aus einem Kellerloch im Littertal.

Wir stellen uns einen Reuenthaler Park vor. Die durchaus geräumige Bühne, allerliebst gebaut und aufgeputzt. Regenverhangen stemmen dort altersgraue, braune Steine vom Boden sich ab. Grabsteine, Steine des Todes, o Leser! War hier einst ein Friedhof. Lichtes, dann immer dichteres Buschwerk. Schon treibt die Natur zum Wuchse auf und lässt die Säfte steigern. Prall die Blüten, die Blumenrabatten. Die Käuze krächzen und Fledermäuse flattern.

Die Käuze miehgsen oder fliepsen fast eher, als dass sie krächzten. Der Forstläufer erkennt diesen Klang beim Wort „miehgsen“ sofort. Tränen des Himmels netzen harrende Hartlaubgewächse. Düfte verklimmern und erschweifeln, es schweiget die Stille, o unser Herr, wie hast du können!

Dazwischen dann auch Tempo-Taschentücher. Die trank geseimten Kondome. Das tritt sich ein. Manchmal Scheiße am Schuh, wenn man den Busch verlassen hat, ärgerlich, weil nicht aus dem Profil zu bringen.

Ein säuselnder Vorhang aus Niesel hebt sich auf, ängstlich. Dann erscheint unser Protagonist. Das ist der Mann. Der Mann trägt seine Brille. Der Mann ist Lehrer. Wir wissen nunmehr schon vieles über diesen Mann. Mitte bis Ende dreißig, lichte Stirne, ohne Bart, beleibt (rund neunzig Kilo), blaugraue Augen, dunkelblonde Haare, überdimensionierte Camel-Safari-Jacke, ein kleiner Knirps, kompakt in einer milden Hand. Wir wissen schon so viel. Freundliches, nicht gerade markantes Gesicht, große Nase, schmaler Mund, kurzer Hals, eitel aufgerecktes Kinn. Wir wissen also Bescheid: allein lebender, schwuler, Lehrer ohne Arbeitsplatz, 38.

Nachts nieselndes Reuenthal. Lasset uns gähnen!

Er gähnt nicht. Sondern ist gespannt. Wird der Junge (oder, wie wir besser wissen: der Stricher) hier sein? Er hofft darauf. Zwar machen Stricher-Jungen Ärger, aber ohne den Jungen wäre dieser Park leer. Und Bücher über leere Parks haben wir doch zur Genüge gelesen.

Ein weiteres von ungezählten Malen beginnt es an der - eher unwichtigen - Stelle zu regnen. Zwar nicht stark, aber der Mann spannt seinen Knirps auf. Zwei Tage zuvor, als es warm und trocken gewesen war, hatte er Tobi getroffen. Zuerst hatte er nicht bemerkt, dass es der Tobi war.

Er hat drei junge Burschen im Park streifen sehen, laut sich unterhaltend. Der Anblick hat ihn angezogen. Aber er ist auf Sicherheitsabstand geblieben. Drei Junge können sozusagen selten Gutes bringen. Im günstigsten Fall sind es Freunde, die nicht ahnen, was im Park alles geht. Die meisten wissen es zwar. Keine Ahnung, wie es rumkommt. Aber deswegen kommen die meisten auch nicht auf die Idee, hier drin spazieren zu gehen. Dann gibt’s die, die wegen den Schwulen gekommen sind, meist ohne exakt zu wissen, was sie mit ihnen vorhaben.

Dann machen sie Sperenzchen. Sie pfeifen und sie rufen „Halloo!“ oder auch „Hey, ihr schwulen Schneiderlein, meck, meck, meck! Seid ihr alle da? Tretet hervor aus euren Schattenlöchern!“
Alle Schwulen ratzfatz weg.

Es hätten zwar Stricher sein können. Stricher gibt es selten, wenn aber, immer nur einen aufs Mal. Außerdem sollten Stricher einsatzbereit bleiben. Stricher sollten nicht dem Markt sich in Grüppchen entziehen.

Der Mann hat den Eindruck, dass diese Drei eher harmlos sind. Vorsichtig nähert er sich, gefasst abzuhauen. Da erkennt er Tobi. Tobi ist der Bursche aus dem Bauwagen. Zwanzig soll Tobi sein. Ohne Arbeit, ohne Ausbildung. Im Heim war Tobi. Zu seinen Eltern geht er nicht mehr. Jetzt hat Tobis Heimatstadt ihm als Notunterkunft einen Bauwagen am stillgelegten Bahnhof angewiesen. Die Stadt dieses Tobis ist nicht unsere Lichterstadt Reuenthal, sondern mehr so ein Nest, fünfzehn Kilometer weit weg. Auto hat Tobi nicht.

Aber er weiß schon sicher, dass er schwul ist. Wie viele Zwanzigjährige können es denn heutzutage so von sich sagen? Seit Tobi das Schwulenlokal in der Lichter- und Litterstadt, das Batsch (wie: „Batsch! Jetz halt dei Lapp!“) entdeckt hat, will er jeden Abend raus und rein in die lichternde Stadt.

In der Kneipe namens Batsch kennt Tobi viele Männer; er hängt letztlich aber alleine drin. Tobi ist, so schon stadtbekannt, der Schnorrer Tobi. Wozu erwähnt sein muss, dass Tobi nicht etwa die Schönheit ist (spindeldürr, krummer Zinken), sich gehen lässt, wäscht sich selten, hat dieselben Sachen an, fettige Strähnen.

Man könnte das für Charakterklitterung innerhalb eines literarischen Mistwerks erachten, doch ist alles wahr und so gewesen, wie es hier zu lesen bleibt. Das alles ist 100 Pro authentisch, von unserem bescheidenen Zeitzeugen, dem Heiner erlebt - hinter Heiner verbirgt sich natürlich Peter.

Tobi mag Rumtucken. Rumtucken gefällt nur denen, die rumtucken. Tobi säuft, falls man ihn ließe. Und selbst dann noch ziert dieser eben nicht schöne Tobi sich, weil er jung ist. Tobi will die Jungen kriegen, möglichst für länger. Tobi will geliebt werden. Jeder Mensch hat das Anrecht auf Liebe, wie fälschlich viele meinen. Die Jungs in Tobis Alter können auf Tobi verzichten, weil ... Na, das führten wir griffig schon aus. Liest denn keiner mit?

Daher hat der Mann, Peter, Tobi bei sich öfters übernachten lassen. Nein, er hat nichts mit ihm gehabt. Tobi wollte gleich Geld. Der Mann hat, behauptet er, nie Geld, weil er länger arbeitslos ist. Manche sind nie richtige Lehrer gewesen, aber das ganze Leben arbeitslos.

Der Mann hat gewartet, bis Tobi schlafen will. Aber Tobi will nie schlafen, weil er sich gerner gehen lässt. Sie sind in der Küche gehockt und haben getrunken, die Nächte bis in den klaren Tag hinaus.

Beim letzten Mal war Tobi dann doch mal müde. Und er hatte knacken wollen. Natürlich hat der Lehrer ihm sein Bett aufgeschlagen, obwohl Tobi gestunken hat. Tobi wollte nicht ins Bett. Stricher sein und immer so Sonderwünsche. Tobi hat sich auf den Boden geflackt. Da hat der Mann ihn nicht angefasst, obwohl er ihn frag- und anstandslos hätte genau da anfassen sollen. Die Nachteile von einer akademischen Charakterbildung.

Am nächsten Tag war er dann sauer, weil er nicht weiß, warum Tobi die Wurst wegfrisst, Cola säuft, ihm die Bude zuqualmt, zulabert mit den nie passierenden Liebesgeschichten, während er anderen, das weiß der Mann vom Tobi direkt, das wurde wörtlich so schon mal gesagt, einen „abbläst“, wenn sie ihn zum Bauwagen bringen, weil der Bus, nachdem Tobi im Batsch nichts gekriegt hat, nicht mehr fährt. Weil, wie schon angedeutet, Stricher und unordentliche Leute, die ihn um so eine Stunde nehmen würden, in Reuenthal nicht genug anfallen.

„Ja, heißt das, dass du denen einen bläst? Also fahrn nachts lauter Schwule durch die Gegend?“
„Weiß ich ... sind aber viele.“
„Ja, wie läuft’s dann? Kennst du die? Sagen die, dass sie einen geblasen kriegen wollen?“
„Die kriegen das mit, was ich für einer bin. Dann langen sie so her oder holen ihren Schwanz raus.“

„Was empfindest du dabei?“
„Was soll ich empfinden? Besser wie nix. Ich blas schon mal gern. Wenn er mich fährt, ist das mein Ticket, umsonst ist der Tod.“
„Und der kostet’s Leben.“

Die anderen sind Neue.
Der eine heißt Micki. Der andere Timo. Micki blond, strahlend, locker, selbstbewusst, ein kleiner Angeber. Timo abgebrochener Riese, düster, verbissen, bedrohlich auf nicht zu sagende Weise.

Tobi: „Ach hallo!“
Mann: „Hallo, Tobi, heute mit Gästen? Hallo! Hallo!“
Micki: „Hallo“ (gibt Hand, charmant). „Ich bin der Micki.“
Timo (gereizt): „Hallo.“

Tobi: „Das ist der Peter.“
Mann: „Und? Ist was?“
Tobi: „Vergiss es! Nur Kacke!“
Micki: „In Frankfurt ist das anders. Was meint ihr, was in Frankfurt um die Zeit geht! Die Benz-Freier haben Heu. Dreihundert die Norm.“
Tobi: „Dreihundert. Echt?“

Mann: „Bist du von Frankfurt?“
Tobi und Micki lachen.
Timo frostig.
Micki: „Nein, ich bin aus Reuenthal. Aber ich geh bald.“
Tobi: „Wir gehn alle drei nach Frankfurt. Haben wir vorhin abgemacht.“
Micki: „Dreihundert, da bleibt was über. Ich kenn einen, der hat vierhundert gekriegt, weil er sich ‘nen Gummischwanz reingesteckt hat. Vor Zuschauern natürlich.“

Mann: „Wie heißt du noch mal?“
Timo erzeugt Geräusche.
Mann: „Wie, was?“
Timo (gereizt): „Timo, Mann!“

Der Junge ist kein Junge. Er ist nämlich volle zweiundzwanzig Jahre alt. Zwei Jahre mehr wie Tobi und gleich wie Micki. Man denkt nur immer, dass er viel jünger ist wie die.

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