Reuenthal t - Heiß vom Fieber

von Klaus Mattes
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Noch mal ein Herbst und dann wieder ein Winter waren vergangen. Der Mann war allein geblieben, weiter ohne feste Arbeit. Den Filmclub Reuenthal hatte er nach einem Streit verlassen. Stattdessen war er zur Schwulengruppe gegangen, was dann aufs Gleiche herauskam. Von Timo, Tobi und dem Reiselfinger Heinz hatte er nie wieder was gehört.

Als es fast exakt zwei volle Jahre nach jener Nacht, in der er den Jungen zum ersten Mal aus dem Reuenthaler Park mitgenommen hatte, in den allerletzten Märztagen also, um halb eins klingelte, hielt Peter das anfangs für ein Versehen. Jedenfalls dachte er nicht an Timo.

„Ich bin’s. Mach auf!“
„Wer ist denn bitte ich?“
„Ich bin’s.“
„Ja, wer also?“
Obwohl er dieses mulmige Gefühl hatte, das Schicksal habe ihn eingeholt.

„Du weißt, wer hier ist. Der Timo.“
„Ach so, Timo, du!“
Sein Zeigefinger drückte auf den Türöffner, als sei der ein Knopf zum Ausschalten.

Timo hatte sich nicht groß verändert. Noch immer sah er aus wie etwas unter zwanzig, dabei musste er eher Mitte zwanzig sein. Sein dunkelbraunes Haar, diese dunklen Augen, das Gehetzte und Aggressive, das Männliche und das Kindliche, alles da.

„Du musst mir helfen. Die sind hinter mir her.“
„Also Timo, was denkst du dir? Wer ist hinter dir her?“
„Ist nur für heut Nacht. Ich kann nirgends hin. Den ganzen Weg war einer hinter mir.“
„Wer ist denn da hinter dir her und wieso?“

„Ich hab den nicht gut sehen können. Jedes Mal, wenn ich mich umgedreht hab, ist er stehen geblieben.“
„Ein Bekannter von uns?“
„Er hat wie’n Ausländer ausgsehen. Den hat mir einer hinterher geschickt.“

„Von wo kommst du jetzt überhaupt?“
„Hab auf ‘ner Baustelle übernachtet. Kann ich bei dir bleiben? Am Montag krieg ich ein Zimmer im Männerheim.“

„Timo, was soll das? Soll die Scheiße wieder losgehen? Das sind jetzt zwei Jahre.“
„Ich will nicht bei dir wohnen! Ab Montag hab ich mein Zimmer. Du musst mir helfen. Ich bin krank. Es regnet.“

Klar, es fing alles bei Regen an. Der Junge war durchnässt wie früher auch schon. Eine Jacke hatte er nicht. Sweatshirt, beige Hose, hochgezogene schwarze Lederschuhe. Alles sah gut und teuer aus.
„Also? Kann ich bleiben?“
„Timo, das ist nicht richtig so. Ich hab mir geschworen, dass ich dich nie mehr in meine Wohnung lass!“

„Eine Nacht! Dann verschwind ich wieder. Du siehst mich nie wieder.“
„Ich hab das so verstanden, dass du von Montag an in einem Heim bist. Wo bist du dann morgen und übermorgen?“
„Das spielt doch keine Rolle. Geh ich zurück auf die Baustelle, wenn der Scheißregen aufhört.“
„Es regnet wohl fest? Hunger hast du wohl auch mitgebracht?“
Einen Satz ließ er weg: „Zieh deine nassen Sachen aus!“
Der Junge tat es nicht.

Und also waren sie wieder hier. Der Junge und der Mann. Mitten in der Nacht sitzen sie in der vom Licht an der Dunstabzugshaube jämmerlich erhellten Winzküche. Timo isst Wurst mit sehr viel Ketchup. Der Mann sieht zu. Er stellt sich neben den Jungen und nimmt ihn in seine Arme.

Der Junge glüht.
„Hast du Fieber? Du bist ja ganz heiß.“
„Ich glaub, ich bin krank.“
Der Mann geht und sucht das Thermometer. Er steckt es ihm unter seine Achsel.
„Das muss jetzt zehn Minuten da bleiben. Du musst stillhalten.“
Das Thermometer zeigt neununddreißig Grad.

„Du hast extrem hohes Fieber. Aber erkältet bist du nicht.“
„Ich hab so Punkte auf der Haut.“
Filzläuse, jaulte es im Innern des Mannes. Aber nein, Fieber machten sie nicht.
„Zeig mal her!“

Der Oberkörper ist mit kleinen hellroten Flecken überzogen. Ähnlich wie Masern, nicht erhaben, nicht verschorft. Die Haut ansonsten nach wie vor wunderbar.
„Hast du eine Ahnung, wo das herkommt?“
„Weiß nicht. Vielleicht vom Wasser aus der Tonne auf der Baustelle.“

„Du hast Tonnenwasser getrunken? Bleibt das so, bist du am Montag beim Arzt.“
„Das ist schnell weg.“
„Ach Timo!“
Und sicher doch, die Hand wollte von der heißen Haut gar nicht mehr weg.

„Wie war das mit den Läusen? Sind bei dir noch gewesen?“
„Läuse? Häh? Ach. Nein, die war’n weg.“
„Das Jacutin hast du ja nur einmal genommen.“
„Ich wasch mich doch gut und trocken mich auch gut ab.“
„Vom Waschen geh’n die nicht ein“, plärrte der Mann.
„Im Knast haben sie mich ja dann untersucht. Da war alles okay.“

Was den Knasturlaub anging, schien der Junge davon auszugehen, dass ganz Reuenthal nach all der Zeit darüber im Bilde war.
„Sag mal, Timo ... Erinnerst du dich? Wir haben diese Filzläuse gehabt. Wir haben uns also rasiert und geduscht.“
„Scheiße.“

„Also, da sind wir nackt zu zweit unter einer Dusche gestanden. Das war sonst nie so.“
„Kann sein.“
„Ja und ich hab dich eingeschmiert mit Duschmittel. Und ich war so hinter dir und hab so rumgelangt.“
„Und?“

„Na ja. In dem Moment hab ich eine rasende Lust gefühlt, ich möcht dich ficken.“
„Aha.“
„Weiß nicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass du genau gewusst hast, was bei mir abläuft. An dem Tag bist du ab und hinterher hab ich oft gedacht, du haust ab, wenn ich dir so komm.“
Der Junge grinste spöttisch.

„Weiß nicht mehr, kann mich nicht so gut erinnern.“
„Na ja.“
„Ich geh mal scheißen. Und ins Bett. Ich bin krank.“

Er blieb wieder lange hinter der abgeschlossenen Tür. Die Zeit reichte gut hin, die Küche in Ordnung zu bringen.

Peter zieht die Tagesdecke ab und legt seinen Schlafanzug aufs Bett. Genau in dem Moment, als die Unterhose unten ist, kommt der Junge herein. Sofort zieht er sie hoch und setzt sich aufs Bett. Der Junge mustert ihn neugierig.
„Schämen brauchst du dich nicht vor mir.“

Der Mann hat das Oberteil vom Schlafanzug an, unten nichts mehr. Er geht durchs Zimmer und legt die Unterhose hin. Der Junge glotzt ständig aufs Geschlecht. Dann zieht er sich selbst den Slip aus.

Sie liegen und schweigen.
Der Mann stöhnt auf, wälzt sich zur Seite, drückt sich an ihn, legt einen Arm über ihn.
„Du bist die beste Bettflasch, so heiß du grad bist.“

Der Junge rückt ein Stück, er hebt seinen Leib an und sagt:
„Leg den Arm mal da drunter.“
„Hoi, wie jetzt! Herr Brot! Was ist denn los? Wir haben uns irgendwie verändert!“

„Mach dich nur lustig. Mit den Kranken kann man’s machen.“
„Vor zwei Jahren hast du wochenlang die Mimose aufgeführt. Und heut. Wenn man bösartig wär, könnt man meinen, dass du provozieren willst, dass einer dich vernascht.“
„Ich bin eben bisexuell. Das weißt du genau, dass ich bi bin.“

„Aber ich hab’s dir nie abgekauft. Das war deine Nummer, auf die du gereist bist. Echt was gewollt hast du nie.“
„Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wo ich war, bis ich wieder in die Scheiße geflogen bin. Ab Dezember hab ich in Bretzdorf mit ‘nem Schwulen zusammengelebt. Und mit dem hab ich oft Sex gemacht.“

„Und jetzt bist du dort aber nicht mehr.“
„Er hat mich halt rausgeschmissen.“
„Wie kann man nur! Wie können die Menschen immer so sein zu dir?“
„Schaffen soll ich gehn, sagt er.“

„Und? Unsereins nichts Schaffender kennt diesen klugen Herrn auch? Wie wird der wohl heißen?“
„Armin heißt er.“
„Und der Armin ist wie alt?“
„Zweiunddreißig ist er.“

Das verblüffte den Mann. Zum bekannten Muster hätte einer über vierzig gepasst, über fünfundvierzig oder gar fünfzig eher.
„Wie bist an den geraten?“
„Im Liberty in Stuttgart. Über die Scheiße werd ich dir ganz bestimmt nichts mehr sagen, dass das klar ist!“

Weder einen Anfangsdreißiger aus Bretzdorf noch einen Armin kannte Peter. Sich Timo unter den Gästen im Stuttgarter Liberty Club zu denken, wollte ihm nicht gelingen.
Er küsste die heiße Stirn.
„Ich war im dunklen Tal, zuvor. Du kennst mich noch als Verworfenen. Ich tat einen tiefen Fall und der Herr hat mich aufgefangen.“
„Der Herr Satan?“

„Red kein Blech! Dem Namen deines Herrn und Gottes sollst du nicht spotten!“
„Der kleine Teufel Timo hat den großen Herrgott gefunden. Wau-wau, das ist unbezahlbar. Was kommt jetzt noch?“
„Die Strafe hat mich was gelehrt. Alle meine Fehler, die hab ich begehn müssen, damit der Herr mich zum Licht geleitet. Ich hab dermaßen viel Böses getan, dass ich nicht weiß, ob mein Leben langen wird, das alles abzubüßen. Oder ich komm in die Esse zum Ausglühn.“
„Ein ander Mal mehr davon. Heut sind wir krank, mein Hase.“

Sie lagen.
Peters Hand trippelt weiter über die nackte Brust vom Jungen. Sie läuft hier und dorthin und der Junge macht keinen Mucks. Und die Hand liegt nie still. Sie läuft zum Schwanz hinunter. Der Schwanz ist heiß und bretthart.

„So“, ruft Peter, greift über den Jungen zur Lampe, macht sie an, zieht sich die Schlafanzugjacke aus und wirft sie irgendwohin, hinaus aus dem Bett. Er knipst die Lampe aus und windet sich um möglichst sämtliche Ecken Timos und greift sich seinen krüppligen Schwanz und streichelt ihn ganz wenig nur.

„Aber ficken tun wir nicht. Ich bin krank. Ich hab schlimmes Fieber.“
„Gewiss doch. Alles wie üblich. Wir ficken ja nie.“

Und von da ab schlafen sie wie zwei Dessertlöffelchen im Besteckkasten.

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