Reuenthal n - Eine Kämpfernatur

von Klaus Mattes
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„Christopher Lee! Der war der beste Dracula.“
Filmbücher haben anderen Büchern voraus, dass viele Bilder drin sind. Der Mann kann nicht mitreden. Horrorfilme haben ihn nie interessiert. Das Buch hat er, weil es für drei Mark zu kriegen war.

Timo mag nicht, wenn Horror mit Persiflage vermischt wird.
„Das ist ein Scheiß. Da machen sie sich drüber lustig. Das ist totaler Scheiß!“
Werner Herzogs Nosferatu hat ihm dagegen gefallen. Am Ende vom Buch kommt Coppolas Dracula. Es gibt Filme, die ihnen beiden gefallen.
„Der ist toll! Den hab ich drei Mal gesehen.“
Den Soundtrack zu Coppolas Dracula hat der Mann auf CD. Der Junge nimmt zwei Stücke auf. Von da an erklingt das leise Liebesthema aus dem Film auch viel zu oft.

Und hier: Bruce Lee. Bruce Lee! Das Idol.
Ja doch, Bruce Lee. Dass er nicht selbst schon drauf gekommen war! Die fast kleine Gestalt, das Drahtige, das Wachsame, die dunklen Augen, ihr Geschlitztes, dieser verachtungsvolle Mund, die Allüren, schwache Frauen beschützen zu müssen, sonst aber in einer Ecke brüten.

Wenn der Junge Filme erzählt, hört es sich an, als hätte er nie begriffen, dass das nur Filme sind.
„Dann springt einer von hinten auf ihn. Er hat ihn aber kommen sehen ...“

Früher hat er trainiert. Wenn er eine Wohnung und Geld hat, geht er zum Kickboxen. Aber, sagt er, Training und Muskeln sind nicht, was den guten Kämpfer ausmacht. Das Geheimnis besteht darin, alles unter Kontrolle zu behalten. Er erzählt von einer asiatischen Kampfschule, die alles von der Selbstversenkung her angeht. Dann kann man töten mit einer Fingerbewegung.

Der Mann erzählt ihm, wie er zur Narbe unter seinem linken Auge gekommen ist. Ist letztes Jahr gewesen. Da sind ihm im Park zwei Burschen über den Weg gelaufen. Einer ihn festgehalten und ins Gesicht geboxt. Er hat geschrien, gleich sind sie geflitzt. Aber die Brille war entzwei, die Nase blutig, hier das Gesicht kaputt.

„Warum hast du dich nicht gewehrt?“
„Aber ich hab’s nicht glauben können, dass jemand wegen nichts zuschlägt. Außerdem kann ich nicht, ich hab das nie gelernt.“
„Jeder kann das. Das muss man nicht lernen. Den größten Protz haust du weg, wenn du deine Kräfte besser als er einsetzt. Wenn er keine Technik hat. Und die, wo bei den Studios die Technik gelernt haben, die haust du um, weil sie nur ihre Technik können. Du musst schnell sein, du musst vor ihm kommen. Wenn du spürst, er überlegt, ob er zuschlagen will, peng, hast du ihn zuerst geschlagen. Das kannst du und dann machen sie sich in die Hose.“

„Aber, ich bin nicht der Typ.“
„Ich hätt den Idiot so was von platt gemacht. Nie mehr hätt er dich angefasst. Ich halte mich an keine Regeln. Ich setz gleich alles ein.“

Da und da, zeigt er ihm, tötet ein einziger Schlag. Im selten angemachten Neonlicht der kleinen fensterlosen Küche tänzelt der Junge um ihn her. Er sieht böse aus.
„Komm hör auf! Ich lern’s nie.“
„Ich zeig dir das. Los jetzt! Schlag mal auf meine Brust!“

Der Mann hebt die Hand, schon hat Timo den Unterarm weggeschlagen. Er zieht ihm ein Bein fort, der Mann kann sich gerade noch an die Kante der Arbeitsplatte retten.
„Siehst du? Siehst, was ich mache? Jetzt greif mich an, du musst dich verteidigen.“
„Nein komm! Das ist nichts für die Wohnung.“
Er trifft seinen Unterarm, aber seine Fußangel erwischt ihn nicht.

„Das kann jeder. Du bist viel kräftiger wie ich. Nur dein Fett am Bauch muss noch weg und du hast die Statur von einem Bodybuilder.“
„Ha! Ha!“
Der Mann ist beleidigt, weil das Fett erwähnt wurde.

„Jetzt umgekehrt. Ich Angreifer. Wehr dich doch!“
„Aua!“
Der Junge hat ihn in die Brust geschlagen. Der Mann hat sich nicht gewehrt. Die Brust tut weh. Sie tut nicht mal so weh. Aber sie tut immer weiter weh. Sie hört gar nicht mehr auf wehzutun.
„Timo, ich mach das nicht mehr. Du tust mir weh.“
„So fest schlag ich nicht zu.“

Sie essen und rauchen. Der Schmerz im Brustbein geht nicht weg. Er stellt sich einen Riss im Knochen vor; er sagt nichts. Mit dem Jungen vergeht nicht ein einziger Tag, ohne das irgendwas ist. Man weiß es die ganze Zeit, man sieht es kommen, das geht schief.

Am Freitag geht er dann weg. Schönes Wetter. Er will sich im Brühlpark auf die Wiese hauen und auf die Mädchen warten. Er ist zu warm angezogen, er hat sich den gestreiften Pulli von Peter übergezogen. Es könnte Regen kommen, meint er.
„Dann nimm den Schirm mit!“
Er packt sich den Walkman von Peter und seine zwei Cassetten.

Abends kommt er nicht wieder.
Um halb zwölf isst der Mann sein Abendessen und er ist stinksauer. Er will raus hier, hoch zum Park, Timo soll ohne Schlüssel stehen und sich dämlich klingeln.

Um halb zwei geht er zu Bett. Jetzt wird es wohl gleich läuten. Genau, wenn der Körper sich gelockert hat und sein Verstand erloschen ist.

Am nächsten Tag ist Peter immer weiter alleine. Eigentlich ist es gut, aber vielleicht sollte er sich auch Sorgen machen.

Erst gegen Abend kommt er drauf, den Papierkorb umzudrehen und das Schmierpapier, das der Junge weggeworfen hatte, zu sichten. Da liest er den mit Blut unterzeichneten Teufelskontrakt, Timos Ausgaben-Liste mit den zwei Nutten, Kerzen und Tabletten. Was sollen diese Tabletten? Zugedröhnt auf einem Friedhof sitzen und schwarze Messe lesen? Will er sich umbringen?

Der Mann guckt nach, wo in Reuenthal die Friedhöfe von den Ortsteilen sind. Könnte sein, dass er sich für Geislingen entschieden hat, dort ist der Friedhof neben seiner alten Schule.

Den ganzen Sonntag kein Lebenszeichen. Er geht in den Park hinauf und dort ist Helmut und ihn fragt er. Gestern war Samstag, da war Helmut bis zu den Lottozahlen zu Hause und ist dann in die Disco nach Freindersheim gefahren. Bossa, diese Fabrik.
„Der Ganove ist immer noch bei dir? Du, das war mir gleich klar. Man sieht dich ja gar nicht mehr, seit du den hast. Aber deine Gurgel hat er dir noch nicht durchgeschnitten.“

Zu Hause kontrolliert der Mann den Briefkasten. Der Briefkasten ist leer. Er hätte vor dem Weggehen einen Zettel hinhängen können. Jetzt ist zu spät.

Wieder halb zwei und allmählich duselt er weg, als das lange, das böse, das nachfassende, das ekelhafte Jungenklingeln kommt. Der kleine Drecksack, logisch, dass der lieber schnorrt, statt sich umzubringen.

Als ob nichts wäre. Er hätte noch gerne was zu essen. Dass der rot-gelbe Pulli weg ist, hatte der Mann in der ersten Sekunde bemerkt.
„Wo warst du die drei Tage? Ist das eine Art? Freitagmittag weg, Freitagabend wolltest du hier sein, jetzt ist Sonntag, mitten in der Nacht!“

„In Kastelburg war ich halt.“
„Kastelburg? Wieso denn?“
„Ich hab halt einen Besuch gemacht.“
„Aha. In Kastelburg? Und wer ist das da?“
„Kennst du nicht. Der Cousin von mir. Bei dem war ich die Tage.“

„Ich sag dir auf den Kopf zu, dass du lügst, und du weißt, dass ich Recht hab. Der Cousin in Kastelburg! Einen Cousin hast du also noch. Sonst bis du doch für alle gestorben, aber für den Kastelburger Cousin lebst du noch.“
„Muss ich dir meine Verwandtschaft herbeten, wenn ich zu dir komm? Ich war da bei dem, beim Cousin und damit basta.“
„Und Heinz heißt er nicht.“
Peter war aufgegangen, dass Kastelburg exakt in der entgegengesetzten Richtung wie Reiselfingen lag.
„Das Schwein! Den darf ich überhaupt nicht sehen, sonst passiert was Schlimmes.“

Der Mann gab ihm zu essen.
„Und was ist aus meinem Pullover geworden? Und wo wir davon sprechen, was macht denn der Walkman so?“
„Bah Scheiße! Das liegt alles bei meim Cousin. Meine Cassetten, Scheiße!“

„Die schöne Musik. Und morgen fährst du dann hin und holst sie dir ab.“
„Das geht ja nicht. Mein Cousin ist doch auf Montage. Da ist jetzt niemand daheim.“
„Aber er kommt irgendwann zurück.“
„Weiß nicht. Den Walkman kriegst du auf jeden Fall wieder.“

„Wie heißt dieser Kastelburger Cousin vom Herrn Brot? Der heißt dann bestimmt auch Herr Brot?“
„Die Adresse kriegst du nicht. Es braucht nicht jeder wissen, wo man mich aufspüren kann.“
„Es handelt sich nur da drum, dass ich meinen Walkman und meinen Pullover gern zurück haben würde.“

„Deinen Scheiß-Walkman kriegst du doch! Verdammt! Mach keinen Aufstand wegen der Mühle!“
„Das ist keine Mühle. Höchstens, du hast ihn kaputt gemacht.“
„Die Klappe ist immer abgefallen.“
„Ich hab’s dir gezeigt. Man muss vorsichtig sein.“
„Scheiße, weißt du was, ich kauf dir ‘nen neuen, einen besseren.“

„Soll ich dir mal sagen, was ich denk? Du hast gar keinen Cousin und ganz bestimmt nicht in Kastelburg, du warst auch nicht in Kastelburg.“
„Das heißt dann, ich lüg dich an?“
„Ja, genau so ist das. Du lügst mich hier an. Halt dich bloß nicht unnötig auf, brich die Zelte ruhig ab und zieh zu dem netten Onkel nach Reiselfingen. Mich interessiert nur mein Pulli und mich interessiert mein Walkman von Sony.“

„Dass ihr alle so einen Stress braucht! Mensch, ich bin doch die nächste Zeit sowieso weg.“
„Was mir den Verlust meines Zweihundertachtundneunzig-Mark-Sony-Walkman-Aufnahmegerät-und-Radios nicht ersetzen kann.“
„Und wenn der Schrott fünfhundert kostet! Weiß Gott, du kriegst ja wieder einen!“

Der Mann zieht sich ins Bett zurück.
Am nächsten Tag liegt auf dem Tisch ein Messer, ein ziemlich großes Schnappmesser. Im Tausch vielleicht vom Cousin bekommen.

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