Reuenthal zx - Der Pfleger Alfred

von Klaus Mattes
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Die Zeitarbeitsfirmen kamen inzwischen doch auch in Betracht. Am Dienstag griff er sich das Telefon und rief Persona aktuell an. Deren Nummer hatte im „Wochenecho“ gestanden und weil das „Wochenecho“ bereits in der Kiste vom Altpapier in der Küche lag, rief er zuerst bei der Auskunft an.

Wieder war er zu Beginn ganz unbeholfen und bald dann viel zu aggressiv.
„Hallo? Hallo? Was? Wer ist da? Ach ja, klar.“
Unsicheres Lachen.
„Hier spricht der Timo Brot. Brot wie das mit Butter, ja. Sie haben doch eine Werbung im Wochenecho, dass man bei Ihnen Arbeit, äh, ja, äh ... Ist die noch frei?“

Er lauschte mit zusammengezogenen Augenbrauen, bedeutete dem Mann, er möge still sein.
„Na alles natürlich! Ich hab Bäcker gelernt, aber nicht fertig. Als Letztes hab ich im Lager gearbeitet. Genau, Firma Kübler & Scholl. Ja. Ah so. Ja. Ja klar. Bis Donnerstag. Tschüss!“

Timo war ständig lauter geworden, er hatte geschrien. Er knallte den Hörer hin und er kreischte: „Peter, das ist ein Scheiß! Die da kann nicht mal sagen, ob sie was haben! Ich muss vorbeikommen. Donnerstag, 14 Uhr. Das Pack, das kann mich!“
„Du hast’s eben nicht nötig. Hast du Donnerstag schon was vor?“
„Das weiß ich doch jetzt nicht.“
„Übermorgen um zwei. Ich würd mal hingehen. Kannst die Nächsten gleich auch noch anrufen, gibt vielleicht noch ‘nen Termin.“
„Nein, am Donnerstag geh ich zu denen, das guck ich mir an. In der Mobility-City, ist ja nicht weit.“

„Von hier aus. Von Litterkrauch doch schon. Du bist seit Freitag hier drin und wenn du diesmal gehst, kannst du bis Freitag auch wegbleiben. Du wohnst hier nicht.“
„Ich geh ja! Hab sowieso was vor. Es kann dann auch Samstag wer’n. Tschüss.“

Der Mann war nicht drauf gefasst, ihn drei Stunden später schon wieder zu sehen. Peter wollte sich seinem alten Ritual des gepflegten Stuttgart-Tages widmen. Am Bahnhof lümmelte der Junge auf einer Bank. Vier Tage hatte er gefaulenzt, statt sich um seinen Job zu kümmern, statt was Normales wie Einkaufen, Kochen oder Essen zu bewerkstelligen, und da lungerte er im mikroskopisch kleinen Areal der Zügellosigkeit, das es schräg hinterm Reuenthaler Bahnhof bis jetzt noch gab.

Als Peter um Mitternacht zurück war, war die Leere am Ende des Tages auch wieder da. Im Park war nichts los. Nach seinen Stuttgart-Tagen kam er selten vor ein Uhr nachts oben an. Dass es zu spät war, wusste man vorher, ging aber trotzdem. Selbst im Sommer verbrachte man dort die wunderbarsten Nächte alleine. In der Gesellschaft von Helmut, hieß das meist. Alfred, der eitle Pfleger, war noch möglich, falls er keine Nachtwache hatte. In dieser Nacht war keiner da. Helmut war schon weiter, Autobahn; konnte sein, dass er auf seiner Heimreise noch einmal reinschaute.

Der Himmel war klar, windstill. Millionen Sterne und ein fetter Mond standen da oben. Nur an einem Ort wie Reuenthal konnte es immer wieder passieren, dass die Voraussetzungen für sexuelle Ausschweifungen dermaßen perfekt waren, aber einfach rein gar niemand auf dem Platz war.

Jedoch irgendwo dort drüben unterhielten sich welche. Die Stimmen kamen so leise, dass man nicht zu sagen wusste, von wo, möglicherweise über die Mauer, von einem Balkon herüber. Er lief bis zum Tor vor.

Es waren zwei und sie standen auf dem Gehweg gleich neben dem Tor. Die Stimme des einen, der pausenlos quasselte, hatte er schon identifiziert. Das war Alfred, der Pfleger. Der Zweite schien einer von jenen Knaben zu sein, die dieser Alfred irgendwie magisch um sich herum aus dem Erdboden schießen lassen konnte.

Und dann wusste er, dass das ein Fehler gewesen war, sich sehen zu lassen. Alfred, an seine Kühlerhaube gelehnt, und ein Besoffener mit Bierdose, der wirr um den Pfleger her tänzelte. Das war der Junge, war Timo. Nie vorher hatte Peter ihn so fertig erlebt.

Alfred nickte herüber. Der Junge hatte nichts gemerkt. Er kämpfte weiter gegen die deutsche Sprache, anscheinend sollte es um die Wohnungssuche gehen.
„Ja, sicher. So isch des“, salbte Alfred ihn mit Sanftmut ein.

Peter bezog seine Position bei Alfred, ging betont auf Distanz zu dem Betrunkenen, dem diese Feinheiten vielleicht aber entgingen. Hielt nicht Alfred sonst immer peinlich berührten Abstand zu jedem, der nach Alkohol oder Schweiß stank oder gar wagte, eine Zigarette anzumachen?

Der Junge ließ seine noch nicht leere Dose aufs Pflaster fallen und brannte sich eine an. Er kickte nach der Dose, traf sie aber nicht, kam vielmehr gefährlich ins Straucheln. Pfleger Alfred, der Hallenbadonkel, fing ihn gleich auf und strich ihm stärkend das Rückgrat. Beinahe brannte die Fluppe ihm ein Loch in seine Jacke. Die Erregten nahmen es nicht wahr.
„Hoppsala!“

Peter sagte sein erstes Wort: „N’abend.“
„Oh! Hallo! Auch hier?“
„Ja und du ja auch wieder ... Wer hätt auch so was gedacht“, zischte der Mann.
„Kennt ihr euch?“, erkundigte sich der Pfleger.

„Oh ja, wir beide kennen uns ziemlich gut. Der wohnungslose Timo, der Pfleger Alfred und der Lehrer Peter. Bekannte von allerältester Güte.“
Alfred lachte vorsichtshalber, wie meist, wenn er nicht wusste, ob es Humor war oder gegen ihn ging. Der Junge schlurfte zur Mauer hin. Alfred erhob sich vom Wagen und ging hinterdrein.

„Peter, boau, heut haben die mich fast erwischt! Das guute Material!“
„Was bitte?“
„Die Bullerei! Bei der Stadthalle bin ich g’wesen und hab en Piece eig’fahrn g’habt, da taucht gleich die Bullerei auf. Du, die haben mich g’filzt un haben nicht g’merkt, wie breit ich war! Voll breit und die checken gar nix!“
Einer von seinen frohen Momenten schüttelte den Jungen.

„Ich denk, du nimmst nichts mehr. Alkohol trinkst du ja auch keinen.“
„Tu ich auch nicht, heut nur mal.“
Alfred klopfte dem Jungen auf die Schulter.
„Ein kleiner Rausch hin und wieder steht jedem Mann mal zu, was du, Tobi?“
Er fasste ihn mit beiden Griffeln fest und schüttelte ihn.

Der Mann kannte es seit Jahren schon und staunte jedes Mal. Alfred behandelte die verschiedenen Jungs wie Marionetten, zerrte gefühllos herum an ihnen und sie schienen es durchaus nicht zu mögen, aber wenn Alfred dann zum Abmarsch pfiff, folgten sie ihm lammfromm in seine nur ums Eck liegende Wohnung.
„Ja, ja, Timo. Du Schlingel! Gell? Was, du!“

„Und die Polizei? Kommt da jetzt was?“
Das Wort Bewährung musste in Anwesenheit des Pflegers nicht fallen.
„Keine Ahnung. Wie’s kommt, so kommt’s halt“, sinnierte der Besäuselte mit ziemlicher Gelassenheit.

„Warst überhaupt mal daheim heut am Tag?“
„Soll ich’n da!“
„Hier ist die Äktschen“, jubilierte der Alfred und langte wieder feste hin. Genau darum schien es zu gehen: Ich kann dich vor dem seinen Augen begrabschen, wie ich will, und du gehst nicht weg von mir, weil du nicht von dem da lieber begrabscht werden willst. Das wissen wir drei jetzt also.

Der Junge riss sich aber los, kam dichter her und raunte: „Peter, bei der Zeitarbeit war ich auch. Das wird nix da.“
„Zeitarbeit? Wo du angerufen hast? Da habt ihr den Termin für Donnerstag um zwei ausg’macht.“
„Ja, um zwei war ich dort.“

„Nur, dass heut erst Dienstag ist!“
„Nein, Donnerstag ist!“
„Heute ist Dienstag“, weinte der Mann.
„Nein, heut ist Mittwoch“, röhrte Alfred, „guten Morgen! Bald gibt’s Frühstück.“

„Mir doch scheißegal.“
„Das kennen wir doch alles schon von irgendwoher! Schöne Nacht noch für euch zwei“, ätzte der Lehrer und ging, bevor einer was antworten konnte.

Er ging die Mauer lang. Von hinten kam ein Auto an, fuhr bei Timo und Alfred vorbei und machte sich hinter ihm ans Einparken. Er erkannte Helmuts Nummernschild und blieb stehen.
„Hallo, ich war auf’m Spitzert. Du, da hab ich heut was g’habt! Einen richtig feschen jungen Blonden. Das glaubst du mir nicht. So einen Roman. Und geblasen hat er sogar!“
„Auch toll“, knurrte Peter, „warum bist denn nicht bei ihm geblieben und hast zurückgeblasen? Hier unten ist jetzt nur noch Ausschuss.“

„Der Alfred und ein Junger.“
„Diesen Jungen willst du gar nicht kennen. Der Timo ist’s.“
„Ach, ist’s ihm endlich langweilig worren im Bauwagen?“, freute sich Helmut.
„Doch der Tobi nicht! Der Timo, der im Knast gehockt hat.“
„Ach der.“

„Helmut, ich bin ‘ne Weile da. Da läuft jetzt ganz bestimmt nix mehr. Der Alfred, kennst das ja, wenn der da ist, machen wir keinen Stich. Da ist ein Junger und da kann er nicht mehr weg davon.“
Sie sahen rüber. Der Pfleger und der Junge hatten sich zum Gehen gewandt.

„Wo der Timo schlafen wird heut Nacht, das können wir beide nur vermuten, sicher wissen tun wir es noch nicht“, sagte der Mann, „aber wo er gestern Nacht geschlafen hat, das kann ich dir sagen.“
Pause.
„Bei mir.“
„Ach nein, du schon wieder.“
„Und nicht nur gestern, sondern vorgestern schon und überhaupt öfter in den letzten Wochen. Und genauso sicher wissen wir, dass er es morgen Nacht nicht wieder tun wird und übermorgen auch nicht.“
„Was du nur hast mit dem Vogel.“

„Dir hab ich’s nicht gesagt. Er hat sein Zimmer in Litterkrauch im Heim. Bissle hat’s schon wieder angefangen. Aber jetzt ist Sense. Der liebe Bursch schafft nix und er nimmt Drogen und er hat’s mit Nutten. Heut hat ihn die Polizei kontrolliert. Das soll jetzt ein guter Mensch übernehmen, der Alfred. Gut Nacht, Helmut, ich geh heim.“
„Soll ich dich fahr’n?“
„Das Stück lauf ich allein.“

Nach wenigen Schritten drehte er sich noch mal um. Wo beim Tor das Licht schien, war alles leer. Auf dem Gehweg lagen viele verdorrte Blätter, als hätte der Herbst im Mai schon angefangen.

Helmuts BMW sprang an.

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