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Die letzte Zigarette

Bild von Magnus Deweil
Bibliothek

Die letzte Zigarette. Ich nehme sie aus der Schachtel und steck sie mir an. Die Schachtel werfe ich unter den verblühenden Rosenbusch in den tauenden ersten Schnee. Der letzte Rest des ersten Schneefalls des Jahres. Was soll`s? Als würde wegen diesem Fetzen Papier die Welt untergehen. Den Umweltschutz überlasse ich anderen. Denen die sich dazu auserwählt fühlen. Den guten rechtschaffenen Rittern aus alten Zeiten. Ich suche vergebens meine Hosentaschen nach einem Feuerzeug oder Zündhölzern ab. Nach Irgendetwas. Ich fasse hinein und spüre etwas. Papier? Wohlmöglich nur einen weiteren Fetzen den ich gleich wie die leere Kippenschachtel als dreckigen irdischen Fußabdruck auf dieser schönen Welt hinterlassen werde. Beim Rausholen entpuppt sich der Fetzen als zerknitterter fünfer Schein. Schön. Ich bin reich. Aber immer noch ohne Feuer. Es ist kalt und düster. Ein Novembertag wie er im Buche steht. Passt zu meiner inneren Zerissenheit. Ein Taugenichts der im November auf den Bus wartet. Ohne Feuer. Ich finde mich damit ab. Verwahre die Zigarette in der linken außen Tasche meines von Alkoholflecken und Brandlöchern versifften Parkers. Die Rechte hat ein Loch. Das Loch ist ein ewiges Nichts. Es schluckt und schluckt und spuckt nie wieder aus. Was in dieses Loch rutscht hängt irgendwo zwischen dem Futter meines Parkers. Würde ich ihn aufschneiden würden längst verloren geglaubte Dinge zum Vorscheinkommen . Gedichtstücke, Kronkorken, Bonbon´s, Kondome, Gedmünzen und Kassenbelege. Egal. Ich will jetzt rauchen. Herr Gott wo ist dein brennender Dornenbusch. Langsam werde ich ungeduldig. Weit und breit keine Menschseele die ich nach einem Feuer fragen könnte. Wie hoffnungslos. Wo sind die alle? Ich komme mir vor wie das letzte Überbleibsel einer längst untergegangenen Zivilisation. Wahrscheinlich sitzen sie Zuhause in ihren warmen, teuer gedämmten Buden. Mit Bad, Küche, Ess – Wohnzimmer und einer Ecke für den dreiköpfigen Höllenhund. Der zweimal am Tag nach draußen darf um zu scheißen. Das nennt man dann Artgerecht. Herrchen und Frauchen sitzen gemeinsam Tee schlürfend vor der Flimmerkiste sehen sich Diskussionsrunden, über Themen von denen sie glauben Ahnung zu haben, an. Und plappern die Scheiße die die selbst ernannten Experten von sich geben dann Morgen auf der Arbeit nach. Tragische Existenz. Unreflektiertes Wiedergeben von vorgekauten Meinungen. Wäre wohl was für einen zahnlosen an Alzheimerdemenz erkrankten Außerirdischen. Es dauert noch bis der Bus kommt. Ich setze mich auf die mit Parolen beschmierte Bank neben dem überfüllten Mülleimer. Ein Sticker der Antifaschistischenaktion überdeckt einen mit Edding geschmierten Satz der mit „Ausländer“ anfängt. Ausländer sind gut? Ausländer bereichern unsere Kultur und Gesellschaft? Ich male mir aus was dort unter dem Aufkleber alles stehen könnte. Die Gedanken sich so reich an Utopie, dass ich fast schmunzeln muss. Aber die Erinnerung an den feuerlosen auf den Bus wartenden Taugenichts mit seiner letzten Zigarette an einem Novembertag versaut mir diesen kleinen Spaß. Diese verfluchte letzte Zigarette.