Genesen in St. Mingo 4 - Nachsorge

Bild von Klaus Mattes
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Meiner ist ein Balkon ohne Geranienkasten. Eines Tages hingen an allen drei Flügeln auf einmal Geranien, aber - und übrigens etagenweise auch noch versetzt - an jedem zweiten von den Balkonen. Der unter meinem hatte seinen Kasten und links nebenan der auch. Oben über mir gibt es keine Etage mehr und rechts neben mir ist kein Patientenzimmer, sondern ein Ärztezimmer. Mein Zimmer ist das erste auf dem Gang, was dazu führt, dass es das einzige mit einem durch eine massive Wand vom Nachbarn getrennten, autonomen Balkon ist. Sonst teilen aufgespannte Kunstfasertücher die Reihe auf.

Am Abend des längsten Tages vom Jahr ist es leider wolkig und düster. Sonst aber geht die Sonne meist etwa um 21.30 Uhr unter. Ganz zuletzt um fünf nach halb. Ab da werden die Tage schon wieder kürzer. Es ist allerdings noch mindestens eine halbe Stunde taghell hier an der Westseite. Auch wenn wir vorher schon, oder zumindest ich, zu Bett gehen. Ganz vorn dran ist eine Reihe hoher Pappeln, am Bach unten. Sie verdeckt einen Teil der großen Ebene im Hintergrund. Als Nächstes sieht man die Dächer von St. Mingo. Vom Kirchturm schlägt es alle Viertelstunde klar und deutlich, sonst ist es sehr ruhig. Ganz in der Ferne, hinter der Ebene, eine winzige Bergkette, die den Sonnenball immer abschneidet.

Ich hatte darauf gewartet, ihn bis hinunter in die Ebene sinken und dort untertauchen zu sehen. Natürlich hat sich das als Unsinn herausgestellt. Um diese Uhrzeit ist die Sonne jedes Mal wieder tiefrot. Jeden Tag wie gestern schon. Hier in St. Mingo gibt es einen wunderschönen Sonnenuntergang nach dem anderen. So hört man die Gäste sagen, die auf dem Dach des Nachbarflügels im Café gesessen hatten, von wo man sie kurz nach halb zehn in ihre Zimmer zurück scheucht.

Wenn ich die Tür meines Zimmers aufmache, an dem Ärztezimmer vorbeigehe, wo nach 18 Uhr nie mehr einer ist, entgegen dieser schalkhaften Bemerkung einer alten Dame, „Da haben Sie es ja nicht weit, wenn Sie einen Zusammenbruch erleiden“, dann noch eine Tür von einem stillen Raum mit dem Schild „Kein Eintritt“, befinde ich mich in der geräumigen Ruhezone des obersten Stockwerks, auf dem Vorplatz zum jetzt geschlossenen Café. Hier, in der Verbindungszone dreier Gebäudeflügel sind auch die Fahrstühle. Eine Weile noch gehen also viele Leute vorbei, aus dem Café, von unten, auf ihre jeweiligen Zimmer. Man schläft alleine in einer Reha. Zu dieser Stunde noch mal in einen der Sessel setzt sich fast nie einer. Nach Osten raus ist alles verglast, Panoramafenster. Ich setze mich hin und schlage das Buch auf.

Natürlich sehe ich dann auf, wie das Licht sich wandelt. Die Ferne im Osten. Nein, es ist keine Ferne. Es ist eine unwirkliche, hyperdetaillierte, freundlich bergende, jedoch menschenleere Nähe. In zwei Kilometer Entfernung über den flach bestrahlten Feldern sind die die ersten Häuser Ostheims. Abends sieht der, im Vergleich zu meinem Panoramaatrium nunmehr überhelle Landstrich wie eine liebliche Bühne aus. Ostheims wenige Häuser wie eine gemalte Kulisse.

Sollten Fenster gekippt sein, kann man es riechen, das feucht atmende Reich. Ein Gemisch von viel Grünem weht. Die tagsüber rege befahrene Ostheimer Landstraße, die allerdings nicht ganz an der Klinik vorbeiführt, sondern mehr rechts, ist still geworden. Und die Abzweigung an der Klinik entlang und in den Kurbereich von St. Mingo ist verlassen. Wie der Bote all der schrägen Strahlen zieht ein einzelner geteerter Weg in die Felder, ein Stück weit von Bäumen begleitet. Heuernte und junger Mais. Ein Auto fährt hier etwa alle zwanzig Minuten im Schritttempo. Einzelne Läufer oder Radfahrer kommen häufiger. Hinten im Wald verschwinden sie alle. Ostheim, von dem ich weiß, dass es sich Stadt nennen darf, sieht wie nur eine Häuserzeile aus. Mehr scheint wirklich nicht zu sein. Dann wieder Weinberge und Hügel, noch mehr Laubwald. Die Klinik ist ein gesundheitsindustrieller Nutzbau aus den achtziger Jahren. Aber wenn man oben in der Aussichtskanzel sitzt, ist es wie das Herz dieser Parklandschaft.

Am äußert linken Punkt meiner Sicht nach Osten, kurz bevor das Dachcafé mir die Sicht schneidet, erreichen die begrenzenden Hügel ihren einzigen Gipfel. Dahinter, das weiß ich, ist gleich Schluss; der Hang fällt jäh zur Ebene. Etwas unterhalb der mit einer bunten Kapelle verzierten Kuppe zieht sich eine größere Weinbauerngemeinde auf halber Höhe in die Breite. Auch von ihr sind kaum mehr als drei hellrote, freundliche Dächer zu erkennen. In Gruppen verteilt stehen überall Laubbäume, die nach Wochen voll ständigem Regen sich stark fühlen in ihrem Saft.

Zurück in meinem Zimmer riecht es nach gebratenem Fleisch. Ich schließe die Balkontüre wegen den in der Nacht vielleicht eindringenden Insekten. Weit im Nordwesten ragen zwei Kühltürme von einem Atomkraftwerk über der Ebene. Schon sind die Signallichter zur Warnung sichtbar. St. Mingo braucht ihren Strom nicht. Es gibt keine Fabriken. Nachts, falls man jemals kurz wach wird, flammt seltsamerweise eine Trainingshalle im Anbau des benachbarten Solebads schon auf. Sonst schimmert kaum ein Lichtlein zwischen und neben den Pappeln. Die Turmuhr schlägt drei Viertel.

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