Vorstoß C/ Miriam und Costa - Page 2

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das schien nichts mehr zu verstehen.

Henry, durch die Schussfahrt in einen Taumel aus Lust statt in die Nachbarschaft seines vorbestimmten Tods katapultiert, suchte etwas Entspannung. Er band sich die Krawatte neu. Schonend mühte er sich, Miriam irgendwie doch noch auf die Bergwerksgesellschaftsintrige hinzuweisen. Ohne wirklich etwas zugeben zu müssen, was ihm später vorgeworfen werden konnte. Andeutungsweise, wenn es noch möglich war. Jetzt, nach alle dem, was am grausigen Morgen bereits vorgefallen war.

Miriam glotzte blöde und lachte auch weiter dümmlich aus ihrem dünnen Halse.
„Im Unterbau alles supi. Hör auf zu faseln! Kapierst nullo? Neuer Überbau muss übergestülpt werden. Die Immobilienintrigenvernunft ist das doch.“

„Mensch Maya“, quengelte der Rattenfänger im rot-rot-grünen Röckchen mit seiner silbrig-goldenen Querpfeife und dem Glöckchen, welche man hin und wieder leise schlagen hörte wie so kleine Hunde.
„Hört endlich zu, wenn dein Psychdok was sehen will!“
Und jetzt sprach dieser mysteriöse Flötist aus seinem Mantel hervor vertraulich über vieles Verschüttete zu Miriam. Welches Zeug Trupps aus der Tiefe hier bald schon buddeln würden, so sie nur grüben.

„Darauf ist das Augenmerk zu richten!“, krakeelte Esther und schien Halt an der - wie durch ein Wunder - noch ragenden Steinbar zu finden. Schon hielt sie in filigranen Fingern die frische Sektflöte, nippte froh in die Runde, vom zerrissenen Haus oben hinaus.
„Meine Zeitung wird alles, alles brutalst aufdecken. Darauf gebe ich euch mein Ehrenwort.“

Der Flötenspieler fuhr dazwischen: „Ähm, also. Wenn ich mal sprechen dürfte ... Haltet mal den Rand! Hier geht’s doch vor allem um mich.“
Das Letzte schrie er mit so wahnsinniger Kraft, dass man sie seinem Körper nicht zugetraut hätte.
„Mein Haus ist eingestürzt, während ihr Party machtet! Vielen, vielen Dank auch!“

Der Psychiater von Jülich wollte wissen: „Mit wem sprachen Sie da? Das klang mir sehr nach Gruppe.“
Schon schrieb er sich was ins Moleskine-Buch.
„Wie meinen?“
„Von multipler Persönlichkeitsstruktur was gehört?“
„Äh nee.“

„Wie das hier aussieht, sind Sie nicht in zwei Personen gespalten, sondern eher multipel.“
„Ich bin nicht gespalten. Die Mädels haben mein Haus mir entzwei gerissen! Kapieren Sie das? Oder wollen Sie nicht?“
„Sie werden zugeben, dass außer uns zwei im Augenblick gar keiner hier ist.“

„Was? Aber sehen Sie! Sie da tanzt in den Trümmern des zerrissenen Heimes. Die andere wälzt sich mit dem Fetten.“
„Halluziniert“, notierte der Psychiater von Jülich.
„Wie?“

„Sagen Sie, war es nicht das Heim von einer jungen Dame? Beziehungsweise gehörte es nicht deren Eltern, um der Wahrheit eine letzte Ehre zu geben?“
„Ha! Das behauptet sie. Immer schon. Meine kleine Hausbesetzerin! Wissen Sie, ich fasse es selbst schon als unser gemeinsames Haus auf, in dem Kinder groß werden durften. Ach, ich habe im Leben nie geliebt. Heinrich und Annemarie Böll zwar, aber ... aber was soll ich ... was soll nur werden? Mein Haus muss gerichtet werden. Ich kann ihr alles noch verzeihen. Nehme ich an.“
„Dependent. Freundin imaginiert“, notierte der Psychiater.
„Wie?“

„Haben Sie was, das Ihnen gehört, nur Ihnen allein?“
„Diese Flöte. An die lass ich Sie nicht ran.“
„Flöte, mhm. Haben Sie umrissene Vorstellungen, was die Sexualität mit einer künftigen Mutter ihrer Kinder betrifft?“
„Das ist persönlich!“
„Haben Sie etwas Vertrauen! Alles Gesagte bleibt auf ewig verschlossen in diesem Buch.“

Henry im zerrissenen Anzug, mit fetter Erde verklebt von den Augenwinkeln bis zu seinen Wildlederschuhen, mit Blut besudelt, hatte sich angeschlichen, hatte verstört zugehört. Er zögerte nicht mehr, sich in das Beratungsgespräch, dessen Abzahlungsmodalitäten nicht erörtert, geschweige festgelegt waren, einzumischen.
„Nun.“
„Ey Henry!“, schnarrte die Flöte. „Nur mich hat er gefragt!“
„Sexualleben, du und Miriam! Lass die Flötentöne sein! Hast du nicht gesehen, wie sie sich zur Gänze mir hingibt? Wobei alle Welt zusehen kann!“

Der Psychiater von Jülich runzelte eine Stirn und kritzelte.
„Nun? Henry? Nicht?“
Henry nickte entschieden ablehnend.
„Dann schießen Sie los!“

„Nein, jetzt rede ich“, sagte Miriam, die alles überstanden hatte und mit einem „P!nk“-T-Shirt und passendem goldenen Gürtelgeflecht unterhalb ihres frei prangenden Bauchnabelpiercings etwas jungfräulicher erschien als der verschwitzte Henry. Der mutmaßliche oder hypothetische Gatte in spe.
„Es stimmt zwar, dass Henry seit zehn Jahren rumschleicht, aber ich habe ihm nur auf seine wichsenden Finger geklopft.“

„Nicht, dass Sie was Falsches denken“, ereiferte sich der dicke Henry. „Ich bin ihr Firmpate. Ich habe mich um das Mädchen gekümmert, seit die Eltern sie vernachlässigten.“
„Das hier ist Mister Wichtig. Ein Geschäftsmann, der Strohmann der Bosse, denen heimlich mehr oder weniger alles hier längst gehört. Dort drüben sieht man sein Auto, was übrig ist. Das war ein Fiat Panda. Das spricht Bände!“

„Miriam, du hast da einen Schock“, zischelte Henry.
Aber auf ihn achtete niemand mehr.

[Kapitel 2: Wir hören zum ersten Male von Costa]

„Henry ist Angestellter im Institut für Zaunmessung. Er war unterwegs, um die Maschenweite der Tagebauzäune zu messen, als er in die Geschichte reingeriet. Esther und ich ... Vorhin lagen wir im Bett, weil sie übernachtet hat bei mir, weil wir gestern gefeiert hatten, weil in unser beider Leben ein großer Tag war, weil ich mich verlobt habe, gestern, weil ich einen Jungen kenne, den meine Eltern nicht kennen lernen wollen. Wir lagen in meinem Zimmer. Zu dritt, aber Costa muss immer weg, bevor es hell wird. Wir hatten den Kühler noch hier mit der Flasche von heut Nacht. Das sollte zwischen Esther und mir unser Sektfrühstück werden. Wir liegen im Halbschlaf und ... Es weht ein Lüftchen. Und rieselt was. Da höre ich, wie Jethro, so nennen wir ihn, unser Lied spielt, „Hauch der Lokomotive“, dieser Klassiker des Softpornos. Ich schlage meine unbändig großen Augen hoch. Und schon ist unser Haus pardauz und entzwei. Ich blicke durch den Spalt in die Welt hinaus und sehe Henry, der den Hügel aufschmaucht. Ich sehe ihn schwitzen, die spitzigen Zähne sich lockern, solche hat nur Henry. Ich sage Ihnen, Herr Doktor, sind Sie Doktor? Der Typ ist irgendwo strange. Esther hat einen Zwölfzeiler gedichtet auf Henry. Passen Sie mal auf! Sonett heißt man so etwas.“

Esther zog ein anderes Moleskine-Büchlein aus der Gesäßtasche und las dem Psychiater ihr Gedicht recht bewegt vor.

Henry
Henry schnauft die Anhöhe empor
Und wischt von Zeit zu Zeit sich Schweiß aus den Augen
Heute muss er es sagen
Heute
Aber behutsam muss er sein
Sie ist noch ein halbes Kind
Leider unter dem Einfluss dieser knallharten Investigativjournalistin
Von Kölns meist gelesener Presse
Mit den Lügen schwacher Männer
Kommt er heute nicht mehr durch
Henry
Weiß es schon.

Das ist ziemlich

*****
[Anmerkung: Der Text ist eine Montage aus Ausschnitten, die ich einer Kettengeschichte eines Schreibforums beigefügt hatte. Naturgemäß finden sich im Verbliebenen auch jetzt noch Einfälle und Satzpartikel, die ursprünglich von Autoren stammten, die an meinem jetzigen Resultat nicht mehr beteiligt waren und hier nicht genannt werden können.]

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