5666 Abschiedsblick auf die Schwulenbewegung im Südwesten

Bild von Klaus Mattes
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Man wohnte irgendwo privat und verteilt. Traf sich zuerst noch im Stadtteilzentrum und tagte ab dem folgenden Morgen anderswo. Am Treffpunkt spielten an diesem Wochenende nur eine Handvoll vorwiegend männlicher Jugendlicher Tischkicker. Sonst kam dort niemand rein.

Ich hatte extrem kurzes Haar, obwohl es Winter war. Mir war das Geld am Ausgehen. Ich dachte, wenn schon Friseur, dann auf Monate hinaus. Und es stand mir vielleicht nicht schlecht.

Der Kneipenraum war im Keller. Am ersten Abend hielten sich die Teilnehmer da unten bis tief in die Nacht auf. Zwei Männer von der örtlichen Schwulengruppe bedienten uns. Da waren Tische und Stühle, das war sogar gemütlich. Ich wählte einen bequemen Sessel, hatte eine Unterlage zum Abstellen und die Theke gut im Blick. Aber Jeglicher, der dann noch die Treppe herabkam, sah sich erst einmal um und stellte sich zum Männerpulk an der Theke. Absolut keiner setzte sich. Den ganzen Abend tranken sie ihre Biere stehend. Natürlich war das, wie man es in schwulen Lokalen macht, vor allem in den etwas herberen, wo man auch noch zum Billard nebenan oder weiter hinten zum Ficken wechseln kann. So was gab es hier aber nicht.

Wie es aussah, kannte sich alle Welt von irgendwoher. Sie gaben sich zur Begrüßung Küsschen in die Luft. Ich war früher bei ein paar Treffen von der Schwulen Aktion Südwest dabei gewesen, dann zur Aids-Hilfe und deren vergleichbaren Versammlungen und Seminaren auf Bundesebene gewechselt und zuletzt hier am Bodensee noch einmal dabei, wozu ich mein Ticket „schwule Presse“ eingesetzt hatte. Wir sprechen hier über nicht honorierter Arbeit für kleine, gratis in Kneipen verteilte Postillchen, gespickt mit den Anzeigen dieser jeweiligen Gastwirte.

Ich hatte die Art Meeting also erlebt, kannte von den neuen Leuten aber so gut wie keinen. Nur die Stuttgarter Gruppe - und namentlich deren langjähriger Vorsitzender - gaben auch hier wieder einmal den Ton an. Distanziert nickten wir uns zu. Ich wusste, was kommen würde.

Man würde über Stunden gegen hundert Punkte lange Forderungskataloge verlesen und zusammen abnicken. Es schien jedes Mal darauf anzukommen, sich nicht die winzigste Kleinigkeit entwischen zu lassen, die man gegenüber Parteien, Politikern, Kommunen, Sozial- und Kulturbürgermeistern, Kirchenräten einfordern konnte. Solche Treffen gaben dazu den Anschein ab, es handelte sich um die Sehnsüchte, Bedürfnisse und Pressionen aller im Land Baden-Württemberg beheimateten Schwulen. (Die Lesben fuhren noch ziemlich getrennt, später vermengte es sich mehr. Von irgendwelchen Trans-Personen war nicht die Rede. Und von den Pädophilen durfte seit zehn Jahren keine mehr sein.) Natürlich nahm die Mehrheit der im Bundesland real vorhandenen Schwulen und Bisexuellen die jährlich mit erneutem Nachdruck versehenen Kataloge überhaupt nicht wahr. Außerdem ging man im Stillen davon aus, dass alles wieder im Sand verlaufen werde. Oder aber, man wusste jetzt schon, was demnächst von den Mandatsträgern tatsächlich zu kriegen war. So spendierte die Landeshauptstadt Stuttgart ein Schwules Zentrum, das zwar schön zentral gelegen war, innerlich aber von anfröstelnder Ungastlichkeit. Da war das mit den Polstermöbelgruppen doch netter, wenn auch nicht schwul, sondern Jugendkulturarbeit.

Okay, Listenabhaken also morgen, heute, Freitagnacht: Großer Einlauf der Huschen! Damit ist gemeint, dass zwanzig, dreißig Männer, die eigentlich ganz normal, ja, geradezu farblos und spießig sind, mit ausgestreckten Händen und gespreizten Fingern aufeinander zustürmen, Jodler, Triller, Kiekser, Heuler von sich gebend, „Ach, du Süße!“ Immerhin hat man sich ein oder sogar zwei Jahre nicht mehr gesehen. Es sei denn, vor einer Woche in der Großraum-Disco in Mannheim oder in einer Sauna in Stuttgart oder München. Hieran schließt sich weder das Flaschendrehen noch das Weitpissen an, sondern eher so ein kreatives Get Together wie in Palo Alto, zu dem hoch energetische, nachhaltige, na ja, Keller-Pils-Biere verkostet werden.

Von meiner Warte her, muss man sagen, sah es aus, als würden sie sich ziemlich lieben. Mich allerdings nicht, denn in meine Richtung sah den ganzen Abend nie wieder einer. Es schien unausgesprochenes Allgemeingut, dass ich mich zu erheben und dem Männerpulk zuzugesellen hätte.

Im Erdgeschoss, oberhalb von diesem Stehblues, waren auch am Samstag noch einmal die Jungen beim Kicker. An diesem Freitag nur wenige noch, aber auch sie erstaunlich lange, wie ich hörte, wenn ich zur Toilette ging. Droben nahm man von den Herren, wenn sie durchgingen, kaum Notiz. Ebenso ignorierten die Herren die Jugendlichen. Ich allerdings musste sie mir anschauen, weil unter ihnen einer oder zwei als einzige Lebewesen irgendeine erotische Ausstrahlung auf mich verübten. Klar war mir aber, dass ich mich in keinem Fall trauen würde, irgendwen anzubaggern, egal, wie wenig Fröhlichkeit es dem grauen Novemberende vom Bodensee beifügen mochte.

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