Vorstoß O/ Knuts Klassentreffen

Bild von Klaus Mattes
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Angeblich verlief der Abend prächtig. Alle hatten einander gern. Es wurde einiges getrunken und die Hemmungen rutschten ein Stück tiefer. Schon hatte man von den Männern durch, welche Frau oder Freundin sie mittlerweile hatten. Von Knut wussten sie noch, dass er vor zwanzig Jahren ewig diese eine Freundin gehabt hatte, die dann anderwärts geheiratet hatte. Seither war von Knut nie mehr was über die Frauen und ihn zu hören gewesen. Auch an diesem Abend nicht.
Mir gegenüber hat der Knut es so dargestellt, es wäre naiv von ihm gewesen, zu so einem Klassentreffen zu kommen und keine Geschichte in Petto zu haben, wenn sie nach der Frau stochern würden. Er tat, als hätte er sich keinerlei Gedanken gemacht, als wäre er überfahren worden. Ich nahm es ihm nicht ab.
Scheinbar lachte man ihn an: Er könne das ruhig mal zugeben, wenn er sich aus Frauen nicht so viel mache. Schon feixten ein paar, ja ja, das wäre schon in Ordnung, das sei längst durchgesickert, auch auf dem Land mittlerweile kein Thema mehr.
Dem Knut fatzte es die Sicherung raus. Seither, sagte er, lebe er in diesem Ort gar nicht mehr wirklich, hätte nur noch das Nachtquartier dort, das er frühmorgens erreiche und am frühen Nachmittag spornstreichs verlasse.
Zwischen Knuts Worten drang das Bild eines mit tiefrot geschwollenem Gesicht hampelnden Cholerikers zu mir. Wie er den Abend für alle zur Hölle machte, als die er sich für ihn mit einem Mal herausgestellt hatte.
Da fühlte er sich in den Pappkarton versenkt mit diesen kreativ säuselnden und tänzelnden Selbstvermarktern aus dem Fernsehen. Dabei war Knut ein Westerner gewesen, der allein und stoisch seinen Trail verfolgte. Er hätte es ihnen sagen können. Er konnte es nur nicht sagen, denn als Westerner schlug sein schwaches Herz für witzige, sechzehnjährige Cowboys. Aber dies durfte wohl nicht sein, war verworfener als jede solariumverbrühte Sangeschwuchtel.
Es wäre nämlich, schrie Knut, eine bodenlose Gemeinheit, ihm, weil er alleine sei, zu unterstellen, er wäre folglich schwul. Ja, aussprechen sollten sie das jetzt deutlich, was sie ihm gerade unterschöben. Knut rannte hinaus und trat das Pedal durch.
Er hatte in dieser Nacht nicht schlafen können. Er war so weit gefahren, bis er neben wortlosen Männern rauchen und trinken und an Automaten spielen konnte. Er dachte an die Jungs, die er bei diesen Spielen schon öfter besiegt hatte. Sie hatten Knut immer gern gehabt, aber heute waren sie nicht da.

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Kommentare

29. Dez 2020

Der GUTE hat sich das falsche Land ausgesucht.
Schon Goethe wusste, dass unser Land, ein
Land der Heuchler ist. Gern gelesen !
HG Olaf