Lebenskünstler W: Der Nachtgrabb

Bild von Klaus Mattes
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Womöglich war in den sechziger und frühen siebziger Jahren Reuenthal sogar das Paradies gewesen. Ihnen war es aber wie ein langweiliges Nirgendwo vorgekommen. Später, als nichts mehr so gewesen war, hatten sie manchmal gedacht, vielleicht, ohne es zu merken, hatten sie ihr unscheinbares Paradies seinerzeit schon besessen.

Nicht mal die Autobahn nach Zürich hatte es gegeben in einer Zeit, auf die er sich besinnen konnte. Ein Gymnasium und eine Berufsschule hatte es gegeben, täglich mussten Jugendliche nach Reuenthal fahren, um auf diese Schulen zu gehen. Das einzige so genannte Kaufhaus war ein doppelstöckiges Häuschen gewesen. Später rissen sie die Häuserzeile ab, boxten einen Betonklotz in die Stadt und sprachen vom Großstadtangebot. Von Kaufhof, Hertie und Horten, von C&A und McDonald's war nichts zu sehen gewesen. Gute Sachen für Kommunion, Hochzeit und Beerdigung hatte man lieber in Säckingen oder Lörrach eingekauft. Es hatte keine Buchhandlung gegeben, nur zwei Schreibwarengeschäfte, die auch noch die Bücher verkauft hatten.

Der Fluss war vergiftet gewesen von der chemischen Industrie. Grenzach, nicht mal Stadt, hatte von der Chemie profitiert. Große Basler Werke hatten ihre Niederlassungen dort gleich hinter der deutschen Grenze eröffnet und Arbeitsplätze und Steuereinnahmen mit sich gebracht.

Es gab in der Stadt eine Disco. Angeblich verkehrten da die Langhaarigen, Beatles wurden sie genannt oder Hascher. Ralf und seine Geschwister hatten nicht nachgesehen, ob das stimmte.

Die meisten Lebensmittel kaufte man „in de Schwizz“, bei Migros. Da war alles besser und das meiste dennoch billiger als in Deutschland. Weil sie im Zollgrenzbezirk wohnten, durften sie pro Grenzübertritt nur zwei Schachteln Zigaretten und im Monat ein halbes Pfund Kaffee einführen. Für den Kaffee hatte es anfangs sogar eine Karte gegeben, auf der Striche gemacht wurden. Die „Camel Filters“-Schachteln waren für die Schwester ihres Vaters. Sie wohnte in Freiburg, war dick und geschieden und vermietete Zimmer an Studenten aus Jugoslawien, mit denen sie dann rauchte und trank.

Die Zigaretten wurden in einer Drogerie unter dem Dach der Migros verkauft, die nicht der Migros gehörte, weil Gottlieb Duttweiler den Verkauf von Alkohol und Tabak untersagt hatte. Für zwei Schachteln bekam man einen Golddukaten geschenkt. Wenn man fünfzig oder hundert dieser Dukaten hatte, gab es eine Pfeffermühle oder ein schickes Gewürzbord als Prämie.

Vor ein paar Jahrzehnten war eine Ansiedlung in die Talaue gebettet und 1922 zur selbstständigen Stadt ernannt worden. Zum 50-jährigen Jubiläum bekam Ralf eine Münze, die katholische Kirche war eingeprägt. Zu Beginn des Jahrhunderts hatte man dieses Gotteshaus mit einem riesigen Holzgebälk entworfen, wie die Festhalle einer Feuerwehr sah das aus, und daneben einen neubarocken Turm gestellt. In den Dreißigern war noch die evangelische Kirche dazu gekommen, auch sie nicht eben klein. Neben der katholischen Kirche stand ein Haus, in dem früher die Zeitung gedruckt worden war. Später wurden Heftli mit Pornos dort gedruckt. Nachdem Ralfs Opa sich im Fluss ertränkt hatte, ging die Oma zur Kirche hinauf und klaubte Fehldrucke aus dem Abfallcontainer. Mit Freundinnen amüsierte sie sich über die Heftchen, den Enkeln zeigte sie sie nie.

Mittwochs in der ersten Stunde durfte kein Unterricht abgehalten werden. Dann leitete der Stadtpfarrer, ein alter Schwarzwälder, den Schülergottesdienst. Danach war es immer recht nett, wenn die Kinder von der Kirche durch die halbe Stadt bis zur Schule laufen mussten. Der Stadtpfarrer war auch Ralfs Religionslehrer. Anscheinend mochte er Ralf, der alles wiederholen konnte, was man ihm mal erzählt hatte. Ralf bekam kitschige Fleißbildchen mit Heiligen. Er legte sie vorn ins Magnifikat. Seinerseits war ihm der zu Jähzorn neigende Theologe nie lieb gewesen. Vielleicht kam Ralf vom Wunsch, Pfarrer zu werden, darum schnell wieder ab.

Er wollte nun zur Bundesbahn. Richtig Lokomotive fahren, nicht Fahrrad wie der Vater. Als er älter geworden war, wollte er schließlich Lehrer sein. Er würde ein guter Lehrer werden. Weil er unsportlich war, viel las und eine Brille trug, glaubten die Verwandten es ihm alle. Später wollte er Filmkritiker werden. Noch später Schriftsteller. Nach dem Lehrer hatte er seine Pläne keinem mehr mitgeteilt.

Sonntags gingen Ralf, der Bruder und die Schwester zur Messe. Die zweite Messe um Viertel nach elf war kürzer als das Hochamt. Die Mutter wollte, dass sie hinterher bei den Großeltern schnell noch ankehrten. Unterdessen hatte sie Schnitzel mit Kartoffelbrei und Stangenbohnen gemacht. Dazu durften die Kinder vom Gutedel aus dem Markgräflerland nippen. Die Bohnen zog der Vater in einem Garten, auf dem Feld draußen, damals wusste keiner, dass das Gift aus den Werken dort verscharrt worden war.

Später wurden Hochhäuser gebaut. In Ralfs frühen Jahren hatte es in der Stadt nur ein einziges Menschensilo gegeben, gegenüber vom Bahnhof. Als der Vater den Garten abgab, hatte dieser weit vor der Stadt und hinter dem Bach gelegen. Von Menschensilos und einem Gymnasium war dort nichts zu ahnen gewesen. Der Hexenschuss hatte den Vater beim Umspaten getroffen. Am Abend hatten die Kinder nie hinaus aufs Feld gedurft, weil der Nachtgrabb umging. Es hatte einen Feldhüter mit weitem Radmantel gegeben, der frei laufende Kinder jagte und sie ins Gefängnis brachte.

Als Ralf sechs war und Michael fünf, verprügelten sie einen Jungen, der ihr Freund war. Er wohnte im selben Haus, sein Vater schaffte bei der Post. Angefangen hatte dieser Rainer. Ralf wusste nicht mehr, um was es gegangen war. Rainers Eltern waren zur Polizei gelaufen und hatten sie angezeigt. Um die Kinder war es dabei nur am Rande gegangen, seit längerem hatten die Eltern Krach gehabt, den Kindern war's egal gewesen. Weil Ralf der Ältere war, musste er zusammen mit dem Vater zur Polizei, der Bruder konnte daheim bleiben. Zwei Uniformierte saßen bei einer Schreibmaschine und stellten Fragen. Ralf hatte riesige Angst.

Von diesem Tag an sprachen Rainers Leute nie wieder mit ihnen, die Kinder durften nicht spielen. Rainer und sein Bruder gingen dann bald in eine andere Schule. Die übrigen Kinder aus dem Postlerhaus waren ja alle nicht so intelligent wie Ralf und Michael, die vom Gymnasium immer gute Noten heim brachten.

In der Schule waren nur Kinder aus normalen Familien, bessere Leute gab es in der Stadt sowieso fast keine. Allerdings gab es bei Ralf in der Klasse zwei, die Ärzte zu Vätern hatten, einer war der Sohn eines Architekten, alle drei waren aber ganz

Die hier porträtierte Stadt heißt natürlich selbstverständlich nicht Reuenthal. Das weiß der Autor schon.

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