Lebenskünstler J: Abschlussball mit roter Schärpe

von Klaus Mattes
Mitglied

Noch kein volles Jahr bin ich bei der Gruppe. Meine Rolle habe ich unterdessen gefunden: der Studierte, ein wenig Ältere, der seine spezielle Meinung zu allem hat, als Vertrauter des Gruppenanführers, sich manches vorstellt, zur Durchsetzung jedoch nicht eben mehr unternimmt als die anderen für ihre Ideen tun, die sie so gut wie niemals äußern, aber doch auch haben, wie angenommen werden darf.

Zwei Neuzugänge kommen von fern herbeigefahren, sind beide gerade neunzehn und machen momentan ihr Abitur. Peter ist blond, Markus dunkel, beinahe schwarz. Ein reizendes Paar. Jeder denkt, die haben was, zumindest mal was gehabt, miteinander. Nicht in Frage komme das, verwahrt sich Peter. Dafür kennen sie sich zu lang und zu gut.

Peter ist der Reife. So einer fährt hinaus in die ferne Stadt, nimmt den Klassenkameraden mit. „Hi, wir sind Markus und Peter, wir sind schwul.“ Was das besagt, weiß Peter bereits genau. Er muss sich so einiges zusammengelesen haben. Ob sie im Bauland Erfahrungen haben sammeln können, bleibt einstweilen in der Schwebe. Peter berichtet, sogar noch ein dritter neunzehnjähriger Schwuler sitze in Hardheim in der Abgangsklasse. Rettungslos vergafft habe sich der Ärmste in Markus, traue sich aber keinen Mucks.
„Weil er ein Kind ist“, ruft Markus, „wahrscheinlich nicht mal schwul, sondern asexuell. Armbrusters sind alle bescheuert.“

Was Peter nicht wissen kann: Wir haben einen Fels, an dem er scheitern wird. Der Fels heißt Oliver und ist der Jüngste bei uns.
Oliver ist ein Verschlossener. Den will man pflegen und hegen, weil er süß ist und einem so gut und so verloren vorkommt. Er macht eine Lehre als Bäcker, wo man morgens um drei schon arbeitet. Nächtens reitet er auf seinem klapprigen Damenfahrrad über die hügeligen Landstraßen, fährt weite Strecken von seinem kleinen Ort bis in die Stadt.

Obwohl es ihn zu dessen Lebzeiten nicht gegeben hatte, ist Oliver der treueste Anhänger vom Filmstar James Dean. Von uns hat da keiner eine Chance. Oliver, er hasst dich, wenn du ihn „Olli“ nennst, sieht auf seine Art amerikanisch aus, mit den kurzen Haaren, seinen Jeans, T-Shirts und dem arglosen Blick.

Mit der Lehre war das so: Oliver hat oft gemault, Bäcker sei der widerlichste Beruf der Welt. Und wir, oder zumindest einige, die durften, haben getröstet, ihn in unsere Arme genommen. „Ach, du Armer. Wart’s ab, ist fast schon geschafft.“ Mit der Bäckerprüfung in seiner Tasche hat Oliver die Stelle dann sausen lassen, hat als Lagerhelfer in einer Lebensmittelspedition angefangen, haust seither alleine in einer zur Wohnung umgemodelten Müllkippe, den einstigen Büroräumen über einer Pleite gegangenen Möbelhandlung.

Ich habe ihn besucht. Unangemeldet und plötzlich, nachdem ich zuvor Wochen gerungen hatte mit mir. Der einzige von der Gruppe bin ich in jenen Tagen wohl auch nicht gewesen. Peter kam später noch oft, Peter für Monate dann. Solche Sachen hat man in der Gruppe aber nie breitgetreten.

Oliver hat sich gefreut, als ich überraschend auftauchte. An die Wand hatte er seinen James Dean gehängt und daneben Ludwig, den Bayernkönig, jeweils in einem Messingrahmen vom Flohmarkt. Weiter oben war die Rebellenflagge drapiert, die mit dem Andreaskreuz.
„Ludwig ist mein Held“, sagte Oliver. „Der hat von der Realität nur akzeptiert, was ihm gepasst hat. Er hat nie gemacht, was man verlangt hat. Dein Traum ist das Kostbarste, was du haben kannst.“
Ein sehr einsamer Junge, habe ich mir gedacht.

Oliver erzählte von Depeche Mode, die hört er gern. Ich kenne sie nicht, habe bisher nur Fotos gesehen. Er müsse morgen früh raus, sagt Oliver.

Ich war dann noch ein zweites Mal bei ihm. Diese Wohnung war grauenhaft. Außer der Südstaaten-Fahne und den beiden Helden hatte er so gut wie nichts. Plastiksteigen und dergleichen. Er schien sich nicht zu wundern, dass ich am Abend einfach so vorbeikam. Wir sprachen übers Fernsehen oder über Popmusik. Die Themen gingen uns rasch aus. Und dann musste er schlafen.

Eines Abends ergab sich, dass Oliver, Bob und ich noch im Gruppenraum sitzen, während der Rest vor der Gruppe zur Schwulenkneipe schon vorausgegangen ist.

Bob ist ein Amerikaner, aber keiner aus dem Süden, auch keine Art James Dean, obwohl so grau wie der mindestens wäre, würde er noch leben. Er geht auf die Fünfzig zu, hat draußen im Gäu sein Haus, deutsche Frau, drei Teenager-Kinder. Bob ist neu in der Szene. Erst hat er es seiner Frau, dann den Jungs gesagt, dass er schwul ist. Dann ist er zum Arbeitskreis gegangen. Hierher, zu uns (H.A.R. Homosexueller Arbeitskreis Reuenthal).

Bob ist unheimlich nett. War bei der Army, ist hängen geblieben, inzwischen im Garagenbau unterwegs. Bob hat einen knapp gestutzten Bart, schiebt einen Ranzen vor sich hin, trägt die Art Drahtgestellbrille wie der Kanzler neuerdings. Bob hat eine Schwäche: Wenn es lustig zugeht, sollte jemand ihm den Alkohol entziehen. Das traut sich von der Gruppe aber keiner.

Ganz genau wir drei hier, Oliver, Bob und ich, waren es, die vor zwei Wochen den Arbeitskreis im Allgäu repräsentiert haben. Beim Landestreffen der Schwulenbefreiungsfront im Neuen Schloss von Kißlegg. Meine Herbergseltern waren einer von der Raiffeisenbank und einer vom Finanzamt in Biberach. Unheimlich nett, teuer eingerichtet, Patricia Kaas, alles auf CDs, im Bad standen, gezählt habe ich sie nicht, dreißig Flakons. Wie man sich das vorstellt bei Schwulen. Am Samstagabend hatte es eine naja, extemporiert anmutende Party im Jugendhaus von Raveschpurrk, so sprachen die Leute es aus, gegeben.

Bob legt den Grünen für den Bio-Riesling einen Schein in ihre Kasse und gießt nach. Bob sagt, wie glücklich er sei, seit er das Coming-out gerafft hat. Das sagt er oft, seit Wochen immer wieder.
„Oh Boy, Ralf, Oliver! Alle diese guten Leut, die ich nie kennen lernen gehätt, wenn ich das nicht gemacht gehätt!“

Genau wir drei, kurz nach Kißlegg hier schon wieder vereint, „let me kiss your leg“, Bob lacht. Wir drei wären auch die Nettesten von allen. „May truth be told.“
Bob will noch was sagen. Wir können nicht immer tun, wie wenn nichts wäre.
„Oliver, ich bin ein ehrlicher Mann. Oliver, du weißt das. Ralf du weißt es. Oliver, ich liebe dich!“
Jetzt sollen wir auch mal ehrlich sein und sagen, was wir davon denken.
„Beide, ich frage euch beide!“

Oliver sagt nichts. Ich sage nichts.
Bob guckt Oliver an. Oliver sitzt seitlich zur Tischplatte und

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