T 161: Tod in Venedig

von Klaus Mattes
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Hallo Thomas,
habe am Wochenende, aus gegebenem Anlass, „Tod in Venedig“ wiedergelesen. Nach 25 Jahren. Wunderte mich, wie viel ich davon noch wusste. Anscheinend stand mein Gedächtnis letztlich aber unter der Herrschaft von Viscontis Verfilmung. Zum Beispiel steht die dir gemailte Szene mit einem peinlich schwitzenden, ächzenden Gustav, der seine Schminke verschmiert, nicht im Text, sondern ist Teil vom Film gewesen. Visconti hatte es bei dem Projekt nicht leicht. Man versteht, warum so ein dröger Film aus der Novelle hervorgehen musste. In der Story geschieht doch mehr oder weniger nie was! Ein gewisses Verdienst des Autors, dass uns dies kaum auffällt.

Der actionreichste Teil ist die Vision vom Satyrspiel. Jene Orgie, bei welcher Weiber ihre Brüste vor sich hertragen und „ungeheuerliche Vermischung“ anhebt. Schwulst der Jahrhundertwende, soll an Friedrich Nietzsches Bejahung des Dionysischen (vs. „Apollinischem“, Geistigen) gemahnen. Soll anzeigen, dass Aschenbachs Pimmel sich zu melden anhebt. Vor allem ist es natürlich ein Scheiß. Was um Himmelswillen sollen die Weiber mit den voran geschmissenen Busenkanonenkugeln etwa zu tun haben mit einem unflüggen Bub? Erkläre mir dieses einer! Visconti hat es gestrichen und Visconti war schwul.

Durch meine Lektüre ist mir klar geworden, warum Mann die Bewunderung der Kinder für Tadzio „einfach so gesetzt“ hat, wie du sagst. Wenn er’s nicht gemacht hätte, hätte er erzählen müssen, was Tadzio so für ein Typ ist. Womit er sich die Tage um seine Ohren schlägt. Was die anderen für Kinder sind. Solchen Mist schreibt Thomas Mann an keiner Stelle, das hat er konsequent entgrätet. Es stand von Anfang an fest, dass es eine längere Erzählung werden wird, aber kein Roman mit Personal, das man vorstellen müsste.

Obwohl der ausladende Stil zur Gemächlichkeit neigt, ist das Büchlein mit geradezu atemraubender Straffheit auf sein Ende hin exekutiert. Ich zähle die Seiten und sehe, nach einem Drittel ist der Knabe im Bild, zwanzig Seiten vor Ende wird von der Cholera gesprochen, wie nebenbei noch. Dieses auf einer Basis, die Clever-Mann vorher abgezirkelt hatte: jene frischen Erdbeeren, welche er sich zum Frühstück bestellt hatte. Jetzt erwähnt er die Seuche und dann lässt er ihn am Weg noch einmal Erdbeeren kaufen und - ungewaschen - verzehren. Ding Dong!

Ist dir aufgefallen, dass, außer den beiden, Aschenbach und Tadzio, so gut wie keine Leute je auftreten? Im Sinne von: Man lernte sie kennen, man blickte in ihr Inneres hinein. Was wissen wir über die Frau Mutter des goldnen Polenkinds? Nichts doch! So geht es von Anfang ab. Frau und Kind sind Leerstellen von Aschenbachs Existenz. Von Freunden und Kollegen hört man noch läuten - von sehr ferne. Man ist nie da, wenn Aschenbach mal einen Dialog hat mit irgendwem. Man liest, wie er sich mit Domestiken abgibt: Verwalterin seines Hauses im Gebirge, illegaler Gondoliere, Friseur. Bei solchen Figuren reicht dem Leser eine Funktionsbezeichnung, damit er glaubt, er hätte sie kennen gelernt.

Sogar der formidable Knabe selbst gewinnt nahezu keine Kontur. In Wahrheit geht es immerdar um die Themen, die Parade in Aschenbachs Kopf abhalten. Vornehmlich zweie. Sein künstlerisches Credo. Meisterschaft ist ein großes Trotzdem, überirdischer Wille, der Seinsbanalität abgerungen. Aschenbach, ein Schriftsteller, sieht sich als Soldat, der seine Pflicht tut. Zähne zusammenbeißen, sonst nämlich keine Kunst!

Hirnflimmern dann noch: die Schönheit des Knaben als Verkörperung der überirdischen Ideen schon im Hiesigen. Vierzehn Jahre, da hat er irgendwie Recht, ist ja kein schlechtes Alter. Allerdings sollen Nachforschungen ergeben haben, dass der echte Knabe, den Thomas Mann in Venedig bewundert hatte, erst neun Jahre alt gewesen war. Kulmination im Kapitelschluss: „Lächerlich war es, lasterhaft, unsagbar, trotz allem ehrwürdig selbst hier: Ich liebe ihn.“

Aschenbachs künstlerisches Credo ist dem von Thomas Mann ähnlich. Gleichzeitig distanziert Mann sich immer wieder von seinem Parvenü aus Schlesien. Aschenbach schrieb vom Mannesmut, errang in des Deutschen Reiches Schulbüchern Seiten, hat aber nie praktiziert, was er dort predigte.

Ich fragte mich, was Leute, die so eine Novelle auf ihren Lehrplan setzen, dem Abiturienten beibringen möchten. Die Freude an so einer gewählten Sprache kann man unmöglich wecken! Damit nicht. Daran freut von hundert sich ein Schüler. Das Ansehen der Ephebophilen retten will wohl auch kaum einer. Was soll dieses Buch dem heutigen Jugendlichen denn dann weisen? Vielleicht ging‘s darum, weil er der beste Prosaiker deutscher Literatur des 20. Jahrhunderts wäre, fürs Abi von Thomas Mann was parat zu haben, was sowohl kurz wie stilistisch charakteristisch war.

Du hast zur Kenntnis genommen, was dir der Deutschlehrer vorführen würde: Wiederholte Stellen, wo Aschenbach ans Abreisen denkt, dann Gründe findet, es nicht tut, also nicht nüchtern handelt, wie er angeblich bislang stets gewesen. (Liebe ist Himmelsmacht.) Diese (Todes?-)Boten und Spiegelfiguren, denen er begegnet! Am Anfang der Typ mit Rucksack und Hut in der Nähe vom Friedhof in München. Der lässt ihn an Tiger denken. Am Ende heißt es dann, die Cholera komme aus den indischen Sümpfen, wo der Tiger wohne. Und jener Geck im Hafen von Pola (Rijeka), überlaut, geschminkt, die Tunte in junger Herrengesellschaft! Bei Visconti wird die Parallele noch herausgestrichen. Aschenbach verwandelt sich in eine Figur, die ihn mal angeekelt hatte. Der schwarze Kahnfahrer, der nicht handeln lässt mit sich, dann einfach verschwindet. Charon, der Fährmann ins Todesreich.

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