Reuenthal k - Johannes kennt die Welt

von Klaus Mattes
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Zu Hause steckten sie in der Sackgasse. Der Mann war nicht gewohnt, die ganze Zeit jemanden um sich zu haben. Er hatte sich danach gesehnt, sein Leben möge eine Richtung bekommen. Diese Richtung, die sollte ein Mensch sein. Aber jetzt war da einer, den er sich, hätte er freie Wahl gehabt, nicht ausgesucht hätte.

Hatten sie nicht etwas unternehmen wollen? Ins Kino? Jedes Mal, wenn der Mann das vorschlug, hatte der Junge schon wieder keine Lust. Es dauerte nicht lange und der Mann war überzeugt, dass der Junge sich fürchtete, die falschen Leute könnten ihn in der Gesellschaft von Peter antreffen. Dabei, fand er, hätte er der sein müssen, der sich Sorgen machte, weil er mit diesem Jungen herumlief. Ins Batsch wollte er auch nie. Dort drinnen wären die Übelsten. Die wollten einen ausnützen und fallen lassen, sagte er.

Was hatte er in den Jahren, die er beim Reiselfinger gewohnt hatte, den lieben langen Tag eigentlich gemacht? Gearbeitet hatte er nichts. Fernsehen halt und Musik hören. Vor Jahren habe er Karate und Jiu Jitsu gelernt. Das werde er wieder anfangen, wenn er ‘ne Arbeit und ‘ne Wohnung und sein eigenes Geld hätte. Außerdem schien er irgendwann in seinem Leben ungewöhnlich viel gelesen zu haben. Die Bücher der Stadtbücherei über Gott und den Teufel. Der Leihausweis sei verloren gegangen und es stünden Schulden an für Bücher, die er nicht zurückgebracht hatte.

Was wollte er arbeiten?
„Ich? Was ich arbeiten will? Meinst du, irgendwer fragt mich das? Ich muss doch froh sein, wenn ich was krieg. Vielleicht was im Lager. Das hab ich schon mal gemacht.“

Was machte ihm Spaß? Hatte er Musik gemacht? Nein. Skateboard gefahren? Nein. Schwimmen? Nein. Sport, irgendwas? Fußball, als Kind, das war lange her. Hausarbeit? Nach zwei Wochen hatte der Mann ihn dazu gebracht, dass er ihm beim Kochen ein wenig zur Hand ging und hinterher beim Spülen half. Immer brauchte er die Extra-Einladung und nie wusste er, wo irgendwas war oder hingehörte. Also ließ der Mann ihn lieber wieder seinen Krach hören. Malen? Ja, gemalt hätte er immer gut.
„Also. Hier ist Papier. Buntstifte und Filzer. Du kannst loslegen.“
„Keine Lust.“

Als der Mann aufs Klo ging, sah er, dass Timo doch übers Papier gebeugt war und mit Buntstiften arbeitete. Endlich ein pädagogischer Erfolg! Doch, nein, das wurde nichts. Der Junge zerknüllte ein Blatt nach dem anderen, schmiss sie wütend in den Papierkorb. Der Mann würde ihm Mut machen. Doch, ach, das waren tatsächlich Kritzeleien eines Überforderten. Man konnte erkennen, was es hatte geben sollen. Ein Haus, ein Auto, die Sonne.

Den ins Gespräch gebrachten Spaziergängen bei Tageslicht entzog er sich immer wieder aufs Neue. So war es kein Wunder, dass sie nach Einbruch der Dunkelheit dann eben gemeinsam zum Park gingen.

Johannes war dieses Mal bei bester Laune. Am Anfang jedenfalls. Sie kriegten seinen feuchten Händedruck und die angedeutete Umarmung. Der Junge wieder auf Abwehr. Es war noch hell genug und man konnte sehen, wer an der Bank vorbeikam. Wie Johannes sagte, lauter alte Männle, Tote und Scheintote.

Johannes selbst steckte ja gewaltig in den Fünfzigern, dachte der Mann gerade, da begann dieser, ihnen zu erklären, er wäre, im Gegensatz zu Krethi und Plethi hier drin, einer, der was aus sich gemacht habe. Sein Haar glänzte fett gefärbt und Johannes roch fein nach adidas After Shave, er hatte seine Chevignon-Jacke an und außerdem brandneue Joggingschuhe mit gelb-lila Schürsenkeln. Grau dagegen, befand er, sei sonst der hiesige Menschenschlag.

Graue Haare, graue Haut, graue Jacke, graue Hose. Ihm zu widersprechen war unmöglich. Auch dem Mann war aufgefallen, dass den Reuenthalern etwas Lebloses, seltsam Ausgehöhltes zu Eigen war. Runde um Runde spähend, zuckelten sie wortlos, tapfer an ihren Erdentagen herumbeißend. Dies galt, ohne eine einzige Ausnahme, für sämtliche betagteren Reuenthaler, nicht nur die grauen Schwulen im Park.

„Die sind hirnamputiert“, krittelte Johannes. „Schaut, wie die ewig rennen! Der Einzige, dem’s was bringt, ist der Schuhmacher. Sonst fußkranke Huschen, aber hier drin können sie laufen wie Weltmeister. Warum muss alles so kompliziert sein? Jeder weiß ja, sie wollen alle dasselbe.“

„Des G’fräß hier immer! Früher hast noch Junge hier drin gesehen. Heut! Nix! Nur die Alten noch! Die Jungen sind daheim und schwitzen’s durch die Rippen.“
„Aber der da, der war ja nicht übel. Der war keine vierzig!“
„Schwester! Du leidest an Geschmacksverirrung! Wie die Tuck schon hergschlappt ist! Also bleib mir weg, wenn du zwei Meilen gegen den Wind siehst, dass das so Tucken sind! Mindestens fünfundvierzig hat die Alte auch schon auf ihrem Buckel.“

„Manchmal muss man Abstriche machen.“
„Was, Abstriche? Des sin’ faule Kompromiss! Ich weiß das. Des hab ich schon g’macht. Des bringt nichts! Alles muss man nicht hann! Gell du, Timo?“
Timo maunzte etwas.

„Ich seh des. Des wird schon wieder nix. Die Dummstadt da! Wenn ich nur bald wegkomm!“
Bald würde er seine neue Stelle im Luxushotel in Saudi-Arabien antreten. Davor schien es ihn jedoch eher zu ängstigen.

„Das schlimmste Land von der Welt ist das Deutschland da. Ich war ja überall, ich weiß Bescheid. Früher war des nicht so. Wie ich jung war, bist keine Nacht ung’fickt in dein Nescht. Des ist ein ekelhaftes Volk worden, igitt! Jeder denkt nur noch an sich. Alles nur noch Geld. Ohne Geld geht hier keinem mehr einer ab. Hier bleib ich keine Sekunde. Das ist bekloppt. Des ist nur der Doofen-Park. Ich geh ins Batsch. Timo, bist du dabei?“
Aber Timo: „Ich hab keine Lust heut.“

„Was ist jetzt mit deinen Papieren? Hast du die?“
Keine Antwort von Timo.
Johannes erhob sich von der Bank, stellt sich vor Timo und legte zärtlich einen Arm um ihn.
„Na, komm, jetzt machen wir einen drauf! Ich zahl für dich.“

„Du Johannes, ich wohn beim Peter.“
„Ach! Na, den Peter nehmen wir auch mit. Peter, gehn mer nüber ins Batsch. Ich lad euch ein.“
Der Mann überlegte, wie er ganz neutral nein sagen könnte.

Johannes hörte gar nicht mehr hin, denn ein junger Typ mit Jogging-Anzug war soeben vorbeigelaufen.
Gehetzt gab Johannes die Patschhand, rief im Weggehen: „Also. Falls man sich nicht mehr sieht. Bleibt anständig, ihr, Brüder und Schwestern im Herrn!“

„Von was für Papieren hat der da geredet?“
„Hä? Was für Papiere denn?“
„Er hat doch nach Papieren gefragt.“
„Was? Ich versteh nicht, was meinst du? Was für Papiere?“

Von links näherte sich ein hell gekleideter, nicht mehr junger Mann, blieb ein gutes Stück weg stehen. Der sah stark nach Johannes aus.
„Wer ist jetzt der da?“
Timo schwieg.
„Den guck ich mir mal an.“
„Das ist doch der Johannes.“
„Das seh ich dann schon.“

Wirklich war es Johannes, der betreten auf der Stelle zu treten schien. Pathetisch streckte er einen Arm aus und griff nach Peters Oberarm.
„Du, Urschel, Schwester! Bist mir nicht bös!“
„Bös? Wieso denn?“
„Wegen dem Timo. Ich hab das nicht gewusst, dass du den hast.“

„Von wegen hast! Der übernachtet doch nur bei mir.“
„Aber nimm’s mir nicht krumm! Wir unternander spannen uns keine aus. Die sind’s alle nicht wert.“
„Ja, ist gut. Gehst du noch ins Batsch? Wer war der? Kennt man den?“

„Ach, vergiss es! Der ist schön. Du, aber da freu ich mich so, dass ihr zusammen seid. Bei dir sind das ja Jahre. Und der Timo, das ist mal ein Lieber. Der Timo ist schon in Ordnung, bei allem, was man hört. Dem hat man bös mitgespielt. Ausgenutzt worden ist er. Aber bei dir. Musst Geduld haben. Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden.“

„Hast Recht g’habt. War Johannes. Den Blonden hat er nicht gekriegt, jetzt ist er ab ins Batsch“, sagte der Mann zum Jungen.
„Was ihr mit dem Batsch alle habt.“

Irgendwann tauchte doch auch Helmut noch auf und der Mann und Helmut redeten mehr als eine Stunde, ohne dass der Junge irgendetwas sagte. Dann endlich: „Ich bin jetzt müd, Peter, geh’n wir?“

Peter erschrak, es war ja alles viel zu spät. Alle waren schon wieder weg und er hatte nach nichts gesucht. Daheim würde wieder nichts laufen.

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