Vorstoß J/ Mein kleines Buch

Bild von Klaus Mattes
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Ich schrieb für die Freunde mein Buch.

Die Freunde hatten Schnurrbärte und kleine rote Ribbons an ihren schwarzen Lederjacken. Wie mein Buch tranken auch sie oft Kellerpils, Abend für Abend, waren drahtige Dreißiger, die sich die Leiber im Studio in Form definierten. Rasierte Muckibrüste hatten meine Freunde mit Riesennippeln, die mochten, von Piercings gequetscht zu werden. „Hallo Clara“, sagten die Freunde zum Buch und lagerten Pianistenfinger auf den aus Chaps ragenden Arschbäckchen.
„Wieder nix los, all die Provinzfriseurinnen und C&A-Trullen weg gedacht.“

Mein Buch hatte den Vorzug, dass es nicht aus Labern oder dem Leben gegriffen war. Nicht aus viel zu viel, was kein Mensch brauchte. Mein Buch sah aus ... etwa wie ein 5 Cent großes Stück Löschpapier, ein Smiley war da drauf geprägt. Man legte sich das auf die Zunge und Musik kam. Wenn man mein Buch las, stand einem der Schwanz wie ein 23-cm-Bolzen ab. All meinen Freunden stand er dann, wenn sie es sahen, dieses Buch, dann standen ihnen ihre, nur unwesentlich geringeren Umfangs.

In meinem Buch wurde gefickt rund ums Ziffernblatt. Ich kann das anders nicht beschreiben. Es ist hier eben mal ein Fachterminus. Extrem hart, tief und säuisch durch eine milchsahnige Morgendämmerung. Jeder fickte ausnahmslos jeden. Wir schufen uns eine zeit- und ortlose Gemeinschaft kaltschnäuziger Fickspielfreunde.

Es gab keinen schnuffelnden Schwitzheiner unter uns in seinem dunkelgrünen Sweatshirtsack. Thomas Mann waren wir alle. Wir gingen zum Schneider von Panama. Wenn wir auch bei dm an der Kasse standen, dort unsere Reisen nach P-Town und in die Karibik (via Smartphone) buchten, selbst, wenn wir einen Cappuccino beauftragten, mit Schwarzwälder Kirschtorte oben drauf, zwinkerte ein Engel von fröhlichen neunzehn Jahren uns zu, wobei er zart anlief. Der Junge genoss neben uns Weltläufigkeit und im Geiste gesellte er sich den Runden der Freunde zu. Quarktaschen gab es bei uns selten, immer nur tabulose Dreckschweine.

Aber mein kleines Buch wurde knallhart gebrochen. Sie machten es zum willenlosen Stück Papier. Mit Liebeskerzen reizten sie seine Liebesgrotte zur Weißglut, sofern sie nicht darin lasen. Wohl wahr. Mein Buch besaß Zauber. Das konnte jeden zur coolen Sau machen.

Manchmal an Abenden, wenn etliche der Freunde auf „schwuljulius“ sich eingeloggt hatten, um witzige Sprüche aus „Sex and the City“ oder „Der Teufel trägt Prada“ zu dekonstruieren, saß das kleine Buch schamhaft und schüchtern in der Ecke. Bisweilen verrissen wir es auch geringschätzig in unseren telefonischen Unterhaltungen mit Literaturrezensentin Micaela Reitzacki, einer gnomenhaft jüdischen Erbtante, die mit Büchern klug umzugehen wusste.

„Mein Junge, es war so richtig, dass du dich gegen Verfolgung, Isolierung, Benachteiligung ausgesprochen hast! So hat der kategorische Imperativ gelautet. Es war noch nie gut, den Bach mit allen herab zu schwimmen. Ausgenommen beim Kauf einiger Markenprodukte, deren Namen ich dir gerne nennen will. Einiger Aufzeichnungen von Sarah Kirsch und Lieder Thomas Schwarzkopfs. Ich habe das mehrfach an die FAZ geschrieben.“

„O“, sagte ich, „mein kleines Buch, es soll uns verschwestern zu einer Armee der Liebenden, zum Aufstand der Perversen, aller Schuppenpflichtigen und Verdrücksten bis nach Bulgarien und ins Chasarische runter.“

„Das will ich meinen“, schmetterte meine Tante. „Und zu Ostern stellst du mir deinen Bräutigam vor.“
Eine Spur von Missfallen regte sich mir im Herz. Sogar Tante Micaela konnte sich nicht allein damit zufrieden geben, mein wundervolles Buch lesen zu dürfen.

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