Ankunft in St. Mingo 3 - Die Alten - Page 2

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öffnet sich folglich auf jedem Stockwerk, lässt sehr viele Menschen ein, die zur Ebene 6 aber nie wollten, jetzt allerdings mitfahren. Das Zimmerchen füllt sich, immer drückt eine ihr Wägelchen noch hinein. Da ist schon noch Platz.
„Wir haben doch Zeit!“, beteuert glückstrunken ein älterer Herr mit dunkelblauer Krücke, ohne Rollator, ohne Umhängetasche.
Seine Aussage verwundert uns ein wenig. Hatten sie sich nicht hineingepresst, obwohl vor der Ankunft dieser Kabine oben ein Pfeilchen in Richtung „aufwärts“ aufgeflammt war? Und obwohl zwei andere mögliche Fahrstühle wirklich nur ganz wenige Schritte entfernt fuhren!

Wie ist das mit der Zeit, die viele alte Leute über den Tag verteilt in der Schädler-Weiß-Klinik ertragen müssen? Auf weit über hundert Einzelzimmer hat man sie verteilt. In den meisten Zimmern steht ein zweites, unbenutztes Bett, das hinzu gebucht werden kann, wenn ein Verwandter, beispielsweise Ehemann, mit in die Reha will, was aber geradezu wuchernd teuer bezahlt werden müsste, angesichts des Preis-Leistungs-Verhältnisses, das nun nicht ganz wie Baden-Baden oder Wiesbaden im 19. Jahrhundert ist.

Man braucht geraume Zeit, bis einem aufgeht, dass im gesamten Komplex die Gemeinschaftsräume eingespart worden sind. Den gemeinsamen Speisesaal und den Fahrstuhlpalast gibt es. Und unten auf der 0 einige frei zugängliche Ergometer im großzügig geschnittenen Korridor. Aber einen Fernsehraum gibt es nicht. Auf jedem Zimmer steht doch ein Apparat. Eine Bücherei gibt es nicht, allerdings ein paar hinterlassene Ramschbücher von vor zwanzig Jahren, die man sich nach Belieben von Regalen in besagtem Korridor abholen könnte. Zeitungen werden ebenso einige vorgehalten. Immer sind die aus der Region, jedenfalls die vom aktuellen Tag, vergriffen und außer Sichtweite verschleppt, greifbar stattdessen so hinreißende Titel wie das „Handelsblatt“. Für die Zeitungsleser stehen im Foyer, das ist die Zone gleich hinter dem Eingang und vor dem Speisesaal, einige Sessel bereit und man kann dort den ganzen Tag lauwarmen Früchtetee sich ohne gefährliches Koffein kostenlos nachschenken. (Das Sprudelwasser, das sie einem nachdrücklich ans Herz legen, muss man überteuert am Kiosk erstehen.) So etwas wie eine Bar, Cafeteria, Automatendiele, einen Raum für Schach oder Kartenspiele wird man in der Schädler-Weiß-Klinik ebenfalls nicht finden. Raucherzimmer selbstverständlich auch nicht, man ist stolze Nichtraucher-Klinik.

Gelöst ist das so, dass es in dem einen Flügel auf der Ebene 6, auf dem größeren Teil der Dachterrasse ein Café gibt, welches von einem eigens dafür engagierten externen Pächter betrieben wird und auch jeglichen Gästen von außerhalb, die davon Kenntnis haben, offensteht. Öffnungszeiten vierzehn bis einundzwanzig Uhr fünfundvierzig, also nicht direkt anschließend ans Mittagessen, sondern versetzt um eine Stunde. Im Café oben gibt es manches, was man sonst in der Klinik nicht hat: Bier, Wein, Sahnetorten. Die Raucherzone wurde gestrichen.

Folglich verlassen die rauchenden Gäste, wenigstens nach jeder Mahlzeit, wenn noch viel Zeit ist, bevor die erste Anwendung anfängt, das Haus, gehen paar Schritte die Anhöhe hinab, eine annähernd fahrzeugfreie Spielstraße überquerend, setzen sie sich, als würden sie auf den Bus warten, ins Haltestellenhäuschen, wo nie jemand abfährt oder aussteigt. Vielmehr wird dort den lieben langen Tag geraucht, auch erstaunliche Mengen Sekt getrunken, weil öfters jemand die Genesung und Entlassung zu feiern hat. Wohl gemerkt, wir reden, wenn wir von Rauchern sprechen, von achtzigjährigen Greisen mit dunkelblauen Gehhilfen.

Die Schädler-Weiß-Klinik liegt zwar am Rand, aber der Ort St. Mingo ist so sehr groß ja nicht. Hektisch oder verkehrslärmig ist es auch nicht, vielmehr handelt es sich bei St. Mingo ums perfekte Schlafstadtambiente, auch auffallend kleinkinderlos, nicht unnatürlich hochgezogen, für ein unweit gelegenes Ballungsgebiet, insbesondere dessen hochmoderne, südlich etwas vorgelagerte Digitalbranche. Im Zentrum der Gemeinde St. Mingo sind nicht viele, aber doch ein paar ruhige, gepflegte, gemütliche Gaststätten. Geht man abends aus der Klinik heraus, immerhin kommt um siebzehn Uhr das Abendessen, danach kommt nichts, schnappt man in St. Mingo so gar nichts auf von der Nachbarschaft zur Schädler-Weiß-Klinik. Keine uns nach Tagen irgendwie bekannten Gesichter, keine rollenden oder stochernden Alten, keine Umhängetaschen und Rauchergrüppchen.

Wo stecken die Alten denn? Es ist Juni und selbst um halb zehn scheint tief von Westen über die Ebene noch die Sonne! Na ja, sie sind einen Tag auf Trab gehalten worden. Je nach Ablaufplan, die EDV spuckt für jeden Einzelnen einen anderen aus, bei jeglicher Veranstaltung kommt man mit einem neu gemischten Teilnehmerkreis zusammen, kein Ergometer-Parcours ist wie der andere. Je nach Plan sind sie heute beim Qigong gewesen, bei der Theraband-Gymnastik, haben auf dem Gras neben der Klinik die Einführung ins Nordic Walking mitgemacht, sind 2,3 Kilometer um den Ort herum gewandert. Sie hörten Vorträge im Untergeschoss - über ausgeglichene Ernährung oder Grade der Behinderung. So also sind sie gerecht erschöpft worden.

Man kann im schönen Abendlicht um die Höhe schlendern und zu den winzigen Balkonen sehen. Nirgendwo sitzt eine, aber viele der Balkontüren sind noch offen. Sie werden also fernsehen, sie werden telefonieren, sie werden dösen oder meditieren.

Viele ziehen sich ja auch ausgiebig um, nachdem sie sich noch mal frisch gemacht haben. Der Regelpatient, wie ihn die Krankenkasse gern abrechnet, befindet sich drei Wochen innerhalb der Schädler-Weiß-Klinik. Die Schädler-Weiß-Klinik ist gerieben genug, sowohl den Tag der Anreise wie den von der Abreise aufs Wochenende zu verlegen, obwohl an Samstagen und Sonntagen nahezu das gesamte Personal die Klinik verlassen hat, selbst der Kiosk geschlossen ist, außer Essen, Blutdruckmessen, auf die Waage stehen und Tabletten einnehmen nie was stattfindet. Zwanzig oder einundzwanzig Tage ist jeder Gast also hier drin. Schaut man sich die Patientinnen um die achtzig an, so scheint jede, wie immer ins Werk gesetzt, mindestens eine Garnitur Kleidung für alle 21 Tages-Auftritte mitgebracht zu haben. Viele der Damen haben, wenn man ihnen begegnet, immer etwas Neues an. Wenn sie vom Training kommen, sind die Sporthosen und Stirnbänder keineswegs von derselben Farbe oder aus dem gleichen Material wie am Vortag.

Eben also ist die Sonne verschwunden, feucht und grün duftet es am kleinen Bach aus den frisch gemähten Wiesen. Nach dem Nachmittag ist die Luft endlich angenehm, frisch und seidig. Still und leer ist die Welt am Rand von St. Mingo. Von weit her das beständige Rauschen einer Umgehungsstraße, näher bei uns der Ruf eines Kuckucks und die Kurven der Störche. Da und dort Fernsehlicht hinter Stores.

Wenn sie aufs Zimmer gehen, hört man den umgedrehten Schlüssel. Bräche ein Feuer aus, wie lange bräuchten sie zu begreifen, dass sie selbst es doch waren, die sich eingeschlossen hatten, aus Furcht, von fremden Leuten überfallen und ausgeraubt zu werden? Dass sie den Schlüssel umdrehen müssen! Werden sie einsehen, dass der goldene Fahrstuhlraum heute nicht funktioniert, dass sie zur hässlichen, riesigen Feuertreppe eilen sollen, die hinten am Gang kommt? Aber es sind Albträume. In der Wirklichkeit bleibt alles ruhig.

Wir hatten geglaubt, Achtzigjährige würden oft an ihren Tod denken und sich Sorgen machen. Bei den Achtzigjährigen in der Schädler-Weiß-Klinik kann es so aber nicht sein. Sie tragen extrem bunte Polohemden und heute ist eine Ausstellung mit handgefertigten Indiotaschen aus Lateinamerika im Foyer unten und sie denken, ob sie eine brauchen. Sie gebrauchen das Wort cool. Wenn am Sonntagnachmittag beim Kleinbahnverein die Gartenbahn verkehrt, stehen sie und sehen den Kindern zu, wie sie auf Plastikwaggons im Kreis fahren. Klingelt auf der Auffahrt nach dem Mittagessen der fahrende Italiener, kratzen sie etwas Geld zusammen und holen sich ihr Eis in der Waffel.

Das Leiden kranker Menschen mag hässlich sein, den Appetit der Rekonvaleszenten von der Schädler-Weiß-Klinik kann es nicht brechen. Nach all der Hektik hat man Hunger. So schaufelt man sich drei Scheiben Schweizer Käse, drei Scheiben von der Gelbwurst, eine Gurke, etwas Wurstsalat, den Apfel, die Banane, drei aufgeschnittene Mehrkornbrötchen, Butter und Marmelade, heute sogar Brathering, auch Rettichsalat, Melonenschnitze und vielleicht auch noch Radieschen oder angemachten Krautsalat auf seinen Teller, natürlich in mehreren Nachfassgängen. Korrekterweise muss hier angefügt werden, dass die hiesigen Mittagessen fast kärgliche, stets recht salzlose, gern ein wenig heruntergekühlte Speisen darbieten, wenn auch ansonsten keine schlechten. Die Suppe, dieser passierte Mix aus allen Gemüsebeilagen der letzten vier Tage, kann vorweg schon abbestellt werden, sie unterstützt ansonsten die Luftveränderung.

Am Tag seiner Ankunft bekommt man den Essensplatz zugeteilt. Je nach dem, wo gerade wieder was frei geworden ist. Von da an begegnet man drei Mal jeden Tag einer so von keinem der Teilnehmer erwählten Gruppe aus Personen, die allerdings die einzigen sind, die bei laufender Woche wirklich beurteilen können, ob man immer noch anwesend ist, solange man den Laufzettel noch nicht abgegeben hat. An meinem Tisch bin ich der Jüngste, lasse kein Wort über meine Arbeit fallen, die alten Herrschaften, da selbst verrentet, trauen sich nicht zu fragen. Außerdem bin ich unübersehbar unverheiratet und, wie auch klar wird, kinderlos. Es geht nicht lange und ich bin der leis bespöttelte „junge Mann“, der komische Vogel vom Tisch.

Dann fange ich an, die Abendessen zu schwänzen, um stattdessen mit dem Bus in der Gegend herumzufahren. Ich erzähle von einer Gartenwirtschaft, wo ich Bratwurst mit Pommes und Ketchup bestellt hatte, einen halben Liter Bier. Das darf man nicht, sagen die Alten, wer vorzeitig rausgeht, muss sich erst abmelden, damit sie in der Küche wissen, dass nichts von ihm gegessen wird. Je mehr ich meiner Gemeinschaft ausweiche, beim Mittagessen ist das nie möglich, desto öfter finden sie, dass ich an meinem schwachen Herz Raubbau treibe. Das räche sich irgendwann, da sollte ich mal mehr aufpassen.

„Pommes frites? Nehmen Sie mich mal mit? Ich lade Sie dann ein.“
Der gute Mann fragt gleich am nächsten Abend wieder. Ich wäre lieber ohne den, aber, wie ich nachvollziehen kann, für den Patienten von der Schädler-Weiß-Klinik sind Pommes frites am Abend ein Abenteuer.

Am Tag danach heißt es also: „Heute.“ Und er hat zwei von den Frauen auch noch eingeweiht.
Als wir unten sind, müssen wir eine Ewigkeit warten, denn die Wackligste von unserem Tisch, samt ihrem Rollator, will nun doch auch mit. Die Gartenwirtschaft ist auf der anderen Seite vom Bach, Luftlinie dreihundert Meter, hinter dem Gebüsch, daher nicht gleich sichtbar. Sie würden es allein niemals finden.

Vor der Gelegenheit, mich in so einer Situation noch mal gesondert auszuquetschen, hatte mir gegraut. Aber dann zeigt sich, dass am Tisch niemand zu Wort kommt außer dieser einen, noch ganz energischen, sehr gut aufgelegten, bestimmt einst ungewöhnlich anziehenden Dame, die im Regenschirmgeschäft gearbeitet hat. Und über jenes Geschäft und den Chef, der so viel auf sie gehalten hat, geht es nun fort und fort. Sie amüsiert sich königlich, während ihr keiner zuhört, ich zumindest nicht. Ach, sie hatte halt immer ihr unverschämtes Mundwerk, das ist wahr, dann Spanien, Urlaub mit ihrem Mann, die Leute, die man jedes Jahr wieder traf. Sie trinkt Apfelsaftschorle, der Alte, der mich freihalten wollte, Cola. Ich bin der einzige, der schon wieder Alkohol hat auftragen lassen.

Aber das Bier ist leer, bevor ich meine Wurst und Pommes aufgegessen habe. Sie redet weiter ohne Punkt und Komma, findet, wenn ich hier noch so viel esse, hätte ich in der Klinik nichts essen müssen. Ich überlege, ob die Einladung des Installateurmeisters fürs zweite Bier auch noch gilt; das Essen, hatte ich vorher schon gesagt, zahle ich selbst. Er merkt, dass ich wieder was bestellen will, dass die Gläser leer sind, dass die Sprecherin nie mehr enden wird. Da winkt er dem Wirt, wir wollten gehen. Unser Ausflug dauert keine Stunde.

Anderntags fragt zum Frühstück eine, die nicht mitkam:
„Wie ist’s gewesen im Biergarten? Herr Betz, haben Sie die Pommes gehabt?“
Und er ächzt und stöhnt: „Ja, mein Gott, gut sind sie gewesen, aber die ganze Nacht hab ich es dann büßen müssen.“

Wenn wir mal so alt sind, wie wird das sein? Ähnlich wie unser Leben wird es wohl sein, das Leben, wie es früher mal war.

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