In Reuenthal e) Frauenmusik

von Klaus Mattes
Mitglied

Die erste Nacht mit dem Jungen im Bett war eher eine Enttäuschung.
Der Junge hat ihn nicht ran gelassen.

Der Mann hatte dem Jungen verschwiegen, dass es einen Schlafsack gibt. Er hatte gesagt, dass sie in einem Bett schlafen müssten.
Aber das Bett ist ein breites Bett, sozusagen für anderthalb Personen. Der Mann ist breit, der Junge schmal. Da reicht der Platz für zwei. Der Platz reichte so wunderbar, dass immer der Abstand da war.

Unter der Steppdecke hatte der Mann nach seinem Schlafanzug gelangt, ihn dann liegen lassen. Er hat sich ausgezogen, als der Junge auf dem Klo war.
Er hat ruhig zugeschaut, wie der Junge - bis auf die Unterhose - dann auch alles ausgezogen hat. Dann hat der sich die Unterhose ausgezogen. Er ist nackt durchs Zimmer gelaufen. Der Junge lag da aber schon im Bett und hat die Augen zu gehabt.

Er hat gewartet, dass er sich mal dreht, und dann hat er sich von hinten an ihn gedrückt.
„Lass mich! Ich bin müd.“

Der Mann ist auf dem Rücken gelegen, weil er auf dem Rücken schläft. Der Junge hat sich gewälzt. Er hat nicht geschlafen. Der Mann hat ihm die Hand auf den Bauch gelegt.
Der Junge hat gestöhnt: „Lass mich! Ich muss schlafen.“

„Dir ist bewusst, dass ich ein Schwuler bin und dass du mich gerade geil machst?“
„Von mir aus.“
„Wenn du dich fast nackt zu so einem ins Bett legst, muss du drauf warten, dass er rum macht mit dir.“
„Jetzt aber nicht, ich bin k.o.“

„Es stört dich, wenn ich dir zu nahe komme?“
„Schlaf, Peter! Du brauchst den Schlaf auch.“

Der Mann hat eine Erektion gehabt und immerhin durfte er sich mitsamt seinem Steifen hinten dicht an die Unterhose vom Jungen dran legen.

Dann hat er geplärrt. „Eh! Was ist da?“
Hat sich hinten angefasst.

„Das ist schmierig. Bei dir stimmt was nicht.“
„Wenn er mir steht, kommt gleich was. Das haben aber viele. Kennst du das nicht?“
„Ich hab das nicht. Bist du gesund?“
„Das ist keine Krankheit. Das ist immer so bei mir.“
„Du versaust die Unterhose.“
„Ja, ja.“

Er hat sich auf den Rücken gelegt.
Dann war er eingeschlafen. Alles im Leben löst sich in Wohlgefallen auf. Man muss warten können.

Am anderen Tag musste er Zigaretten holen und Cola und frisches Brot. Und Schweineschnitzel kaufen.

Der Junge machte nichts. Er zog sich nicht mal an. Barfuß, nur mit dieser Unterhose, tigerte er durch die Wohnung. Das sah toll aus, machte auf Dauer den Kohl aber nicht fett.
Er stand daneben und sah bei allem zu. Beim Abräumen, Bettmachen, beim Spülen und Abtrocknen. Er ließ sich ein Schnitzel braten. Hinterher fand er es ausgezeichnet.

Er nahm sich von den Büchern, blätterte, ließ sie liegen. Irgendwo. Auf dem Boden. Dann wollte er wissen, was das für Bücher wären. Immer fragte er nach solchen, die der Mann nicht gelesen hatte. Da stimme irgendwas nicht, fand er. Wie kann einer dauernd Geld für Bücher ausgeben und sie nie lesen!

Peter legte ihm Krimis und Schwulenromane ans Herz. Der Junge mochte das alles nicht. Ob von Stephen King oder Clive Barker was da wäre?
„Horror lese ich nicht.“

Er sei aber Lehrer und hätte studiert. Also sei zu Philosophie und Religion was da. Aber nein, der Mann hatte sehr viele Bücher und kein einziges über Philosophie und Religion. Gab’s auf kei’m Schiff.

„Über Körpersprache? Du kannst die Menschen durchschauen, wenn du Körpersprache kennst.
„Ach, ist schad, ich hab so viele Bücher, aber genau die nicht, die du haben willst.“

„Für Frauen ist die Körpersprache wichtig. Die sagen dir nie, was sie wirklich denken. Die verstellen sich in allem. Wenn du so Bücher studierst, kannst du sie aber gleich durchschauen. Wenn eine tut, als würd sie dich verachten. Ihre Körpersprache sagt, sie wartet die ganze Zeit, dass du sie fickst.“
„Ich ficke keine Frauen.“
„Bei Schwulen geht’s doch auch.“

Ein Fernseher müsse her. Am besten Video auch.
„Hab ich kein Geld für.“
„Es gibt ganz billige. Gebrauchte, die kriegst du nachgeschmissen.“
„Wenn ich einen Fernseher haben möcht, könnt ich mir einen kaufen. Ich will nur keinen.“
„Warum nicht?“
„Wenn ich einen Fernseher hab, hocke ich nur noch hier in der Kiste. Das ist doch bescheuert.“

„So hockst du immer im Park. Ist auch bescheuert.“
„Für dich kauf ich keinen. Kannst du gleich wieder vergessen.“
„Ja gut. Ohne Fernsehn kann ich sein.“

Der Junge erzählt, sehr finstere Rockmusik wäre gut für ihn. Namen fielen, die der Mann, der sich für einen Experten hielt, nie gehört hatte und auch gleich wieder vergaß. Es klang wie Sepultura, Danzig, Paradise Lost, Tiamat, My Dying Bride. Was My Dying Bride in Deutsch wäre? Er sprach es mit P aus wie Pride.

Derlei Musik wäre für ihn nur scheußlich, meinte der Mann. Der Junge widersprach. Die sei nicht nur laut und eintönig. Es gebe Sachen mit Harfe oder lateinischen Chorälen. Als Lehrer möge man das auch. Er hätte noch eine Kassette. Er werde sie bald holen gehen.

Sie würden hier über eine vorübergehende Sache sprechen, erinnerte der Mann. Na, aber das Wochenende schon noch, sagte Timo.

Sie hatten Radio an, lokale Popwelle. Madonna, dann was Bekanntes von ABBA. Beide sagten Timo durchaus zu. Peter schöpfte Hoffnung, den einen oder anderen schwulen Zug mittelfristig aus ihm rauszukitzeln. Madonna sei eine Schlampe. Schlampen seien Schlampen, aber für ihn würden sie taugen, das ginge ab mit denen.

Es gäbe eine ABBA-CD ... Vorher wollte der Junge allerdings U2 und Depeche Mode hören. Von U2 hatte der Mann zwei Stücke, irgendwo in einem Soundtrack, dann was bei einem Benefiz-Sampler. Und die Single von Depeche Mode. Timo fand es alles beschissen. Aber dann ließ er die drei Nummern in Endlosschleife laufen.

Sie könnten an die Luft.
„Wo willst du jetzt denn hin?“
„Einfach nur spazieren. Es scheint die Sonne. Hier in der Büchse kriegt man’s nicht mit.“

„Kannst ja gehn, ich bleib da.“
„Solln wir irgendwann zusammen ins Kino?“
„Kino machen wir. Heut noch nicht. Ich hör Musik. Geh in den Park, wenn du magst.“

Irgendwann entriss ihm der Mann die Gewalt über die Anlage. Nach immer diesen drei Popnummern wollte er es ihm heimzahlen. Absichtlich suchte er älteste Kommerzschmusscheiße heraus. Fünf frühe McCartney-Alben kamen in den Wechsler, dann Shuffle.

„Bip Bop“, „Call Me Back Again“, „Let ‘em In“, „San Ferry Anne“, „Get On The Right Thing“, „Dear Friend“, „Maybe I’m Amazed“.
Stundenlang Pop vom Feinsten.

Sie saßen in der fensterlosen Küche und nahmen die gemeinsamen Bekannten durch, also die Schwulen. Über den Reiselfinger Heinz fiel ein wenig Info ab. Selbstverständlich etliche haltlose Pauschalurteile über Frauen.

Der Mann sagte es ihm auf den Kopf zu, er wäre nicht mal bi. Das diene nur dieser langen Reise durch die Küchen älterer, einsamer Männer.

„Gestern Nacht hat man’s schon gemerkt!“
„Ich bin bi. Ich mach’s mit Frauen und mit Männern auch.“
„Aber mit mir nicht.“

„Ich war müd. Du willst auch nicht immer.“
„Wenn ich dich einen Tag halb nackig vor mir turnen seh, will ich ganz sicher was, wieg dich da nicht in falsche Vorstellungen!“
„Im Moment bin ich nicht so geil. Wegen den Problemen, die ich hab.“
„Oder eher, weil ich dir nicht zusag?“
„Du bist recht.“

„Oder weil du eben auf Schnallen stehst?“
Er lachte.
„Im Frühjahr, wenn’s warm wird, werd ich garantiert rallig. Da muss ich eine knallen. Bis ich eine geknallt hab, kann ich nicht mehr denken. Im Moment schläft meiner aber. Ich sag ja, die Geilheit ist weg.“

Dann jaulte er wie angesägt.
„Mach endlich die Scheiß-Musik aus!“
„Das ist keine Scheiß-Musik. Das ist Paul McCartney und die Wings. Außerdem ist alles hier rings um dich meine Wohnung, wo ich immer die Art Musik laufen lasse, auf die ich Lust habe.“
Er starrte böse, sagte nichts.

Sie aßen.
„Wäh, diese Musik!“
„Na, inzwischen nervt’s mich auch.“
„Darf ich meine Platten laufen lassen?“
„Die Anlage ruht jetzt. Sie war lang genug an.“

Ohne dass sie noch mal darauf gekommen wären, ließ er am folgenden Tag fallen, in seiner Wohnung dürfe Peter selbstverständlich hören, was er mochte.
„Schlecht war deine Musik ja nicht, aber halt Frauenmusik.“

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