Läuterung 017 : Tom Ripleys Jahr in Bamberg

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Ohne Frage war Deutschland einer seiner äußerst raren Fehler. Er würde nicht mehr lange hier sein. Er hatte schon was im Auge. In der Ile de France konnte man es aushalten als transozeanischer Alien. Oder in einem dieser ausschließlich von Keramikerinnen und Nackttänzern besiedelten Tessiner Tälern. Respektvoll ignoriert würde dort man, im Bus oder an der Kasse vom Coop-Markt bedient in gebotener Zuvorkommenheit und Freundlichkeit. Dagegen Deutschland! Hier trug jeder von der Last des Schöpfers jeden Moment seinen Teil mit.

Wenn man in einen Supermarkt ging, prüfend eine Bierflasche gegen das Licht hielt - wegen des oft ganz versteckten und kaum lesbaren Haltbarkeitsdatums - Tom hasste es, wenn das Bier nicht frisch war, nicht umsonst und gerade in Oberfranken hatte es immer schon viele Eiskeller gegeben, um das Zeug schmeckend durchs Jahr zu bringen -, schon tauchte einer dieser regionaltypischen Hobbyschriftsteller auf und seifte einen mit diesem verständigen Lächeln ein.

Dann hob eines jener Gespräche an, wo die Namen von angesagten Philosophen oder Gitarrenbands aufgesagt wurden. Als wären alle in Oberfranken damit befasst, aus der Ausweglosigkeit ihrer Kettenfilialen, Lidl, Aldi, Rewe, real, Edeka, Marktkauf, Norma, Penny, Tengelmann, Bolle, Kaufland, sich ins Reich der ureigensten, dichterischen Kreativität zu schwingen. In Wirklichkeit nur zu dem Zweck: zeigen, wer ganz viele Schriftstellernamen oder auch Gitarrenbandnamen droppen kann.

Immer in diesem Land musste anfangs geklärt sein, wer hier gerade im Recht war. Nie und nirgendwo gab es hier Ruhe, bevor nicht geklärt war, wer viel mehr Recht hatte und folglich, wer davon weniger hatte.

Unter der Maske einer Journalistenexistenz bewegte Tom sich oft zwischen Würzburg am Main, Unterfranken, und Bamberg, einer wundervollen Stadt in Oberfranken, gelegen am Kanal. Dazwischen lagen auch noch die arschigen Rundungen des Steigerwalds mit Kloster Ebrach. Dort legte er dann die kleine Pause ein

Das Verkehrteste war es sicher nicht, an den feuchten Sommerabenden, wenn die Stadt von Regenschauern abgekühlt worden war, im Biergarten am Stephansberg zu sitzen und allen das deutsche Recht Verteidigenden beim friedlichen Feierabend zuzusehen, unten die selten noch befahrene, also angenehme Großschifffahrtsstraße. Und die alte Stadt, eine Sammlung barocker Sandsteinpralinen wie ruralen Fachwerks. Sieben Hügel und auf jedem hockte eine katholische Kirche droben. Der Mittelalterdom mit den vier (sogenannten) „spitzigen“ Türmen auf dem breitesten. Diesem Dom prostete Ripley zu; war der doch Beleg, dass in der Biedermeier (Biedermeier hieß in etwa Regency) Idylle schon mal kühner Geist gewirkt hatte. Jetzt ja wieder, verstand sich.

Bei einem Parteitag der linken Partei machte Ripley sich ein paar Notizen. In Deutschland hatten sie eine Partei, die sie „Die Linke“ genannt hatten, damit die Leute wussten, dass so was an sich denkbar war. Die rechte Partei war verboten worden. Alle anderen Parteien befanden sich nonstop exakt in der Mitte. Das Recht besaß deswegen ausnahmslos jede von denen. Es konnte von daher recht laut werden. Die jetzt sprach und apart aussah, die hieß Katja Kipping. Mit ihr konnte Tom sich was vorstellen.

Die dächte dann, ich bin ein schnöseliger Galerist aus London. Wir brausen ins gelbe Ochsenfurter Gäu (Unterfranken, den Unterschied kannte Tom jetzt auch schon). Eis essen. Jude Law tritt auf - von hinten -, bläst auf seinem Saxophon ein Stan-Getz-Solo. Zu dritt lachen wir uns die Hälse auf und verspritzen Lebenslust. Zurück nun im Supercabrio. Katja Kipping wurmt es, dass sie nur immer diese interessanten Männer interessant finden kann und nie einen wirklich ehrlichen Arbeiter aus dem Dampfknäckenland Sachsen-Anhalt zum Beispiel („Das Land der Frühaufsteher“, Ripley wusste durchaus mehr, als ihm zugetraut wurde).

„Der Fränkische Tag“ in Bamberg, eine angenehm kleine, verspielt in Toms Hand liegende Zeitung, in Würzburg und Schweinfurt die „Main Post“, ordinär ins Breite reichendes Schmierblatt! Dass man in beiden Städten die Politkamarilla ins vorteilhafteste Licht zu rücken hätte, bekümmerte Tom Ripley nicht weiter. Wie sie die Mischgewerbezonen erschlossen, Segen der Arbeitsplätze und Kaufkraft für Chur-Mainfranken verkündeten. (Main war zwischen Reben die Main Attraction in Franken.) Kranken Muttchen das Stück Torte in der Seniorenresidenz kredenzten. Den Gewerkschaften in Burgkunstadt Eide hinterlegten, eine EU-weite Börsenumsatzsteuer sei gar nicht mehr aufzuhalten. Die Subventionen für Solardachhersteller sozial gefedert zurückführten. Dinge dieser Natur, das Brot des frühen Schreibers.

In allen Geschichten über Die Grünen war zwischen den Zeilen zu soufflieren, diese hätten sich diskursiv, konstruktiv, basisnah aufgeführt. In denen über die Piraten, so eine volksfremde Splittergruppe wären sie leider. In Deutschland war immer wichtig, was im Fernsehen gesagt worden war, egal von wem. Wenn außerhalb des Fernsehens je was gesprochen, beispielsweise nur in seiner Zeitung gesagt worden war, konnte es vergessen werden. Die Piraten wurden zu dieser Zeit gerade vergessen, gestern noch war es die FDP, morgen vielleicht die Zebu-Partei.

Journalistische Artikel machten Tom Ripley nichts aus. Es floss ohne Anstrengung. Das sabberte sich zusammen. Tom war nicht Deutscher. Von der Arbeit erwartete er sich nicht, sie solle Sinn machen und sogar Spaß. In einer Redaktion war man die Schachfigur anderer Gewalten. Die ganze Zeit hatte er ein anderes Spiel in seinem Kopf, bei dem viele Leute mitspielen würden, ohne es jemals zu begreifen.

Katja Kipping lachte auf und winkte den spärlichen Reihen dieser möglicherweise Wähler zu. Katja Kipping war auf ihn aufmerksam geworden. Wer einen Rest Charakter hatte, der fand sich in so einer Gegend automatisch.

Die Tessiner, von denen es zum Glück fast keine mehr gab, und auch die Nordfranzosen würden ganz anders werden. Wenn sie merkten, wie viel Geld man hatte, ließen sie einen in Ruhe. Die dachten wohl alle: „Denk nur, wie du vom Reichtum dieses Bruders deinen kleinen Teil abschneidest! Denk nie, wie der Kerl zu seinem Reichtum überhaupt gekommen ist und ob er im Recht ist!“
Die Oberdeutschen: ein Stamm, dem viel zu vieles Sorgen machte.

Nichts ließ man mal sein. Aus allem machte man was. Für Eigenheimbesitzer gab es riesige, servicestarke OBI-Heimwerker- und Gartencenter. Wie jenen OBI-Markt im Fichtelgebirge, in dessen Toilette er einen Furz zurückgelassen hatte. „Auspacken - Aufbauen - Austicken.“ Diesen Spruch hatte Tom Ripley nicht mehr vergessen.

Sie machten was aus den Städten. Überall sah es heute schon wieder aus wie in Rothenburg, Coburg und Gößweinstein. Was bloß nie ging in der Gegend: eine Stunde Kabrio fahren im Sommer, dann eine Metropole wie Mailand, Paris, Austin, Texas. Einen schwarzen Café, einen Kir unter Menschen, die sich kleideten. Hier, von Bamberg aus, hätte Tom Ripley Erfurt, Frankfurt, oder Nürnberg erreicht. Überall den Biergarten vom Stephansberg. Überall die blutbefleckte Herrentoilette von Wunsiedel.