Von Edgar 6: Ein badischer Schriftsteller

von Klaus Mattes
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Das „Bermuda“ war so mittelprächtig wie die mittelgroße Stadt in Baden, in welcher es sich befand. „Die einzige akzeptable Schwulenkneipe“, hatte Thomas von der Agentur vorher gesagt. Edgar durfte ihn begleiten, für ihn bedeutete es die erste Geschäftsreise mit Übernachtung dabei. Draußen nieselte es, drinnen war bis jetzt nichts los. Aber sie mussten froh sein, hier schon sitzen zu dürfen. Erst einmal war Thomas, der sich angeblich auskannte, von früher noch, am „Bermuda“ vorbeigefahren, dann war gar nicht geöffnet gewesen, weil die diesen Laden um neun aufmachten. Immerhin hatte „Der Club“ bis morgens um fünf auf. Das hatte ihnen ein kleines goldenes Schild über der Klingel versprochen.

Thomas trank Sekt, Edgar ein Gemisch aus Kirsch- und Bananensaft. Sie saßen auf Barstühlen und wussten nicht, wovon sie sprechen könnten. Thomas, einer der Kontakter in ihrer Agentur - studiert hatte er irgendwas mit Wirtschaft und war nur wenig älter als Edgar - war nicht sein Fall. Dass sie beide auf Männer standen, hatten sie schnell herausgefunden gehabt, als Edgar letztes Jahr eingestiegen war. Dazu hatte es nicht mehr als einige Blicke bedurft. Den hiesigen Kunden und den zu erwartenden Auftrag hatten sie jetzt ausreichend durchgenommen. Immer noch saß in den zwei kleinen Seitenräumen kein Mensch. Selbstverständlich hatte bisher auch niemand getanzt.

Am besten wäre er im Hotel geblieben und hätte ferngesehen. Wobei Fernsehen etwas war, was man zu Hause tat, ohne sich was zu denken, während man in einer fremden Stadt, in einem Hotelzimmer sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, man habe sich ins kalte Nichts verirrt, sei aufgefüllt mit Schmerz und werde nur zwangsbetäubt. Ratlos sah Edgar zum Barmann hin. Was er vielleicht nicht hätte tun sollen; der schien es als Einladung aufzufassen. So, so, geschäftlich seien sie in der Stadt, vorübergehend, da sollten sie sich nicht grämen, da würde noch Leben kommen in diese Bude, die Nacht sei jung. Ein dürrer, vertrockneter Typ, Anfang vierzig, klein, blond, Schnäuzer, die Augen in Höhlen, dunkel beringt. Wie ein geficktes Eichhörnchen sah er aus. Edgar grinste über seine Bösartigkeit. Schon wieder nahm der Barmann das als Zeichen seiner Zuneigung, wollte jetzt richtig aufdrehen, als jemand von drüben ihn mit Beschlag belegte.

Thomas kam vom Klo zurück und bat um Vergebung. Er wäre fünf Jahre oder noch länger nicht mehr hier gewesen. Seinerzeit ja auch noch in einem Lebensalter, wo man sich schnell imponieren ließe.

„Hier hat sich alles, alles nur zum Schlechten entwickelt. Diese Palmen sind aus Plastik, die Toilette duftet wie Sagrotan, ihre Mucke ist Asbach.“
Gerade sang Chaka Khan „I’m Every Woman“, Clubremixversion.

An solchen Abenden fing Edgar an, Zigaretten zu schnorren. Er musste aufpassen, sonst blieb ihm das Rauchen vielleicht. Thomas, der Abgeklärte, rauchte sowieso nicht. Die Dunhill von neulich, bei dem Sektchen am Freitagnachmittag, hatte der Chef ihm nur aufgedrängt. Ihr Chef, der auf unklare Weise gleichfalls irgendwie war oder zumindest immer wieder mal so wirkte. Edgar versuchte, Thomas auszuhorchen. Der ließ nichts raus, abgeklärt, wie er war. Dass sie so gar nichts reden konnten miteinander! Schwulsein verbindet nicht.

Es lief ein Lied von einem ungepflegten deutschen Schlagersänger, der mit Sicherheit nicht schwul war, dessen Werke als „Kult“ gehandelt wurden. Chaka war besser gewesen. Allmählich tauchten auch einige Gäste auf. Jedes Mal, wenn der Perlenschnurvorhang rieselte, konnte man sehen, dass sie zwar verschiedene Gesichter trugen, jedoch einzig aus zwei Gattungen Mensch hervorgegangen waren: Boutiquenverkäuferschlampen oder Studis mit Brille. Wichtigtuerisch würden die Studis sich jetzt über Prüfungen und Scheine auslassen. Die Einzelhandelsschlampen, wenn sie die Energie zwischen Haarzurückstreichen und Qualmen noch hätten, gackern über lokale Szeneanekdötchen oder Blondinenwitze. So Blondinenwitze mit Frauen drin! Im mittleren Baden waren die Menschen recht mittel.

Er bemerkte, dass doch eine weitere, eine dritte Klasse von Leuten sich einfand, nicht gerade auffällige vierzigjährige Singles, die sich hier und dort strategisch verteilt hatten und hungrige Blicke um sich streuten.

Edgar kannte solche Einsame schon gut genug, um zu wissen, dass sie alle nicht die sozusagen heterosexuellen, unverstellt männlichen, desillusionierten Romantiker in ihren Wolfsexistenzen waren, die sie vorgaben zu sein, sondern einfach Schichtarbeiter und Briefträger, die um vier Uhr würden aufstehen müssen. All diese staubigen Wohnungen mit ihren Raviolidosen-Schnäppchen-Stapeln.

Er bestellte den zweiten Saft-Cocktail. Paar Huschen knicksten auf der Tanzfläche. Dazu gab es jetzt „Ma Baker“ von den Boney M. In diesem Laden kannte man keine Gnade. Und jetzt wusste er auch, dass sie sich für die dümmsten Plätze entschieden hatten, obwohl ja noch überall frei gewesen war. Von hier war nur ein kleines Eck von der Miniatur-Tanzbühne zu erspähen. Dort versammelte sich eine Crew palavernder Italiener in grausig bedruckten T-Shirts, zu denen sie Goldketten samt Madonnenanhänger trugen. Edgar ging langsam hinüber zu ihnen und hinein in diesen Disco-Bereich. Je nach Leuten und Laune konnte er tanzen; alles wird sofort besser. Er war nicht angekommen, da gingen gerade alle vom Floor wieder runter.

Er ging zurück und fragte Thomas: „Nichts los. Was meinst, geh’n wir gleich mal ins Hotel?“

Mit einer ausladenden Geste ließ Thomas den Jackettärmel zurückrutschen und sah aufs übergroße Zifferblatt, das weder Zeiger, Zahlen noch Striche besaß.
„Viertel nach zehn! Hat noch nicht angefangen. Wart’s mal noch ab! Bist du geschafft?“
„So langweilig hier.“
„Autobahn macht müde. Sich mit unwerten Kohlenhydraten vollstopfen genauso.“
„Dann muss ich mir jetzt eine Kippe schnorren.“
„Ist denn der Junior AD so schlecht bezahlt, dass er sich keine ziehen kann?“

Sie hatten hier Dunhill. Aber das war nicht gut. Das gäbe jetzt das dritte Mal, wo er sich extra eine volle Schachtel einkaufte. Die erste hatte er halb leer irgendwo liegen lassen, die zweite im Schrank verstaut für harte Zeiten.

Er schaute dem verhärmten Barmann zu. Thomas folgend war er zu Sekt übergegangen. Er besah sich die kleinen Falten um die Barmannaugen herum. Eigentlich war der Typ ja lieb. Er hatte für jeden ein munteres Wort. Aber so ein Gesicht! Ein Eindruck von Staub der Jahre, der sich nicht wegwischen lässt.

Von den Italienern brandete es herüber, als würden Messer gezückt. Die Romeos hatten wie Megaschwuchteln ausgesehen. Da drüben ging es wild zu mit „Frocio“ und „Vafanculo“, dazu gab’s eine nachgeäffte Vergewaltigung und Mädchenschreie. Ringsum hoch gezogene Brauen beim mittelbadischen Gelbfüßlertum.

Thomas stieß ihn an und wisperte: „Du guckst nicht rüber.

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