T 219: Unterdessen im Waisenhaus

von Klaus Mattes
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The News: Im Waisenhaus, letzten Freitag, gehe ich die Treppe rauf zum ersten Stock und denke, der Typ dort sieht doch fast wie ein angebarteter Benno Sperr aus. Nein, kann er nicht sein, der hier ist teigiger, der echte ist auch verkracht mit Lehrer Lämpel. Aber er war’s! Schmerzberührte Blicke. Allseits dann warmer Empfang.

Später lagerten wir unten am Stehtischchen. Ansonsten feierte die Waisenhaus-Familie, zu der ich mich nicht zählen darf, einen vierzigsten Geburtstag. Markus Schläpfer samt einer Dame mit besserer Stimme (als er) tingelten. Schläpfer, fleißiger und ehrgeiziger blonder Hänfling, den ich mir als vierzig gewordenen Gymnasiallehrer und immer noch Mädchenschwarm vorstellen musste. Die Darbietenden gerierten sich als Künstler, keineswegs untalentiert, aber nicht einen Knaller im Liederkranze. Irgendwie seelenlos, dafür ganz schön eitel: „Was wärt ihr ohne uns?“ So eine Frage konnte ich nicht nachvollziehen. „Hach, Zugluft! Rauch! Meine Stimme!“ Wär’s denn schade drum?

Benno Sperr hin und her gerissen zwischen Höflichkeit, Verwundung, da er mich wahrscheinlich für den „Vulcano“-Topintriganten hält, welcher ihn benutzt hat. Aber auch Freude, mich wiederzusehen. Mir ging’s ähnlich. Partiell unterhielten wir uns nett, dann wieder drehte er den Kopf weg, stand als Gezwungener am Tischchen. Musste er, da sonst all die Waisenkinder ihren Familientag begingen. Zur Familie zählt er ebenso wenig wie ich.

Glücklicherweise war Rudi da, der Dunkle mit der dicken Brille, von der Bücherei. Glücklicherweise neigt Rudi dazu, landläufige Einzelheiten in epischter Breite und Gemächlichkeit zu berichten. Was! Ich (?) rede zu lange und viel zu viele Kleinigkeiten? Kennt ihr Rudi aus der Bibliothek? Sodass größtenteils nun Rudi sprach, während Benno stumm stand, halb abgewendet. Dann zog er sich zur Bar zurück. Zur Lehrerin Lämpel. Scheint die Phase zu sein, wo man sich mit allen verkracht hat, die älteren Verkrachten einem schon wieder ans Herz wachsen.

The News: Benno wollte zu einer anderen Agentur wechseln, was sich jedoch zerschlagen hat. Er ist noch in Pforzheim und macht dasselbe. Hatte erkannt, dass die Arbeit ihm zu viel wurde. Daher mit ehrenamtlichem Engagement fürs „Red Ribbon“ aufgehört. Ein reizender junger Nachfolger sei gefunden. Seinen Kummerkasten gebe es schon nicht mehr, weil die Briefkastentante in letzter Zeit „selbst zu viel Kummer gehabt“ (Zitat) hätte. Keine weiteren Andeutungen. Er hatte einen Dreitagebart und im Gewicht etwas zugelegt. Er sah rosig und munter aus.

Was er noch mehr wurde, als er erzählen durfte, ihm sei zugetragen worden, Vulcano habe wieder Probleme. Zampano Kalle Krücklein habe „fliehen“ müssen, „ins Ausland“ sogar. Autsch sei ja weg. Was es mit Krückleins Verbrechen auf sich hat, wusste Benno aber nicht. Er tippte auf eines dieser Kalle‘schen kultur-karitativen Klärungsprojekte. Den Namen Thomas Lucke, obwohl auf der Zunge, ließ ich still dort liegen.

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