Läuterung 016 : Urs Widmer

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Gestern riss es den Urs Widmer weg. Na ja, nicht gestern, wenn Sie es hier lesen, aber gestern schon, als ich das hier dann aufgeschrieben habe.

Mit Zoe und Matthyas Jenny einte Widmers Urs, dass er aus Basel stammte (renommierteste Schriftsteller: Jürg Laederach und Hansjörg „Hunkeler“ Schneider, die könnten aber bald ebenfalls abberufen werden, in der Tat war es bei Jürg Laederach März 2018 so der Fall). Auch war er praktisch Sohn von einem Schriftsteller. Urs Widmers Vater war der in der Schweiz (wenn auch nicht Deutschland) bis heute nicht unbekannte Walter Widmer, nicht freier Schriftsteller, sondern ein Lehrer, Übersetzer (Diderot), Herausgeber (Goethe) und Literaturkritiker. Im Elternhaus des kleinen Ursli ist damals bisweilen Heinrich Böll ein und aus gegangen. Urs, der Sohn, ergriff das Romanistikstudent, wandelte da noch in den Fußstapfen des Vaters, wurde dann ziemlich schnell belletristischer Lektor im Hause des Dr. Siegfried Unseld zu Frankfurt am Main, wohin es auch das Heidi schon verschlagen gehabt hat. (Das ist gerafft. Zuerst war Widmer Lektor beim Walter Verlag in Olten an der Aare.)

Ich hatte mich gefragt, warum jemand, der Suhrkamp-Lektor ist, sein erstes Erzählbändchen („Alois“ hieß das) 1968 beim vormaligen Hochzeitstag-Geschenkbüchlein- und Kloster-Einsiedeln-Pilgerfibel-Verlag Diogenes (wo Widmer dann bis gestern verblieb) herausbringt. Alois ist in der Tat eines der ersten Stücke „Junge deutsche Literatur“ gewesen, die Diogenes gemacht hat. Erst bei Lektüre des Unseld-Bernhard-Briefwechsels lernte ich, dass Widmer 1968 zu den Revoluzzer-Lektoren des Hauses Suhrkamp zählte, die alle gingen oder gehen mussten, jedenfalls ihren eigenen Theaterverlag in Selbstverwaltung, den „Verlag der Autoren“, aufzogen, wo nun auch Dramen von Urs Widmer herauskamen, aber seine Prosa eben bei Diogenes.

Urs Widmer kam aus einem tollen Literatenstall. Er war super ausgebildet, Germanistischer Doktor - glaube ich - sogar auch. Er war schon vernetzt, zählte um 1970 herum zu den jungen, modernen, herausfordernden Postmodernen, die nur noch nicht so hießen. Urs Widmer legte gut vier Jahrzehnte lang ein Buch nach dem anderen nach. Da herrscht kein Mangel. Es gibt niemanden, der alle Widmer-Titel auswendig hersagen könnte, dagegen manchen, der bass erstaunt ist, wenn er sich dem existierenden Cover eines Widmerwerks gegenüber sieht, von dem er nie hörte.

Jeder von uns hat aber mal von Urs Widmer gehört, meist vor etlichen Jahren, später dann nicht mehr so viel. Jeder kennt dieses Foto mit dem lustigen Krausehaar-Afro, dem Schalk in seinen Augen und dem Schirm über der Schulter. (Okay, wenn es sich Ihnen in den Siebzigern nicht so unauslöschlich eingeprägt hat wie mir, googlen Sie das lieber nicht. Man findet Dutzende von Autorenfotos aus späteren Jahrzehnten, die nach respektablem Schweizer Renommierautor ausschauen, aber jene Aura eines Bonvivant de Province nicht haben.)

Warum hatte ihn kaum einer von uns gelesen? (Also, bevor das mit Top Dogs und Kongo und Meine Mutter und Mein Vater losging?) Widmer, wenn wir über die Literatur der deutschsprachigen siebziger oder achtziger Jahre sprechen? Niemals! Selbst falls wir das Schreiben der Schweizer zwischen Krieg und Finanzkrise charakterisieren wollten, würden wir Urs Widmer übergehen.

Einmal fuhr ich auf Basel zu in einem IC der Deutschen Bahn und kam ins Gespräch mit einer Frau, die ebenso wie ich ein Buch las. Ich hatte was von Thomas Bernhard mit und sie sagte, den hätte sie auch mal probiert, der tauge für sie nicht. Von wem sie noch nichts gelesen hätte, wer sie dabei irgendwie interessiere, das sei Urs Widmer. „Oh“, sagte ich, „ihn mochte ich mal sehr, da war ich achtzehn oder so. Dann passt das auch. Wie der schreibt, ist irgendwie, als wollte einer die Welt wie eine Figur aus dem Jugendbuch mustern. Massig Farbgestrichel und Herbeifantasieren. Er darf ein Pfadfinder-Fahrtenmesser tragen und den Urwald einhändig erkunden.“ Das höre sich aber gut an, meinte die Frau, Abenteuer, Fantastik, Jugendfrische, doch sehr schön das.

Einst machte ich aus alter Gewohnheit Deutschlandfunk an, da wurde gerade eine Widmer-Lesung eingleitet. Er wäre, hörte ich, der „Großmeister der Fantasie“. Bevor dieser Autor seinen Mund überhaupt aufgemacht hatte, drehte ich ab.
Jetzt ist er gestorben und in der FAZ-online steht: „einer der vielseitigsten Autoren der Schweiz ... besaß die seltene Gabe, mit Büchern literarische Phantasien zu entwerfen, die zugleich“.
Ich drehte ab.

Was Sie sich als Leser hier nicht ausmalen, ist, wie ich, wenn das losgeht, die Basler Daaaaigg-Aussprache des Deutschen ins Ohr kriege. Wie Schreiber Widmer sie nutzte, um dieses kleine Auftrumpfen mitschwingen zu lassen: „Oh, ihr wisst noch nicht, was ich für euch in der Wundertüte habe, weil ich der Großmeister der Abenteuerpoesie bin!“
(Ja, Sie wissen schon, was Maroni und Gschwelldi und was Mässmogge und Mählsubbe sind? Dann hören Sie es jetzt auch.)

Ich ging Ende der Siebziger zur Schule und hatte vorher zumeist Karl May oder Georges Simenon gelesen und mein Vater war ein kleiner Bahnbeamter und wir wohnten in einer Mietwohnung, ohne Fahrstuhl und Müllcontainer und Auto, aber nur Minuten von Basel entfernt. Da wollte ich auch richtige Bücher lesen. Ich glaubte, die, welche mir Suhrkamp und Kiepenheuer & Witsch und Hanser und Rowohlt verkaufen wollten, das sind Geschwollene, aber wenn sie von Zweitausendeins oder Diogenes sind, sind es richtige Autoren und dabei immer noch Menschen wie wir.
(Widmer, als er dann aus dem grauen Deutschland, also Frankfurt, wohin die Arbeit des Lektors ihn verschlagen hatte, in die Schweiz heimkehrte, zog nicht mehr nach Basel, die beste Stadt der Welt, sondern nach Zürich, was auch sehr okay ist, das sagte zum Beispiel Sibylle Berg noch oft. Auf jeden Fall ist Basel besser als Weimar, von wo Frau Berg kommt. Es mögen private Gründe bei Urs Widmer mitgespielt haben, die Ehe, eine Psychoanalytikerin, auf jeden Fall war sein Verlag in Zürich, Diogenes.)

Seinerzeit habe ich in etwa so viel von Widmer gelesen, fast alles im Taschenbuch. Also in etwa so viele Zentimeter.
Er schrieb ein Stück über Stan Laurel und Oliver Hardy in Deutschland, die bei ihm Stan und Ollie hießen, während sie zur damaligen Zeit im Fernsehen immer Dick und Doof hießen. Das nahm der Südwestfunk auf, also mein heimischer Radiosender. Es gab ein Buch mit einem hinter den Alpengipfeln verborgenen Land, nur ein schmales Tal, wo alles ist, wie es sein soll. Und das Verschwinden der Chinesen im Neuen Jahr. Es war viel los in den Büchern des Urs Widmer. Was bei anderen hunderte Seiten brauchte, das ließ er im Handteller abrollen. Das gesamte Buch war nie dicker als 120 Seiten. Damals verdiente er mit den Sachen noch nicht so. Er musste Brotjobs für Daniel Keel, den Verleger, machen. Da schrieb er Prosazusammenfassungen der Dramen von William Shakespeare. Er machte ein freundliches Buch nach dem anderen.

Wie denn meinte ich das mit der Jungenhaftigkeit? Also, Urs Widmer war mal ein Junge und hat „Fünf Wochen im Ballon über Afrika“ von Jules Verne gelesen. Das Buch ist grauenhaft! Eine Folter! Der rasende Schwachsinn eines europäischen Geografielehrers, der Jugendlichen irgendwelche Namen und Stämme und Berge von Afrika beibringen will und sie sollen es nicht merken, dass es Schulstoff ist!

Selbst Urs Widmer merkte es nicht. Er war noch Junge zu jener Zeit. Man stieg im Ballon auf und fuhr weiter und jeden Tag passierte was Neues. Dann kamen die Elefanten, Vulkane, topgefährliche angemalte Krieger! Später studierte Urs Widmer. Widmers Vater hatte Bücher schon sehr gemocht und viele gesammelt in seinem Arbeitszimmer. Der Urs hatte seinen Deutschlehrer gemocht, welcher legendär wurde und jetzt in Wikipedia steht. Nun sagte sich Urs: „Solche Bücher werde ich auch schreiben.“ Nämlich, dass man ab Anfang gleich wegfliegt und nur weiter und weiter, auf jeder Seite, die man umblättert, fliegt es so.

Wir kennen das gut Das ist John Irving und der ist auch Diogenes. Aber das wusste man um 1970 noch nicht. Später wurde die Welt verteilt. John Irving bekam die Vergewaltigungen und Abtreibungen und schüchtern geile Männer mit Verletzungen und ganz, ganz viele Frauen. Urs Widmer bekam die Elefanten und Vulkane und die Ballons zwischen den Blitzen in zackigen Gebirgen.

Künstler arbeiten ihre Serien. Das sind auch Markenzeichen, mit denen man ein Feld besetzt. Nach zehn Werken kommt ein scharfer Wechsel, eine neue Serie. Oder nach zwanzig, nach dreißig. Urs Widmer schrieb dieses eine Buch. „Es BrAU-CHCHCH-t nämmlich gar keine siebenhundert Seiten, es BrAU-CHCHCH-t höCHSCHTens drissig, aber es BrAU-CHCHCH-t siebenhundert Bücher drvoo.“ Dies ist kein wörtliches Zitat von Urs Widmer gewesen. Er hat es nie gesagt. Aber das dürfte klar sein: Man kann sich alles selber denken. Urs Widmer hat den Stan und den Ollie nicht interviewt gehabt, er hat es sich alles gedacht.

In etwa ab Anfang Achtziger nahm ich Urs Widmer nicht mehr wahr. Es sei denn, er hätte den Durchbruch in die oberste Grass-Walser-Liga gepackt. Hat er aber nicht. Zu Anfang des 21. Jahrhunderts kriegte ich nebenbei mit, Herr Widmer habe zwei autobiografische Bücher publiziert, die schandbar gut angekommen sind. („Schandbar“, ist das ein Basel-Helvetismus? Mir kommt's schaurig wie Zürich-Helvetismus vor.)
Der Geliebte der Mutter. Das Buch des Vaters. Ich hörte sie hintereinander weg, als die Kette Jokers die Diogenes-Hörbuchversionen verramscht hatte, paar Jahre danach also. Mit dem Autor als Vorlesendem. Quasi in Hochdeutsch.

Es war schrecklich. Es war abscheulich! Es war grausig!

Ewige Zeit, dreißig Jahre hinterher, vierzig Jahre später und der Neue Deutsche Literat Urs Widmer schreibt dieses Buch, das er immer geschrieben hatte. Alles ist bunt dort hinten und wir fliegen rasant im Afrikaballon, damit ein Löwe winken kann. Man hat sein Leben gehabt. Seinen Vater, eine Mutter, die haben Leute gekannt, die damals superbedeutend waren, heute kennt sie keiner mehr. Aber in Basel schon noch. Aber Basel ist heute auch nicht mehr Basel, sondern Fantasie, also zur Hälfte ist es Zürich. Es gibt einen See und so weiter, die Berge dahinter. Man blickt durch die Schlitze im Zoetrop und das fliegt. Man darf alles sehen, was man gern hat, weil man Fantasie hat oder zumindest kann.

Ich hatte gedacht, Urs Widmer hätte über die unterdrückte, nicht gestattete, nicht ausgelebte Liebesbeziehung seiner Mutter zum Basler Bartók-Dirigenten Paul Sacher einen Roman geschrieben. Er hätte seinen Vater als honorigen Amateur-Literaturwissenschaftler in der Rheinkniestadt der fünfziger Jahre … Aber nein, es fliegt und es mischt sich und ist Märchen. Der Vater ist in einer Parallelwelt. Die ist mitten in den Alpen. Die Mutter ist in Paris. Bartók ist schon in Neu-YórckCH. Urs Widmers italienischer Stammvater, dieser „Neger“, ich weiß gar nicht, ob man das zu Widmers Zeiten noch schreiben durfte, klettert im Schnee über den Walliser Hauptkamm, irgendwie gen Basel muss er kommen.

In Basel steht das Kaufhaus „Manor“, obwohl es damals„Rheinbrücke“ hieß, wie es im Roman aber schlecht heißen kann, weil der Fluss von Vater und Mutter stets nur „der Fluss“ heißt, weil er Limmat und Rhein in einem ist. Das „Stadtcasino“ heißt jetzt Stadthalle und das Opernhaus. Holla, in Basel gibt es gar kein Opernhaus!

Es wollte mir nicht ein, warum einer, dreißig Jahre nach dem Tod des Vaters, zehn Jahre vor dem eigenen, ein Buch schreibt, mit dem er seinen Vater über einen Abenteuerspielplatz kugeln lässt, wo Stan und Ollie schon kugelten. Urs Widmer muss das fürs „Zauberreich der Fantasie“ gehalten haben, denke ich.

Wer’s mal ausprobieren möchte: Diogenes gibt seine sämtlichen Erzählungen, von „Alois“ an und „Im Kongo“ ist auch noch dabei, auf weit über 700 Seiten für 15 Euro her. (Zu diesem Preis neu als Taschenbuch und gebunden und im Schuber auch, nämlich falls antiquarisch und gebraucht - im Internet.)

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