T 155 Eine perfekte Sadistin

von Klaus Mattes
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Hallo Thomas,
>> Beinahe-Zusammenbruch
> Erzähl!
Och ... Na ja ... Das geschah in Sulzbach, wo es viel weniger als in Brettheim gibt, was erledigt werden muss und zuvor verstanden sein sollte. Auch viel weniger Kunden, die ein Gespräch von der Chefin zum Auszubildendem unterbrechen könnten.

Ich skizziere nun das essenzielle Wissen, über das man verfügen sollte, um Filiale Sulzbach betreiben zu können:

Das eine Kästchen, wo die Bestellnotizen vom Tag abgelegt werden, bis sie um 17.30 Uhr an Umbreit telefoniert werden.

Wie man ein Handy benutzt. Wo die Nummer von Umbreit gespeichert ist. Wo der Zettel hängt, auf dem die eigene Kundennummer steht.

Das zweite Kästchen, wohin nach dem Telefonat die erledigten Bestellungen abgelegt werden.

Was man macht, wenn auf einem Zettel drei Bestellungen stehen, Umbreit aber nur zwei am Lager hat. Häkchen, Ausstreichen, Fehlendes umkringeln.

Wo der Zettel mit der Telefonnummer von KNOe ist, dem anderen Grossisten. Dass man KNOe aber nur bis um sechs anrufen kann, auch wenn der Laden bis halb sieben aufhat.

Wo man die Zettel mit Bestellungen hintut, die weder KNOe noch Umbreit liefern, wie man mit diesen weiter verfährt.

Was überhaupt ins vierte Kästchen gelegt wird. Und warum es in ihm sage und schreibe zwei alphabetische Abteilungen gibt.

Was man tut, wenn man einen falschen Preis in die Kasse getippt hat.

Was - im Unterschied hierzu - ein Storno ist. Sollte man es hinterher aufschreiben? Falls ja, warum denn?

Wo die Belege der ec-Karten-Kasse hinkommen. Was man tut, wenn sie nicht korrekt bucht. (Was manchmal passiert.)

Wo die Faxzettel für direkte Verlagsbestellungen aufbewahrt werden. Wie man das Faxgerät bedient.

Warum die Verlagsbestellungen aus Sulzbach nicht an die Verlage gefaxt werden, sondern nach Brettheim kommen und da gefaxt werden.

Das ist schon alles. Mehr muss man gar nicht können. Zwei Wochen vorher hatte sie mir alles erklärt. Ich hatte alles begriffen. Jetzt konnte ich mich nicht erinnern. Zumal es in Brettheim, wo ich meistens gearbeitet hatte, ähnlich abläuft, aber doch ein kleines bisschen verschieden.

Am Nachmittag hatte sie begonnen, mich abzuhören in dieser Lehrerinnenart. Das Meiste wusste ich so wenig, als hätte ich nie davon gehört. Was dazu führt, dass Magalie Rot einen höchst enttäuscht beäugt, sich aber stramm weigert, es je noch mal zu erklären.

„Denken Sie heute Abend noch mal darüber nach! Das können Sie sich selbst erarbeiten. Es ist logisch. Lesen Sie Ihre Aufschriebe nach.“

In diesem Moment hatte sie mich dahin, dass ich dachte, ich kapiere rein gar nichts und vergesse permanent alles.

Bloß kamen jetzt Kunden und ich musste es anwenden. Wie ich es nicht allein auf die Reihe brachte, im Hintergrund stand Frau Rot still und trauernd, sehr, sehr enttäuscht, dann auch gallig: „Jetzt machen Sie mal hin! Um sechs muss das über die Bühne sein!“ Diese Entschlossenheit, mit der sie einen vor Kunden auflaufen lässt.

An so einem Tag würde ich überhaupt nichts mehr hinbringen, wusste ich. Der Kopf war zu. Rot anschreien wollte ich. Noch lieber sogleich zum Bahnhof laufen und nach Hause fahren und nie mehr zurückkommen. Mit letzter Kraft schaffte ich, meinen Ton moderat zu halten: „Ich habe gerade eine Blockade. Momentan geht leider gar nichts. Auf diese Weise kann ich nämlich nicht lernen. Ich lerne nie mit Auswendiglernen. Ich lerne über Versuch und Irrtum, mit Ausprobieren und Fehlermachen.“

Hierauf kam es zur konstruktiven Konstruktion der guten Frau Rot. Sie hielt fest, ich wäre ein Mensch mit „kreativer“, nicht „regelmäßiger“ Hirnstruktur. Was ich also hätte zum Ausdruck bringen wollen, wäre gewesen, dass Rot manches einfach noch mal sagen müsse. Aber genau dies wollte sie auf gar keinen Fall: „Das muss klar sein, ich kann nicht alles fünf Mal sagen. Dazu haben wir einfach nicht die Zeit.“

Statt zu antworten auf das, was ich vorgebracht hatte, eröffnete sie ihre eigene kleine Scheinproblemdiskussion. Es ging ihr um Modalitäten einer Alternative, die ich da also nahe gelegt hätte. Das Rot-System besage, dass ich am Morgen eine Stunde vor Öffnungszeit komme, sie von Karteikarten ihren gesammelten Wissensstoff vorliest, ich abschreibe, es nachher auswendig lerne und nach einer Woche im Schlaf beherrsche. Da ich aber doch der andere Hirntyp wäre, wäre die Alternative, so von mir ja angeregt, dass wir auf Unterrichtsstunden verzichten, ich immer nur zusehe, wenn sie etwas richtig macht, ich dann versuche, es mir einzuprägen, dann aber nicht zusammenbringe. Somit würde ich Fehler machen und durch diese Fehler würde ich, wie an diesem Nachmittag, die jeweiligen Lösungen entdecken. Beide Wege wären grundsätzlich gangbar.

Von Stund an war der Unterricht ausgesetzt. Wenn ich danach was falsch machte, sagte Frau Magalie sofort: „Aha! Lernen durch Fehlermachen! Jetzt sehen Sie zu, dass Sie die Lösung finden.“ Bei all ihrem pausenlosen Gesäusel und Gelächel ist die Rot nämlich auch eine perfekte Sadistin.

Mittlerweile haben wir die Unterrichtsstunden wieder aufgenommen. Nur noch ein Stunde pro Woche, weiter vor der Arbeit. Die Beinahezusammenbruchsszene hat mir nichts gebracht, weil ich es nicht über mich bringen konnte, alles schon wieder hinzuwerfen. Noch mal wie beim letzten Chef. Aber die Rot muss mir nur mal über die Schulter sehen, gleich kriege ich diese Angst, jetzt bestimmt irgendwelchen Murks zu machen. Und gleich mache ich ihn auch. Solange die Rot nicht im Raum ist, was im Brettheimer U-Boot allerdings eine Ausnahme darstellt, funktioniert es leidlich. Dies Frau ist mein Albtraum und sie hat davon keine Ahnung.

>> Schwätzanfälle
> Mit den Kund(inn)en?
Nicht doch! In so eine Buchhandlung treten die Kunden als vernachlässigenswerte Randerscheinungen ein. Ihrer bemeistert man sich mit Floskeln. Schließlich ist noch die Arbeit da, die getan werden muss. Gemeint waren eher meine notorischen privat-zwischenmenschlichen Schwätzanfälle, wenn ich unter Menschen bin.

> Ich hoffe, es ist nicht aneinandergereihtes Erlebtes.
Gewiss doch! Thomas Mann war nicht so wie ich, der seine privaten Erlebnisse ausplaudern will. Bei Thomas Mann ist es immer durchdacht, alles hat seine zwanzig Verweisfunktionen und Bedeutungsebenen, sodass es zur Kunst des Abendlands wird.

Meine Interpretation von Tod in Venedig war eine einseitige, verkürzte. Die zahlreichen Interpretationen schlauerer Männer gehen dahin, dass das Buch in einem Maße Parabel ist, dass es mit realen Menschen, Männern oder Buben und der Möglichkeit, dass die einen die anderen anfassen, das Geringste nicht zu tun hat. Es geht darin um die Tragik des Künstlertums, welches sich der Schönheit weiht, die Schönheit nur nie erreichen kann, daher zu Grunde geht. Ums Mann’sche Grundthema, Engführung von kreativer Boheme und bürgerlicher Disziplin. Hätte er als das Objekt solcher Schönheitssuche eine junge Frau genommen, wäre eine Liebesgeschichte daraus geworden. Er hat den Knaben genommen, weil der Knabe weder das eine noch das andere ist, weil doch nicht sein kann, dass ein Mann sich in einen Knaben verliebt. Der Knabe ist eine Chiffre, ist ein Engel.

> Woher kennst du den Inhalt?
Schlecht aufgepasst. Habe in meiner Zwölften „Tod in Venedig“ gelesen. Fünf Jahre später sah ich den schwülstigen und langweiligen Film von Visconti (im Studentenkino). Visconti hat den Knaben mit einer (etwas zu alten) schwedischen Jungtunte besetzt, arg blond! Die gebundene Ausgabe, die ich vor zwei Jahren im Bertelsmann-Buchclub erworben habe, habe ich bis jetzt noch nicht gelesen. Hab’s aber noch vor.

Wenn du mal Besseres lesen willst, greife vielleicht zu „Verwirrungen des Zöglings Törless“ von Robert Musil. Das ist ähnlich wie „Die jungen Rebellen“ von Sándor Márai. Wenn du was Gutes lesen willst, ohne den Schmus der Zeit von Mann und Márai, greif zu „Näher zu dir“ von Gerard Reve.
Viele Grüße
Rolf

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