Spätwinter 2 - Japaner in Rothenburg

Bild von Klaus Mattes
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Ich kannte einst einen, aus einer schwäbischen Kreisstadt stammenden Pädagogen, der ein paar Jahre im Goethe-Institut in Rothenburg ob der Tauber beruflich tätig gewesen war. (Dieses Goethe-Institut gibt es jetzt nicht mehr, obwohl die metallische Säule mit dem Namen noch an der Herrngasse steht. Von den beiden Deutschschulen für Ausländer in Schwäbisch Hall und Rothenburg wurde die Rothenburger eingespart zu Gunsten der Haller.) Der Mann beteuerte, Rothenburg habe er nie gemocht. Er brauche einen Ort, wo man jeden Tag dieselben Gesichter zur selben Zeit auf der Straße bemerke. In Rothenburg sehe man andauernd andere, neue, ganz fremde.

Das liegt hauptsächlich an den Japanern, die den Rothenburg-Tourismus noch immer in Schwung halten. Nein, hier nicht - oder noch nicht: neureiche Chinesen. Auch nicht diese gar nicht nach Geld und Macht aussehenden Russen wie in Baden-Baden. In Rothenburg vergeht ohne Japaner nicht ein einziger Tag.

Die Mehrheit der Rothenburg-Japaner ist sehr jung. Sie sehen aus wie knapp über zwanzig, auf jeden Fall keine dreißig. Aber bei Japanern ist man sich da nicht so sicher. Bei dieser Gelegenheit fällt mir auf, dass die Jugend sonst, bis eben auf diese Japaner, sich nicht nach Rothenburg verläuft. Die Wandervögel, die Weitwegwanderer, die jungen Burschen mit ihren Rädern und Zelten: Das war einmal, in den dreißiger und fünfziger Jahren. Rothenburg-Besucher heute sind vierzig plus. Außer Japaner eben. Junge Japaner kennen Rothenburg aus Kinderbüchern, Comics, dem Fernsehen, Animationsfilmen, wo es pars pro toto für ein kurz vor dem Ersten Weltkrieg eingefrorenes Märchen-Deutschland steht.

In der Hafengasse pralle ich fast in ein kinnhohes, fragiles Japanmädchen hinein, das blitzschnell um die Ecke gebogen war. Sie hat ein Püppchengesicht und ist irgendwas zwischen 16 und 26. Eine Digitalkamera in der Hand, erkennt sie ihre Chance: „Excuse me, please!“ Ach so, ja! Der von Postkarten und Kalenderblättern vertraute Rödertorbogen ist hinter ihr im nun zu produzierenden Bild. Außerdem sind sie, wie sich herausstellt, zu zweit, zwei Püppchen. Lachend steht die Zweite neben ihr, bis ich das Gerät am Auge habe. Und dann bedanken sie sich überglücklich.

Jetzt stehe ich, Kaffee trinkend, am Tischchen der „Backstube Zuckersüß“. Draußen erneut ein japanisches Paar, beide ziehen je einen Hartschalenkoffer hinter sich her, in denen sie zur Not übernachten könnten. Trotz aller Qual entgeht ihnen nicht das zuckersüße Fachwerk der Bäckerei. „Ah, die fotografieren grad Ihr Haus“, sage ich zur Verkäuferin. „Oh, das passiert oft. Das Haus ist ja sehr schön.“ Noch nie habe ich diesen einen Giebel so aufmerksam angesehen wie jetzt, als ich mich wieder auf den Weg mache.

Dort eine geführte Gruppe, ausnahmslos ältere Ehepaare. Schnell vorweg eilt eine verblühte, ungnädige Lehrerin und sie zieht einen vierzig Meter langen Rattenschwanz kleiner, älterer, gelangweilter Menschen hinter sich her. Alle haben einen Knopf im Ohr, um den japanischen Erklärungen zu lauschen. Oft dachte ich schon, solche Leute haben auf dem Parkplatz draußen einen Bus und sind in zwei Stunden weit weg, die Romantische Straße hinauf, Feuchtwangen, Dinkelsbühl, Nördlingen, Augsburg, Wieskirche, Neuschwanstein, wer weiß, wie viel an diesem Tag noch!

Aber bei den meisten jungen Japanern ist das nicht so. Da kommen einzeln reisende Männer oder manchmal sogar Frauen, zumeist natürlich gemischtgeschlechtliche Paare. Sie sieht man von Bahnhof her ihre Koffer ziehen oder drüben auf der Station Steinach im Nirgendwo, „Steinach b Rothenburg o d T“ steht auf dem dunkelblauen Schild, eilen sie vom Bahnsteig aller Durchgangszüge zum Rothenburger Anschlussgleis ganz am Ende von der Unterführung. Dabei geht das ja nicht so schnell, bis der klimatisierte Dieseltriebwagen tuckert. Möglicherweise ist Rothenburg in Japan ein Ritual für vermögende Neuvermählte. Man fährt hin, um, ja, was wohl, um durchs Burgtor am unteren Ende der Herrngasse auf den Burggartenberg zu treten, sich vor das nun mit einem Mal hier sichtbare Rothenburg-Panorama zu stellen und das Beweisfotos zu erzwingen: „Wir beide zusammen waren dort im deutschen Märchen der Kinderträume.“

Die Burg oder so ein Märchenschloss vom König Ludwig, dem blauweiß Gerauteten, gibt‘s in Rothenburg jedoch leider nirgends. Genau dort auf dem Umlaufberg oberhalb der Tauberschlinge soll sie vormals gestanden haben, die Burg, nach der die einstige Freie Reichs- und nachmalige Kreisstadt benannt wurde. Aber davon ist kein Stein mehr zu sehen. (Und der Kreis lautet AN auf allen Autos, die man nachher noch sehen wird.) Ein Kirchlein mit rauer Optik ist hier allerdings gerade noch zu erkennen. Man will es als Burgkapelle hinnehmen. Eine irgendwie alt erscheinende Mauer am Rand der Aussicht entlang und dann noch dieser Barockgarten neben einem hellrot getünchten Haus. Es wissen auch nicht immer alle Leute, dass von verschleierten Burgfräuleins noch nie Barockgärten für Froschgespräche genutzt wurden.

Ich muss hier hin, wenn ich nach Rothenburg komme. Irgendwann hatte ich nachgedacht, warum ich so gern hinfahre, was mir der liebste Ort von allen in Rothenburg ist. Da habe ich mich für den Barockgarten bei dem roten Haus entschieden. Da hat man das höchste und schönste Stadttor nebendran und tief drunten fließt die Tauber, ihr hinauf wandert der Blick zur Doppelstockbrücke und überall wächst der Wein jetzt wieder (war mal alles verwaldet) und da drüben geht die historische Mauer den Kappenzipfel entlang und dort hocken alle die alten Giebel und winken ins Land und es ist hier nicht voll, eher ruhig! Denn natürlich gehen die Touristen bis vor zum Ende vom Bergsporn, wo wenigstens ein Zahlfernrohr oder sogar noch ein kleiner Turm warten könnte, dann Bänke stehen, wie allerdings hier schon auch. Und dann stehen hier noch diese vier barocken Götter auf Säulchen in ihrem umbuschten Gartengeviert und vier barocke Jahreszeiten dazu. Das ist schon seltsam, wenn in Rothenburg etwas barock ist. Rothenburg ist sonst ja das Mittelalter.

Bis ins vergangene Jahr haben die stillen Barocken ihre Winter hinter Bretterverschlägen zugebracht, neuerdings hat man ihnen Blechkabinen angemessen, die auf Metallstelzen ruhen. Das heißt, der Wahrheit nur die letzte Ehre, ich sehe die Barocken heute gar nicht, denn es ist nicht Saison, es ist erst März, ich kenne es alles von früher, Blumen sind auch keine da.

Gerade, es ist gegen vier Uhr nachmittags, laufen keine jungen Leute irgendwo herum. Man würde denken, dass wenigstens einheimische Schüler, es sind keine Ferien, aber nein, man sieht nirgends welche. Ich gehe die einzige Unterführung hindurch, die es in der Altstadt gibt. Die ist für Autos und Fußgänger und geht unter dem Westende der gotischen Jakobskirche hindurch in die Klingengasse, wo ich vorher schon mal war. Drei, vielleicht vier oder fünf Menschen unter zwanzig stehen jetzt da, denn hier sind die Stadtbücherei und die Musikschule.

Wenn sich einer wundert, wo an einem Schultag nachmittags in Rothenburg die Jugendlichen sind, richte er seine Schritte aus der inneren Stadt hinaus dem Bahnhof zu. Dort steht ein Einkaufszentrum mit Boutiquen und Cafés, davor ein Busbahnhof mit Schutzdach. Da trifft man sich. Wohnen tun sie weiter draußen, in den hellen Siedlungshäusern auf dem welligen Gefilde östlich. Auch im alten Teil wohnen schon noch Menschen, es ist noch nicht die Kulissenwelt, auch wenn Handyläden, Nagelstudios, Bräunungsstudios, Dönerimbisse, Eineuroshops, Kinos und Spielhöllen sich sehr klein machen - bis ins Nicht-vorhanden-Sein. Nur scheint dieser alte Teil eher den älteren Mitbürgern zuzustehen. Und selbstverständlich den Übernachtungsgästen.

Einmal im heißen Hochsommer bin ich mit dem vorletzten Zug nach Rothenburg gefahren, kurz vor neun. Ich saß im Burggarten und wartete, bis es richtig Nacht wurde. Ich war gekommen, um durch die kühle Dunkelheit das Taubertal hinunter zu laufen, bis zum Morgen, bis nach Württemberg. Ich hatte viel Zeit. Ich ging durch die Gassen und überlegte, ob ich vielleicht noch was essen wollte, was gut Fränkisches, Rothenburg ist nicht teuer, unterließ es, ich wollte zuerst mal was leisten. Mir begegnete kein Mensch in dieser sommerlichen Nacht. Sicher, man sah erleuchtete Fenster, man sah Köpfe hinter den Scheiben der Wirtshäuser, wenn auch nicht so viele. Trotz der herrlichen Luft saß im Burggarten keiner mit einer Tüte Eistee und der Wodkaflasche. Die Jugend war bei sich daheim, war in der Schlafstadt droben.

Japaner sah ich auch keine mehr in dieser schönen Nacht. Sie waren im Hotel und hatten viel vor für den kommenden Tag. (Als Nachtwanderung kann ich es übrigens sehr empfehlen. Man kann sich nicht verirren, weil der Weg immer dem Wasser folgt und immer abwärts geht, die Landstraße verläuft drüben auf der anderen Seite. Auf den sechzehn Kilometern bis nach Creglingen sind dort an mir etwa sechs Autos vorbei gekommen.)

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