Vorstoß C/ Miriam und Costa

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[Kapitel 1: Das zerrissene Haus]

Die Sache war schon einmal aufgekocht vor über zehn Jahren. Damals hatte es Henry nicht wenige Mühe gekostet, die Wogen wieder zu glätten und die Geschichte aus dem Fokus der Medienlandschaft heraus zu bringen. Das Konsortium, das die aufgelassenen Stollen verwaltete, traute ihm seither so einiges zu. Zwei Millionen hatte er den Meinungsmachern hingeworfen. Meist in Form von Sachleistungen wie Nutten. Dass jetzt ausgerechnet Miriam, vielleicht ein wenig jung für Henry, aber dennoch der Traum seiner heißesten Nächte, auch noch drankam, als in der Reihe der Grundstücksbesitzer die wahrscheinlich Letzte, lag ihm wie ein Stein auf der schwarzen Seele.

Heute musste sie den Kaufvertrag ihm unterschreiben, heute, dachte er schwitzend. Miriam und Esther unverfänglich zunickend schob er den Weg hinan. Die blöde Esther, die Praktikantin vom Boulevardblatt in Köln. Die hatte ihm noch gefehlt. Die konnte ihre Klappe nicht halten, schon wegen dem Karriereeinstieg nicht.

Details, Kaufsummen, Vertragsklauseln dürften nicht an die Öffentlichkeit. Er wusste es und war gewarnt worden. Die Entschädigungen in den Nachbarorten könnten sich versechsfachen. Es ging hier um Henrys Provision.

Ein Blick genügte und die Haare standen ihm zu Berg. Der Riss im Haus war über zwanzig Zentimeter breit. Aber die holde Weiblichkeit hatte nichts zu tun, als ihm eine leere Flasche Sekt zur Begrüßung vor die Füße zu kegeln. Die betranken sich. Okay, dachte Henry, vielleicht macht es die Sache auch leichter. Im Radio röchelte ein Engländer „Too old to rock’n’roll too young to die“. Und der Querflötblödheini, Miriams und Esthers Schützling aus der Neighbourhood, lungerte dabei und trällerte sich was.

„Henry kommt und er schnauft“, lachte Esther schäbig.
„Ja“, sagte Miriam zerstreut. „Esther, das ist nicht mehr normal. Ich hab das Gefühl, dass es kein Zufall ist. Wie kriegen die das hin, vollständige Häuser zerplatzen zu lassen? Da steckt doch eine Immobilienfirma dahinter, gewollte Rationalität, wenn du weißt, was ich meine. Du, ich will weg. Aber Henry, der wird’s nicht verstehen.“
Esther hickste.

„Hmpf, das klingt mir zu sehr nach Verschwörungstheorie. Is nur ne Störung im Boden. Das Mauerwerk is so ... sehr grob. Er aber auch!“
Es zerriss sie förmlich. Esther, die kleine Boulevardpraktikantin verschluckte sich und fing an zu husten.

„Ist dann aber ne verdammt große Störung. Müsste das nicht in deiner Zeitung stehen?“, fragte sich Miriam.
„Stimmt, da hast du Recht.“
„Weißt du, was ich denke?“
„Nö, sag ma, Miri!“

„Das ist ein Albtraum. Oder ein böser Trip. Oder vielleicht liege ich unter Hypnose und seh mein Ich-Haus gespalten. Um mich rum immer Wespen, summ summ. Tu dies, tu das! All die Emsigen, wie mein Bruder. Oder der Henry, der seit fünf Minuten zappelt, aber keinen Satz rauskriegt. Er summt hin vor sich. Henry ist eine braungelbe Wespe. Der auch schon!“
„Euer Haus ist hin, da gibt’s doch kein Vorbeigucken mehr.“
„Summ, summ, summ!“, lachte Miriam. „Du bist eine von viel zu vielen Stimmen in meinem Kopf.“
Esther starrte sie an.

„Miriam, du trinkst nichts mehr. Trinkt man den Sekt von seinen Eltern, wenn das eigene Haus schon in Flammen steht? Ich meine, absäuft im Dreck! Oder entzwei gerissen!“
„Mama! Mama! Mama, Mama!“, lallte Miriam.
Esther wollte was sagen.

Aber jetzt waren die Wespen um sie. Und nicht nur die Wespen.
„Iih Mäuse!“ schrie Esther, zog die Beine an und stemmte ihre Sohlen gegen eine, ihrer Steinbar eigentlich gegenüber liegende, jetzt aber fünfzig Zentimeter nahe Bruchkante. Miriam lachte über ihr Entsetzen. Eine vielköpfige Mäusefamilie verließ nur das sinkende Schiff.
Die Mauer bewegte sich und schien zu schwanken im Sinn des alten Koeppen.

„Wer ist betrunken?“, lallte Miriam. „Hilfe! Halt mich!“
Unter den Hockern rutschte der Berg weg.

Esther, summ summ! Noch eine von diesen Wogenglätterinnen. Wie die Mutter. Der Spalt wurde immer breiter, so schrecklich tief wie der Riss in Miris Leben.
„Jetzt haben wir Platz zum Feiern!“, gellte Miriam. Es klang schon krank.

Da - plumm!, pack!, patsch! - klatschte sie oben auf den pummeligen Henry drauf. Henry, der seinen Mund geöffnet hatte um endlich etwas zu sprechen, als der Einsturz anfing. Miriam rammte dem Freund ihre Sektflasche versehentlich, es war nur der Hals, die schwankende Mauer hatte ihn zerscherbt, in seinen fetten Unterleib. Henry, sie eher verwundert als verletzt beäugend, sagte kein einziges Wort (Böll-Zitat, siehe auch unten dann), noch nicht. Mit dem Kopf fiel Henry rückwärts, geriet wie der Bobschlitten, auf welchem ausgestreckt Miriam nunmehr lag, ins Abgleiten und in eine rasende Schussfahrt hinein. Das Glas an Miriams Hand war blutig. Blut, das immer schneller wurde. Miriam wusste nicht, war es von ihr, war es seins. Auf Henrys Bauch liegend schwamm sie wie auf einer Woge hinab. Wie runter ins wohlige Verlöschen oder Verkleistern, rot und weiß wie Bachstelzchen.

Sie ritt, während sie sich an einen Lebensrettungsnippel klammerte, an heraus ragendes Fleisch, auf ihrem Henry und auf Unrat, dem Auswurf von Steinen, Mörtel, schmierigen Erdkrumen, hinab wie eine der Lawinen oder Bergstürze. Unten landete alles auf Henrys Auto, Miriam und der gepfählte Henry begruben das kleine Schnauferlchen unter sich, zerquetschten die schnuckelige Nuckelpinne.

Traumverloren kauerte der Musikalienclown immer noch im Gras. Ein Flötist aus der Nachbarschaft, jetzt prustete er soeben den Staub von seiner gleißenden Flöte. Schon fühlte der Musikartist sich andeutungsweise auf- und zerrissen. Nein, sehr zerrissen kam er sich mittlerweile auch schon vor. Zerrissen wie ein Haus, das droben auf dem Hügel hämisch drauf stand und aus einem toten, nach Schimmel stinkenden Maul grinste.

Miriam, die die Höllenfahrt jetzt mitgemacht hatte, sah ihn, jenen fremden Mann, einen Halbidioten mit langem Mantel, einen verträumten Flötenspieler. Sie sah seine gespaltene Persönlichkeit. Auf alle Fälle, Miriam ging es auf, glasklar wie ein Hefeteig. In nur noch ganz wenigen Wochen würde der Querflötist zur zerrissenen Persönlichkeit geworden sein. Noch ein Psychowrack im von Rhine Brown hemmungslos ausgeschachteten und ausgekratzten Landstrich.

Wo alles in Schutt und Asche lag, war Streiten kontraproduktiv.

Plötzlich, still in sich hinein schmunzelnd, sprang hinter der schiefen Hausecke, Esther, die Volontärin, kannte ihn vom Interviewtermin, ein Psychiater von Jülich hervor und ging jetzt den Hügel abwärts. Der lief dem Flötenvirtuosen ungescheut entgegen, lächelnd wie das Honigkuchenspekulatiusmändelchen. Als tränenerstickte Waise zwischen den hohlen Zähnen des äußerst verfressen und mordgierig bleckenden Hauses, mit welchem auch Miriams Kindheit vollends zerfallen war, stand in der Mitten hier ein Mädchen und

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[Anmerkung: Der Text ist eine Montage aus Ausschnitten, die ich einer Kettengeschichte eines Schreibforums beigefügt hatte. Naturgemäß finden sich im Verbliebenen auch jetzt noch Einfälle und Satzpartikel, die ursprünglich von Autoren stammten, die an meinem jetzigen Resultat nicht mehr beteiligt waren und hier nicht genannt werden können.]

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