Reuenthal p - Sackratten

von Klaus Mattes
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Sie gingen ins Bett, wie sie es taten. So schnell war alles Routine geworden. Der Lehrer lag rechts, ganz ausgezogen, links der Junge, die Unterhose an. Der Junge war zuerst im Bett, weil er sich die Zähne nicht putzte. Der Mann machte das Licht aus.

Dann fing Timo an sich zu kratzen. Er schimpfte wieder, aber der Mann hatte sich nicht angekuschelt.
„Scheiße, was ist das? Das macht mich verrückt! Das kratzt immer.“
„Was ist?“
„Da ist was unter mei’m Arm. Ich spür das.“
„Und was spürst du?“
„Das juckt infernalisch.“
Dem Mann begann was zu schwanen.

„Seit wann juckt’s dich?“
„Seit wann? Andauernd, die ganze Zeit.“
„Das kenn ich. Du hast dir Sackratten geholt.“
„Quatsch! Sackratten! Du hast sie doch nicht alle.“

Der Mann machte Licht an.
„Dann zeig her!“
Er nahm den Arm und bog ihn über den Kopf. Der Junge gab keinen Laut von sich. Mit dem Schatten des eigenen Körpers schränkte er sich die Sicht ein, aber er hatte schon genug gesehen. Dennoch riss er den zweiten Arm auch noch hoch.
„Super. Was sag ich denn? Da krabbelt’s nur so.“
„Sind’s Sackratten? Die sind ja nicht am Sack.“

„Du weißt Bescheid. Überall, wo Haare sind, hat man sie, nur oben auf dem Kopf nicht, sonst sind’s Kopfläuse. Die breiten sich immer weiter aus, wenn du denen Zeit lässt. Und du hast ihnen viel Zeit gelassen.“
„Das ist nicht wahr. Woher soll ich Sackratten haben? Von wo denn? Das muss was andres sein.“

Aber Peter hatte seine Erfahrungen weg. Eierklümpchen klebten einzeln und immer ziemlich tief unten an den Haaren. Starrte man hin, sah man auch die entwickelten Läuse sich bewegen. Sehr kleine, oft still stehende und wie Schmutzspuren aussehende hellbraune Fleckchen. Er pickte eine zwischen die Fingerkuppen und entließ sie im Handteller.

„Siehst du es? Wie Dreck, der auf dir rumläuft.“
„Sauerei! Da hat mich einer gelinkt. Wie kriegt man das weg? Ich wasch mich doch gut.“
„Waschen hilft nichts. So und jetzt guckt der Onkel Doktor sich das dort unten mal genau an.“

Er wehrte sich nicht. Der Befall hatte sich entwickelt. All die Nächte, die er bei ihm im Bett gelegen war.

„So viele wie hier hab ich noch nie gesehn. Das muss furchtbar jucken. Und etliche Tage schon.“
„Weiß nicht. Gestern vielleicht. So ein Dreckszeug!“

„Herzchen, wem sagst du das! Aber schimpfen rettet dich nicht, wir müssen sie killen mit der chemischen Bombe.“
So ein wenig machte es Spaß, ihn wie sein verängstigtes, schwules Häschen zu behandeln.

Und bei ihm waren auch welche. Bis jetzt wohl nur im Schamhaar und unter den Achseln. Weil der Junge so gut wie kein Brusthaar hatte, war er dort verschont geblieben. Panisch hetzte der Mann ins Bad und begutachtete Wimpern und Brauen.
„Das wird jetzt ein größeres Unternehmen“, bereitete er ihn vor.

Zuerst ließ er den Rollladen runter. Er erklärte, dass Läuse kleine Tiere waren, die von Haut zu Haut durch intime Körperkontakte übertragen werden und nicht lang überleben, wenn sie es nicht warm haben. Sie leben vom Blut, sie saugen das Blut. Ekelhaft, fand der Junge. Man merkt sie aber nicht, erst nach Wochen reagiert der Körper allergisch mit Jucken. Und zwar gegen die Ausscheidungen in der Haut. Dann wird es immer schlimmer.

Auch der Junge schien davon ausgegangen zu sein, dass nur andere Menschen etwas wie Läuse kriegen könnten. Alle dachten sie, Läuse wären ein Anzeichen großer Armut, katastrophaler Körperhygiene oder pausenlosen Rumhurens. Wie eigentlich jeder hatte der Junge so doch nie gelebt.

„Wegen dir hab ich Sackratten!“
„Das soll wohl ein Witz sein! Bin ich auf den Strich gegangen?“
„Ja, ja! Aber ich weiß nicht, was du sonst treibst.“
„Was ich treibe? Ich geh in den Park und mache Sex mit einem, wenn ich je einen find, der mir zusagt. Die meisten dort woll’n nicht mit mir und ich nicht mit ihnen. Also ich denk, da hat man mit fremden Kerlen öfter zu tun, wenn man ein bissle strichen tut.“
„Ich hab aber immer aufgepasst.“
„Genau, du hast sie zuerst in den Haaren untersucht, ob Eier von Sackratten zu sehen waren. Du hast da so viele Nissen, du musst es Wochen mit dir rumtragen.“
„Du sagst selber, dass du die Sackratten früher schon g’habt hast.“

Und dann erfuhr der Mann, dass der Junge vor Wochen, als er durchnässt mit ihm die Treppe hochgestiegen war, nicht das erste Mal in diesem Haus gewesen war. Nämlich gab es zwei Stockwerke weiter oben dieses Männerpaar, den Möbelverkäufer und den Polizisten. Und offenbar nur wenige Tage, bevor der Mann sich mit Timo eingelassen hatte, in der gleichen Woche wohl, war der Junge vom Polizisten mitgenommen worden. Von dem er sich beim Erzählen gleich distanzierte. Grässlich tuckig wäre der. Also, der Polizist habe die Sache aber abgebrochen und gemeint, er hätte Filzläuse und sollte es vom Hautarzt mal checken lassen. Aber Timo hatte das dann vergessen. Und außerdem hatte er sich seither besonders lange, besonders gründlich und besonders heiß beim Duschen abgerieben.

Sie würden sich jetzt alle Haare abrasieren und dann gut duschen und sich das Jacutin genannte Zeug einreiben, das er vom vorigen Mal noch behalten habe. Das mit dem Rasieren stehe im Beipackzettel nicht drin, der Arzt habe es seinerzeit aber empfohlen.

Da waren sie, zwei nackte Männerkörper in einem hellen weißen Badezimmer mitten in der dunkeln Nacht. Und alles sonst war eingeschlafen. Reichlich verteilten sie den Schaum auf dem Fleisch des anderen. Vorsichtig strichen sie mit der Klinge über die Haut und kratzten sie frei von Haaren und Schaum. Dieses eine Mal hatten sie dasselbe Problem und jeder konnte dem anderen helfen. Dieses eine Mal konnten sie sich zart anfassen, ohne schuldig oder Versager zu sein. Es war so überraschend wie wunderschön.

Die Schweinerei war unermesslich. Schaum, Wasser, Haare, Läuse und Läuseeier und auch ein bisschen Blut verklebten im Abfluss und erst einmal verstopfte alles. Der Saugstopfer war in der Küche und natürlich war es Peter, der tropfnass hinüber watschelte und ihn holte.

Dann kam eine Belohnung, die sieben Läuseplagen wert gewesen wäre. Sie duschten. Sie duschten einander. Der Mann kremte sich ein und dann kremte er weiter und kremte den Jungen ein. Er nahm den Brausenkopf und regulierte die Wärme. Jetzt, als wäre es so üblich zwischen ihnen, griff Timo zu und streichelte überall den Schaum von ihm ab, wohin der Mann den Strahl richtete.

Er kam hinter dem kleineren Körper des Jungen zu stehen. Er hatte seinen Schwanz in der Hand, das knorrige Ding. Der Junge war nicht steif geworden, aber auf eine Art erregt schien er zu sein. Der Mann dachte an Tobi unter der Dusche und was dann geschehen war. Seine Erektion war riesig und er hielt den Jungen fest. Es war unvorstellbar, dass der Junge nicht genau wusste, was ihn beschäftigte. Es musste so sein und er ließ sich weiter halten und war einfach da. Warum will er es nicht auch, dachte der Mann. Und der Junge löste sich aus seiner Umklammerung.

Sie trockneten sich mit dem Badetuch ab.
„Nicht so fest. Das Jacutin wirkt am besten, wenn die Haut ein wenig feucht ist.“

Auch das noch ein Höhepunkt seiner Tage mit Monika. Wie er ihn an jeder Stelle und mit jeglicher Zeit der Welt salben durfte. Die Salbe reichte gut für beide. Es blieb noch was über.

„Das Handtuch und die Wäsche dürfen wir nicht mehr benutzen. Das muss ausgekocht werden. Und das Jacutin muss einwirken. Wir dürfen uns tagelang nicht waschen, bis wir stinken.“

Und dann war ihr Honigmond fast vorbei. Peter musste in den Keller und die nasse Bettwäsche aufhängen. Im Bett war Abstand halten jetzt besser. Einer konnte morgen schon sauber sein und der andere die Ratten ihm noch einmal anhängen.

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