Genesen in St. Mingo 2 - Kalter Mai

Bild von Klaus Mattes
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Die Betten in den Zweibettzimmern bleiben nie lang leer. Morgens wird einer entlassen oder verlegt, dann die Bettwäsche abgezogen, unter den Spannbetttüchern kommt ein abwaschbarer Kunststoffüberzug zum Vorschein, der desinfiziert wird. Später am Tag wird das Bett raus gefahren, einer wird herein gefahren - auf einem anderen Bett. Oder manchmal rückt einer in Zivil ein, darf selber seine Sachen in den Schrank räumen, muss in den Schlafanzug und ins Bett. Man bleibt dann da, wo man herein gekommen war. Bei der Ankunft lag einer im Bett am Fenster, der ist weg, sein Bett leer.

Man liegt hier ohne Aussicht, am Gangende dieses Zimmers, kann nicht so einfach ans Fenster, denn wenigstens drei EKG-Kabel hängen an einem, die zu einem Monitorkasten führen, der Alarmsignale ausstößt, wenn man eines abmacht oder es abgeht von einem.

Hier wurde einem der Monitor nachgetragen. Bis zur Badezimmertür, auf einen Stuhl gestellt. Man konnte sich waschen, während ein gleichmäßiges Piepsen zu hören war. Man hat nicht aufgepasst, ein Kabel löste sich von einem, der Alarm ging los. Jemand ist aufgeschreckt gekommen, hat einem, als weiter nichts war, die Kabel - vorübergehend - gnädig erlassen, das Piepen beendet.

Dann war man fertig, sollte die rote Schnur ziehen im Bad. Aber jetzt kann man, zumal ausnahmsweise im Zimmer ganz allein für sich, endlich ans Fenster.

Es gibt die hohen und weit ausgreifenden Betonflügel dieses Krill-Klinikums zu betrachten. Im Hintergrund Blocks, die wahrscheinlich weitere Krankenhäuser oder möglicherweise Studentenwohnheime sind. Anscheinend wurde das Krill-Klinikum ein Stück in den Boden gebuddelt. Allenthalben, wo man hinsieht, ist das Land höher als gleich bei den Fenstern des untersten Stockwerks, steigt vom Haus aus überall an. Inmitten dieser Kuhle ist auch noch ein Froschteich. Während der Tage in der Transplantationsstation hat man ihn nur gehört, nie gesehen.

Das Wasser sprudelt eine winzige Schlucht hinab und füllt zwischen etwas Schilf einen nicht ganz kleinen See. (Wohin dieser entwässert, wird einem auf Befragen - später - nicht gesagt werden können.) Auf dem See die vom Nachbarn in der Transplantationsstation öfters hingegeben besehenen Enten. Der Hase ist gerade nicht zu erspähen. Die Frösche sind auch nicht zu sehen. Dafür ist es zu weit, beziehungsweise um den See herum zu bewachsen.

Es regnet, regnet recht mäßig, aber völlig unaufhörlich. Im Fernsehen sagen sie, an manchen Orten Deutschlands regnet es so viele Tage, dass das junge Gemüse auf den Feldern zu schimmeln begonnen hat. An Saale und Elbe kündigt sich ein Jahrhunderthochwasser an, das zweite innerhalb von elf Jahren.

Der Himmel ist grau. Ein bisschen nebelverhangen. Es muss kalt sein da draußen. Ein später Mai, der wie früher November aussieht - von hier oben, von wo wir ausnahmsweise zuschauen können. Dort drüben fährt nur ein einzelner, ein einziger Radfahrer durch die klamm-nasse Leere. An der Senke von dem Weiher vorbei, hinter welchem die Transplantationspatienten warten, denen man möglicherweise gerade noch mal entkommen ist für längere Zeit. Man braucht nicht grübeln, ob es besser wäre, ein zweiter nasser Radfahrer zu sein, sich durch eine triste Landschaft und aus dieser Bildeinstellung hinaus bewegen zu können. Es ist schlimm dort. Man kann sich ins Bett legen und jemanden rufen, der einen anseilt.

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