Vorstoß M/ Und alles wird so schön

Bild von Klaus Mattes
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Doch nun fällt Schnee in der Nacht und vieles ändert sich.
Während aus Marokko Jens, der sich in eine blonde, großmütige, Donovan-Songs spielende Dänin verliebt und das Hetero-Coming-out bestanden hat, emigrieren muss ...
... nach Jütland, wo er sieben bezopfte Mädchen zeugen und von einer Arbeit als Kartenabreißer vom LEGOland leben wird, welche er aus Liebe zu Mette tut, denn in Folge seiner Unfähigkeit, die dänische Sprache zu begreifen, bleiben ihm herausforderndere Tätigkeiten versagt ...
... während Attilas Vater, von Attilas Mutter bekniet, dem Sohne Attila möge er wenigstens auf dem Sterbebett noch vergeben, dass dieser Junge heute deutsche Männerschwänze lutscht, die Decke von sich schleudernd, aufhüpft und gellt: „Ja, ich vergebe alles! Attila liebe ich, denn er ist von meinem Fleisch und Blut. Er ist so wie ich. Ich durfte es ja nie sagen, dass ich Kleider tragen und Chansons von Nana Mouskouri singen möchte.“ ...
... In seinem dreiundsechzigsten Lebensjahr legt dieser griechische Vater ein Coming-out als Transe hin, das sich gewaschen hat. Jedoch seine Gattin wird von nun an Opfer ihrer zehrenden Ouzo-Sucht ...
... während also Georgios im flatternden hellblauen Kleidchen als Hitchhikerin in Richtung Deutschlands sich über die gefährlichen Routen im Westbalkan voran bewegt ...
... wo homophobe Hell’s Angels ihn anfangs nur verprügeln, dann auch vergewaltigen, sodass er verblutet und das hochgelobte deutsche Sozialstaatssystem nicht mehr erreicht, aber sein Geist unverlöschlichen Griechentums zieht weiter gen Frankfurt ....
... während in der Zeit, die es gekostet hat, dies zu lesen, unwiderrufliche Begebnisse anheben, indem die Außentemperaturen dramatisch fallen ...
... und die Heizung ausfällt und kein Notdienst mehr rangeht ...
... explodiert in Attilas, man hatte ihn mit einem Bankier auf der Flucht verwechselt, Trolleykoffer, viel zu früh der vom 22-Jährigen Attentäter deponierte Sprengsatz ...
... fern der Deutschen Bank fliegt ein Frankfurter Gebäude in die Luft und reißt dem Griechen Attila seine Beine ab ...
... sowie funktionale Partikel des Unterkörpers ...
... Attila wird nun im Rollstuhl vegetieren müssen, gelähmt vom zweiten Wirbel abwärts ...
... Nie jedoch wird Fred ihn verlassen, wie Jens den Nico verlassen hat ...
... Vergleichbar dem französischen Film „Ziemlich beste Freunde“: Freds und Attilas Geschlechtsleben besteht aus Bewegungen an den Ohrläppchen und auf ihren Zungenhäuten. ...
... Und immer noch ist es dieselbe, die schicksalsträchtige Nacht mit dem Sommer-Schneefall. In der Großstadt Frankfurt am Main erschüttert sie das Leben ungezählter Menschen. Gerade erklingt ein Harfenton in Jans Laptop, ein Signal von der Internetplattform schwuljulius ...
... Jan hatte gegrübelt über sein Date mit Nico und er nimmt noch einen Schluck vanillisiertes Nescafé-Frappé. Ein gewisser Senior_58XXL lädt Jan ein, ihn in seiner Villa am Nordend restlos zur Sau zu machen, subterran im Studio-Playroom. Bis aufs Blut ...
... Geld spiele keine Rolle. „Ich als Callboy“, grinst Jan, Callboy, „der die Grauärsche foltert! Was Leute sich einbilden!“ „Nenne jeden Preis, aber komm“, schluchzt sein Perverser ...
... Zum Fenster hinaus stürzt Jans Blick in die Nacht. Schnee! Allenthalben fällt Schnee! Im Juni. Bepelzt die Zaunpfosten! Gibt’s auf keim Schiff! Taxiruf Frankfurt antwortet nicht ...
... Jan fordert sich selber zu einer Wette auf. Sollte ein kleines, schwaches Uber-Taxi es bis an die handgeschmiedeten Tore jenes Grundstücks schaffen, wird er sich mit einem letzten Exzess von seinem verfehlten Leben verabschieden, von Schrankenlosigkeit und Ich-Sucht ...
... Bei Nico warten im Hafen ehelicher Treue Kuschelsex und Gitarrenjazz. Dies kleine Amateur-Taxi wird in der Schneehölle über die Schicksale dreier, nein vierer, wenn man seinen Fahrer mitrechnet, Getriebener richten ...
... Und es gelingt, Uber kommt durch, kommt bis hinter Blau-Bockelheim ...
... Und dort begibt sich das Wunder im Gewölbe von der wilden Sau. Jans Einsatz ist formidabel. Nichts wird langweilig. Und oh, Jans Opfer ist pervers und hässlich und schrecklich alt und ordinär, aber so muss das sein. Diesen Greis (58? schamlos untertrieben) zu verdreschen, schürt Sturzbäche aus Glückshormonen in Jans Nebennierenrinde ...
... Deshalb wird sich Jans Name verteilen in dieser Mainmetropole wie ein Lauffeuer. Es ist eine Sache von Monaten nur bis zu Jans legendärem Schweinetreter-Salon ...
... Alleine und vollkommen ahnungslos ist Nico, in diesem Moment noch immer Jans Auserwählter, und in einer zu dünnen Sommerjeans tritt er ...
... auf einen von Neuschnee überlasteten Balkon und erschrickt ...
... verstört die Augen, die ahnungslosen Hände aufs Geländer stützend, wo sie bei milchglasblitzerndem Eiszauber ...
… Laternen, Leuchtreklamen, still, starr, stranguliert von der versponnenen Natur ...
... festfrieren und brennen wie Feuer und der von Jan malträtierte Rücken von Senior_58XXL ...
... entsetzt springt Nico auf, reißt Fetzen von den Händen, klatscht das Wunde, glaubt Knochenfarbe zu sehen, klappt zusammen, fällt ans Geländer, das bricht ...
... Und kurz davor verabschiedete am Dach eine Schippe Schnee sich von schepper Basis. Schlammig schiebt sie in den Abgrund, zerstäubt das rostige Geländer von Nicos Balkon ...
... Es knackst und all dies ...
... samt Nico ...
... prallt wie in machtloser Zeitlupe in Versenkung hinab ...
... Erst als Nico erschlagen die matten Augen aufschlägt ...
... legen sich warme Arme an seinen schlanken Hals ...
... aber nicht Jans Arme, denn Jan ist zu einem Seniorenpeitscher gereift, sondern die Ärmchen des kleinen Tayfun sind es ...
... eines gerade fünfzehnjährigen Schülers mit dunklem Flaum oberhalb einer seiner zwei Lippen. „Du lebst“, flüstert Tayfun ...
... „Muss ich sterben?“, ächzt Jan. „Ich bin gelähmt vom Hals an. Ich kann meine Beine nicht mehr spüren.“
„Nein“, bricht es aus Tayfun, „fremda Mann, schau misch an, du bist schuld daran, dass isch nischt schlafe kann.“ ,,,
… Tayfun mit seinen beiden Lippen liebkost unabsichtlich die Nase Nicos. Dort hat Nico aber augenblicklich das meiste Gespür ...
… „Oh Boy, ich bin dir zu alt“, stammelt er ...
... Aber auch Nico nimmt einen Aggregatzustand wahr, der zwischen ihnen die Luft kreuzt und quert. ...
… „Keiner ist zu jung für die Liebe oder zu alt“, weiß Tayfun. Eine Sentenz der nordostanatolischen Großtante Babucka ...
… „Und hier, Alter, kommt meine Schwester Ketakerim. Er weiß Bescheid.“ Ketakerim weiß, wie viele Male Tayfun unter Nicos Balkon geschwankt hatte. ...
... Tayfuns und ihre Eltern stecken in Offenbach, jenseits des Mains, am anderen Ufer ...
... sind sie unter einer mächtigen Schneewächte eingeschlossen, vergleichbar Attilas Vater neben der skipetarischen Landstraße ...
... doch geborgen in frischer Luftblase ...
... Sie simsen, es geht ihnen gut. In drei Stunden sind sie drüben ...
… „Was du brauchsch, ist ein Bad von Kamelie, Massage und einer, wo den Sch[*tonstörung*] ...
... Nicos Sinne ziehen den Stecker ...

Und alles wird so unfassbar gut.

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