Von Edgar 9: Letztes Wiedersehen - Page 2

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zwei Scheiben Aufschnitt und eine Tomate, tiefrot, makellos, zu sehen.
„Schau dir den Dreck an!“, rief er, der wohl entschlossen war, Edgar zu ignorieren. „Und der schreckliche Tee!“

„Na ja“, sagte Frank. „Zu gemütlich soll‘s nicht werden. Die wollen halt, dass du sie bald wieder verlässt und zu dir heimgehst. Bier geht jetzt ne Zeitlang mal nicht.“

Edgar dachte an den Kasten und die leeren Flaschen zurück.

„Wenn’s nach dem Essen ginge ... Aber so schnell werden die mich nicht los. Ich muss bleiben, heißt es.“
„Die Tomate könntest du aber wenigstens essen. Würd dir nicht schaden.“
„Quatsch! Tomaten hab ich noch nie gegessen. Ist ein Nachtschattengewächs. Hier drin ist’s doch kalt? Guck mal die Heizung!“

Der Raum war gut über zwanzig Grad warm. Frank ging zum Heizkörper und meldete, er sei warm.
Adam zog die Decke zum Kinn.
„Das ist das Fieber. Deck dich zu!“, riet Frank.
„Scheiß Fieber! Dafür gibt’s Mittel. Vorhin waren es wieder achtunddreißig Grad. Die wissen nicht, wo‘s herkommt. Das gefällt ihnen nicht. Bei der Operation ist was schiefgegangen.“
„Ach nee, da glaub ich gar nicht dran. Fieber ist auch normal nach so einer OP.“

Adam behielt den Fernseher im Auge.
„Es stört dich nicht, dass ich den Edgar mitgebracht hab? Der Edgar macht bei der Aids-Hilfe mit. Da besucht er dich bald vielleicht öfter. Ich mein, wenn dir‘s recht ist.“
Adam sah zu Edgar und brummte.
Er hat mich längst erkannt, dachte Edgar.

„Aids-Hilfe. Für was brauch ich Aids-Hilfe?“, maulte Adam. „Ist er dein Neuer?“
„Nein, Edgar und ich kennen uns ewig. Kennt ihr euch denn nicht auch? Edgar ist öfters im Rio. Hast du oft gesehen. Er war mit dem Dieter und dem Herbert dort.“
„Das Rio. Tzz-tzz-tzz!“, machte Adam. „Wenn man seine Zeit totschlagen muss. Ich guck Fernsehen. Ist billiger.“
„Ich bin nicht so oft drin“, sagte Edgar. „Ich bin mehr zu Hause. Na ja ...“ Er lachte unsicher. „Manchmal geh ich in den Park zum Cruisen, geb ich zu.“

„Du, sag dem Ralf und Eddi, dass sie die T-Shirts und den grauen Jogginganzug holen sollen!“, polterte Adam. „Die siehst du ja. Wenn ich die anruf, ist der AB dran. Sind schwer im Stress, die Zwei.“
„Ralf und Eddi? Die kommen in die Wohnung rein?“
„Die haben einen Schlüssel. Was sollen sie dort auch mitnehmen? Höchstens die Pornos. Die Pornos können sie haben. Keine Verwendung für den Scheiß.“

„Na! Sag so was nicht! Wenn die Lebensgeister sich erst regen ... Da bist du so rallig, wirst sehen. Sag, Adolf, regt sich da nicht schon was, wenn ein junger Pfleger kommt. Ein Hübscher wie hier der Edgar?“
Adam sah fern.
Nach einer längeren Pause maulte er: „Fickt ihr euch doch alle zu Tod! Denkt dran, man kann sich was holen.“
Er lachte nicht mehr.
Er hatte doch diese böse Lache, fiel Edgar ein.

„Na ja. Wird schon wieder. Wart’s ab! Die OP hast du hinter dir. Galle ist nicht lebenswichtig. Dann gucken wir die Pornos zusammen, das versprech ich.“
Was diese Zwei bestimmt noch nie getan hatten. Adam und Frank. Wir zwei aber, dachte Edgar.

„Was guckst du dir denn an?“, fragte er, extra zu laut, damit Adam nicht tun konnte, als hätte er nichts gehört.
„Scheiß. Die bringen nur Scheiß den ganzen Tag. Bei dem Scheiß, den die bringen, sollt man keine Gebühren mehr zahlen.“

Edgar und Frank schauten sich an.

„Mach mal den Vorhang zu!“, befahl Adam, griff sich die Fernbedienung und machte den Ton laut. „Ich hab so ein Gefühl, die stehen drüben und starren hier herüber.“

Sein Zimmer war im Erdgeschoss, ging auf einen dieser Innenhöfe mit den kleinen Rasenstücken. Gegenüber brannte bereits Licht. Frank stand auf und zog die Vorhänge zu. Er kam zurück und sah nach unten.
„Schöner Beutel, ja?“
Adam griff runter und hob einen Beutel, zu dem ein Schlauch ging. Zu einem Viertel war er mit einer rötlich braunen Flüssigkeit gefüllt. Es sah aus wie Roséwein. Dann hatte man den Eindruck, als ob kleine, zerrupfte Wattebäuschchen drin schwimmen würden. Er schob die Decke fort, zog die Trainingsjacke und das Unterhemd nach oben und zeigte ein Quadrat vor, das man ihm auf den Bauch geklebt hatte.
„Von hier bis hier geht der Schnitt. Sie haben geklammert.“

Edgar beugte sich vor. Nicht die Trainingshose, sondern einen knappen, blau-rot gemusterten Slip trug Adam. Soweit man sah, hatte er nicht ein einziges, winziges Haar am Körper. Die Haut war fleckenlos, straff und glatt. Dieser Körper schien sich in seine Kindheit zurück zu entwickeln. Die Oberschenkel waren ganz dünn. Das Geschlecht war sichtbar, was ihm anscheinend nicht auffiel. Zwar sah Edgar schnell wieder davon weg, dennoch, wie ein Kind auch hier.

Frank setzte sich und sah längere Zeit zum Bildschirm hinauf. Endlich sagte er: „Wir gehen dann wieder, wenn du deine Ruhe brauchst. Du musst es uns nur sagen.“
„Ist schon richtig so. Kommst du dann wieder?“
„Aber sicher! Was glaubst du denn? Dich lass ich nicht umkommen. Kann auch mal etwas länger gehn. Weißt du, hab viel um die Ohren in letzter Zeit. Meine Mutter ist ja auch im Krankenhaus. Bis nächsten Freitag aber immer. Vielleicht bist du schon raus. Kennst das doch jetzt, schnell rein, schnell auch wieder raus.“

Zornig hatten sie ihn erlebt, jetzt wurde er weinerlich.
„Die lassen mich nicht mehr raus. Die haben gesagt, ich komm auf die Infektionsstation. Es müssen andere Untersuchungen gemacht werden. Sie müssen mich einstellen. Frank, die lassen mich jetzt sterben.“
„Adi! Das darfst du nicht sagen! Fang nur nicht an, so was auch nur zu denken! Das sind Ärzte, das sind doch Spezialisten. Bist nicht der Erste mit dieser Krankheit. Die wissen hier drin Bescheid. Die verstehen ihr Geschäft.“

„Daheim kann ich leben. Hier drin wird man krank. Das ist das Krankenhaus. Das Essen hab ich dir ja gezeigt. Der Tee, der Tee ist schrecklich.“
„Willst du vielleicht einen Buddy von der Aids-Hilfe mal probieren? Der Edgar kann sich um dich kümmern, wenn du es möchtest.“
Edgar hatte nicht mehr zugehört. „Ich geh jetzt gleich, ich geh hier raus“, war es ihm im Kopf gegangen.
„Buddy! Was soll das denn sein?“, keifte Adam.
„Kennst du nicht? Die von der Aids-Hilfe, die haben Schwule, die kommen und besuchen dich oder helfen dir im Haus, wenn du was brauchst. Zigaretten und alles.“
„Vertrag ich nicht mehr“, sagte er nüchtern. „Schwules Kindermädchen brauch

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