An der Startrampe A - Verkaufte Luft

von Klaus Mattes
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Nicht sehr weit entfernt von unseren christlichen Kirchen stehen in der Gegend die christlichen Wohlfahrtsverbände herum. Also Caritas oder Diakonie, das hat jeder schon mal gehört; es gibt in dieser Art auch ein paar andere noch. Zum Staat gehören die nicht. Der Staat kann sie nicht zu irgendwas abordnen oder ihnen was untersagen. Wenn die christlichen Wohlfahrtsverbände in unserem Land die Armen speisen und kleiden wollen, kann unser Staat ihnen nicht sagen, sie dürften nicht, denn frieren, dürsten und hungern sollten die Menschen, dann wächst ihre Eigeninitiative, sich aus der Notwenigkeit zur Unterstützung selbst herauszuarbeiten, die nicht da ist, wo man ins Blaue hilft.

Mit den folgenden kleinen Geschichten wollen wir von der Startrampe berichten. Die Startrampe gehört mittlerweile zu einem der christlichen Wohlfahrtsverbände. Das sind ja so Netzwerke. Ursprünglich kommt die Startrampe aber nicht von der Kirche, sondern sie war eine private Gründung. Sind engagierte Einzelpersonen gewesen, so ein Verein, der die Ärmsten der Armen auffangen wollte, falls sie in akute Not abrutschten. Inzwischen hat sich viel getan. Mit den Hartz-Gesetzen ist ein Markt für Motivations- und Trainingsmaßnahmen aufgegangen. Es musste zu diesem Zweck ein Personal vorgehalten werden, das den Betroffenen neue Wege aufzeigen kann.

Wer es hauptberuflich treibt, das Wegezeigen, der muss anständig bezahlt werden. (Wobei die Startrampe als Ganzes natürlich ein gemeinnütziges Non-Profit-Unternehmen geblieben ist.) Bei der alten Startrampe sind es noch Ehrenamtliche gewesen, aber jetzt ist aus der Startrampe eine Industrie geworden. Sie liegt auch im Industriegebiet von Reuenthal, in einer alten Metallwarenfabrik. Umstrukturiert wurde sie und am Ende dann auch noch in den christlichen Sozialverband integriert. Man hat sich aufgespalten in einen Arbeitshaus-Zweig, wo jene Arbeitsgelegenheiten sind, die vor Jahren noch Ein-Euro-Jobs genannt werden durften, sowie in ein Bildungszentrum, wo nunmehr nicht nur Maßnahmen für Kunden des Jobcenters laufen, sondern zum Beispiel auch Sprachlehrgänge für Einwanderer, die nicht immer vom Jobcenter bezahlt zu sein brauchen.

Für den Bundesstaat Deutschland geht der erfreuliche Nebeneffekt einher, dass Steuergelder nicht für staatliche Beamte verbraten, sondern zur Anregung der Konjunktur in die Privatwirtschaft umgelenkt werden. Der private Sektor wird mithin gestärkt. Privater Sektor ist immer besser, als würden Arbeitsämter, also Ämter, der versteinerte Staat also, die Menschen mit Arbeit versorgen.

Nun magst du christlich und Wohlfahrt oder gemeinnützig und sozial sein, wie du möchtest. Es ändert nichts daran, dass es in deiner Stadt, einer größeren Stadt, noch eine Reihe weiterer Firmen gibt, die ihr Stück vom Bildungs- und Förderkuchen abhaben wollen. Gerade darauf ist der Staat jetzt aber stolz, dass er nicht immer denselben Organisationen Jahr für Jahr dieselben Kurse zuschanzt. Diese womöglich zu seinen Wurmfortsätzen würden, irgendwann eine Beamtenhaltung und Versorgungsmentalität an den Tag legen würden. Vielmehr präsidiert der Staat - mit der Bundesarbeitsverwaltung - über einen Markt von unterschiedlichen Wettbewerbern um Förderangebote für Menschen in Hilfsbedürftigkeit.

Es gibt schon noch diese einigermaßen Sicherheit, dass die Kurse für ein ganzes, in der Zukunft liegendes Jahr eingekauft werden. Aber es werden laufend Erfolgsquoten und Preise verglichen. Allerdings sind die alle dann wieder nahe beieinander. Man will aber auch nicht erleben müssen, dass mit der Zeit einer sich das Monopol in dieser Stadt aufbaut, der Staat zum verpflichteten Alimentär von einer einzelnen Trainingsfirma würde. Man verteilt die Maßnahmen also nach einem sich etwa gleich bleibenden Schlüssel immer wieder neu über die Gesamtheit der Reuenthaler Bildungshäuser, von welchen die Startrampe kein kleines ist.

Wir alle würden meinen, dass wir allergisch werden, wenn einer daherkommt und uns ein Paket aufschwatzen will, welches sich so leicht anfühlt, als wäre außer Luft nichts drin. „Das ist ein Wunder“, würde der versprechen, „heute kostet dich das nur 2000 Euro.“ Allerdings ist es in der modernen Welt schon auch so, dass mitten in der Stadt, wo die Menschen sind, viele Geschäfte ganz leer aussehen, paar Designerkleider vielleicht oder eine Reihe Smartphones an den Wänden um die Leere herum. Und wenn wir ein Virenschutzprogramm kaufen, sind das üppige Kartons, in denen eine einzige Disk klappert, die dann veraltet ist, das Produkt ist in Wirklichkeit immateriell. So eben auch bei der Startrampe.

Stelle dir einmal vor: Dir sind zwanzig Arbeitslose bekannt, die sind schon sehr lange arbeitslos, es sind Langzeitarbeitslose. Und wirklich jung ist keiner mehr von ihnen. Vor allem sind sie alle schwerbehindert, also Grad der Behinderung 60 und mehr. Zumeist keinen Berufsabschluss, oft Migrationshintergrund und lückenhafte Deutschkenntnisse, oft keine Fahrerlaubnis, oft schwere, chronische körperliche sowie psychische Beeinträchtigungen. Schwierige Persönlichkeiten. Problematische Charaktere.

Dir war nie gelungen, diesem Klientel eine Arbeit zu verschaffen oder wenigstens aufzuhalsen, unter Einsatz der kompletten Drohkulisse, über die du gebietest, was letztlich heißt: „Wenn du dort nicht anfängst, lass ich dich verhungern, kannst auch nach Afrika auswandern!“ Du hattest die Leute zwei Wochen ins Praktikum geschickt. Du hattest die Leute zwei Monate ins Praktikum gesteckt. Du hattest die Leute zu Zeitarbeitsfirmen gesandt. Du hattest den Leuten Angebote für Mini-Jobs vorgelegt, von denen sie zwar niemals leben können, aber dann hättest du ihnen Hartz IV obendrauf gezahlt. Du hattest die bejahrteren Fälle in Probearbeit für die Daer mehrerer Monate vermittelt. Arbeit, wo 100 Prozent von den Personalkosten einstweilen von der Steuerkasse abgestottert werden. (Böswillig könnte man es Subvention der notleidenden Privatwirtschaft, entgegen dem freien Spiel der Kräfte des Marktes nennen, aber natürlich nur böswillig.) Dir hat es gestanden bis da.

Und da kommt die Startrampe mit dem luftigen Vorschlag. „Du, geschätztes Jobcenter, kaufst für die nächsten zwölf Monate eine Maßnahme, zwei Maßnahmen eigentlich, zwei für jeweils sechs Monate, nacheinander, wo der Basispreis sehr niedrig kommt. Darüber raus musst du nur dann etwas nachzahlen, wenn wir dir auch was liefern. Wenn wir deine Leute aus der Dauerarbeitslosigkeit in sozialversicherungspflichtige Jobs transportieren. Aber nicht etwa reindrücken, heute sind sie drin, in drei Wochen weggelaufen. Sondern wir müssen dir Geld rücküberweisen, wenn sie in sechs Monaten (nach den ersten sechs Monaten) nicht mehr an ihren Arbeitsplätzen sind, warum auch immer. Jetzt rechne du, wie viel dich das kostet, wenn diese Kantonisten zu Hause hocken und nichts finden, auf ihre jeweilige eigene Art! Du sparst ungeheuer, unser Salär ist schon jetzt bezahlt.“

Du, lieber Leser, bist mal die Startrampe. Du bist eine wohltuende Organisation der Hilfeleistung. Du verfügst über deine Erfahrung von Jahren. Du kriegst mit schöner Regelmäßigkeit, Jahr für Jahr, ununterbrochen, die Verträge von der Arbeitsagentur, von der du allerdings auf Gedeih und Verderb auch abhängig bist, denn die Kurse, wie du sie kannst, die braucht sonst absolut niemand auf dieser Welt. Was ist jetzt? Kennst du hunderte von unbesetzten Arbeitsstellen, die das Arbeitsamt nicht kennt? Hast du diesen Leuten, die, falls sie wirklich Arbeit suchen, ihren Erfahrungsschatz der Suchenden aufgebaut haben, denn irgendetwas voraus?

Nun gut, bei einigen Sachen kannst du schon noch zur Hand gehen: Lückenlos und widerspruchsfrei sollen ihre Bewerbungspapiere sein. Das Foto sollte modern sein, die Bewerber freundlich und entspannt widergeben. Du hast ja einen Dozenten, der jedes Bild anschaut, bevor es rausgeht. Sind die Zeugnisse komplett? Die Rechtschreibfehler raus, überall richtige Kommas drin und Groß und Klein in Ordnung gebracht?

Wenn 20 Leute jeweils zwei Tage die Woche über 6 Monate bei dir sind, kannst du 48 Tage abrechen bei der Arbeitsagentur. Wären sie, wie das früher mal gemacht worden ist, 2 Monate am Stück, 5 Tage die Woche bei dir, kämen bloß 40 Tage heraus. Das ist allerdings noch gar nicht der Punkt. Der Punkt ist, wenn du für jeden Arbeitssuchenden, der eine Arbeit findet, wenn er sechs Monate lang unter deiner Überwachung danach sucht, deine Erfolgsprämie bezahlt kriegst, hast du am Ende mehr, als hättest du sie bloß für acht Wochen, würdest die Boni nur für den Zeitraum von zwei Monaten kassieren. Du könntest dann zwar ständig neue Kurse anfangen, aber es wäre jedes Mal dasselbe. Es sind das Nuancen bei der Zeitplanung, sie scheinen nicht wichtig, aber sie spielen mit auf deiner Seite vom Spielfeld.

Man hat auch Kritik oder gar Häme in einigen Medien. Die Jobcenter würden durchtriebene Leute dafür löhnen, dass hinterher die Lehrer mit Kursteilnehmern essen gehen oder selbst das Essen kochen oder lernen, wie man billig und gesund im Supermarkt einkauft, oder Gedichte schreiben oder einen Tierpark besuchen oder eine Kurszeitung aufziehen, für die sie in der Fußgängerzone Passanten interviewen. Es wäre Geldverschwendung. Aber so ist es durchaus nicht! Weil es darum, was im Kurs gemacht wird, noch niemals ging. Es ging darum, dass ein Kurs überhaupt existiert! Deine innere Erwartung ist eher nicht, irgendwer würde bei dir irgendwas lernen, was er selbst nicht beherrscht hätte, was ihm jetzt zum Arbeitsplatz verhilft. Dein Ziel ist schlichter, illusionsloser, Gewinn bringender. Nach Ablauf von sechs Monaten werden von vielleicht 20 Teilnehmern zwölf eine Stelle haben, acht also noch keine. Und das heißt, du wirst Geld einstreichen für ein Dutzend. Mehr oder weniger wie von selbst, einfach nur, weil die bei dir herumgehockt sind.

Du weißt, das ist deine Luftnummer.

Jetzt benötigst du noch etwas, was du den Teilnehmern erzählst. Warum sie zwei komplette Tage von jeder Woche herumgammeln müssen? Du musst Inhalte für deine Maßnahme erfinden. „Sie dürfen gespannt sein, hier werden Sie lernen, wie Sie ...“ oder auch: „Ich kann Ihnen schon sagen, bei der Vorgängermaßnahme sind zwei Drittel mit einem Arbeitsvertrag in der Tasche rausgegangen.“ Welche Art Verträge in welchen Arbeitsfeldern für welche Leute das gewesen sind, warum es sie hier und nicht von der Arbeitsagentur und nicht, wenn die Leute von sich aus gesucht haben, gegeben hatte, an so einer Stelle des Ablaufs fragt dich das nie einer. Da kannst du ganz ruhig bleiben. An so einer Stelle fragt das keiner. Sie haben eine gewisse Skepsis, die können sie haben. (Später fragt dich das sowieso keiner, weil später alle wissen, dass es gelogen war und ihr es darum auch nie zugeben werdet.)

Worauf man von außen nicht unbedingt käme: Ab einem gewissen Zeitpunkt arbeiten die Mogeleien und Verschleppungen der komatösen Teilnehmer und der ihren goldigen Optimismus daherlügenden Animateure einander gegenseitig in die Hände. (Das wird man dann den Damen vom Jobcenter nicht unbedingt auf die Nase binden, von beiden Parteien her nicht.) Ich gebe vor, euch etwas beizubringen, was euch schließlich irgendwo hinbringt. (Ihr glaubt es mir keine Sekunde. Ich selbst aber ja auch nicht.) Dafür tut ihr immer weiter so, als würdet ihr mir glauben, bedankt euch sogar dafür bei mir. Im Gegenzug erhaltet ihr, dass ich euer ständiges Dösen übergehe, die kleinen, kreativ entwickelten Spiele, die ihr statt eurer Stellensuche betreibt. Eure Märchen werde ich eisernen Gesichtes glauben. Wieso ihr zwei Stunden zu spät gekommen seid, wieso ihr auch dieses Mal den, an sich aber heiß ersehnten Arbeitsplatz nicht antreten könnt. Wir wollen sein wie eine Krähe der andern.

Das Jobcenter kauft die Vermittlungsquote am Ende ab. Inhalte der Wochen vorher sind da nicht von Belang, wenn genug Vermittlung dabei herauskommt. Dennoch siehst du nicht gut aus, wenn in der Öffentlichkeit publiziert wird, das wäre ein Deal mit der lauen Luft gewesen. Deswegen lässt du dir dein Haus zertifizieren. Du verteilst eine Art Lehrplan für die Gesamtstrecke der Maßnahme. Jeder Teilnehmer bekommt seinen feudalen Ordner mit viel Papier. Die vielen Blätter hattest du seit gut über fünf Jahren im Computer abgelegt gehabt, lässt die immer mal wieder neu raus, wann immer die jeweils anlaufende Maßnahme etwas anders benannt und umkonzipiert worden ist. (Öfters modernisierte Angebote vorlegen für die neuen Ausschreibungen fürs kommende Jahr!)

Selbstverständlich sind deine Dozenten zertifiziert vorgebildet. Selbstverständlich bekommen sie regelmäßig Supervision von Externen. Checklisten sind vorhanden, auf denen jeder Teilnehmer in regelmäßigen Abständen Kreuzchen macht, im Vergleich hieraus seine persönlichen Fortschritte und seine jeweils besonders entwickelten Stärken ersehen kann. Oder auch Blätter mit luftgefüllten Quadraten und Rechtecken, in welche die Teilnehmenden kleinere Essays zur Einschätzung ihrer Persönlichkeit schreiben. Und es gibt Bücherverzeichnisse. Und die Verzeichnisse der Internetsites, die Verzeichnisse der Beratungsstellen, die Tipps für Gruppenspiele, die Kataloge mit vorformulierten Textbausteinen für passgenaue Motivationsanschreiben und Dialogphasen.

So vieles wirst du vorzuweisen haben, was wahrlich nicht nach heißer Luft aussieht. Eher nach Premium.

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