Kino: La douce France

Bild von Klaus Mattes
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Wenn man sich die Tausende kleiner Departement-Sträßchen über sanfte, grasige Hügel vorstellt, wo es überall noch Platz hat, nur ab und zu paar alte Bruchstein-Gebäude und nicht diese weiß-schiefernen Wucherungen kilometerweit um jedes City-Parkhaus. So die Ile de Ré, wie sie in „Molière auf dem Fahrrad“ (Fabrice Luchini) auftaucht. Oder jenes Korsika vom Seniorensoftporno mit Vincent Cassel („Der Vater meiner besten Freundin“). Oder Zentralfrankreich mit all dem Käse etwa wie in „Verstehen Sie die Béliers?“ Riesen-Fische werden geangelt bei „Monsieur Claude und seinen Töchtern“. Oder gehen wir in die Normandie von „Inspektor Lavardin und die Gerechtigkeit“, in die Bretagne zum „Western“!

An allen Ecken und Enden der großartigen Kulturnation warten Menschen auf uns, die sich vom Leben nicht viel mehr erhoffen, als ruhig daheim zu bleiben, im Kreise ihrer Lieben. Dann essen sie stundenlang und trinken Wein dazu, der den Namen Wein noch verdient, wie viel das auch kosten mag, jedenfalls viel mehr als in den deutschen Ketten-Supermärkten. Überhaupt essen sie jetzt noch immer echte Nahrungsmittel, nicht nur diese Industrieprodukte wie Madeleines aus der Fabrik, die nach jenseits vom Rhein exportiert werden.

Und oh, die Frauen überall! Immer sind sie sehr gut frisiert. Alle sind korrekt gekleidet, dazu tragen sie noch teure Taschen. In Frankreich werden neben jedem Dorffest oder Flohmarkt nicht nur Pétanque-Kugeln geschossen sowie duftige kleine Schnäpse verschenkt, die rote Nasen machen, sondern außerdem parlieren alle Umstehenden ohne abzusehendes Ende vor sich hin, espritös, als hätten die Messieurs Marivaux, Chateaubriand und Bernanos sie herbei geholt.

Wäre man am Ende umgezogen, quelle merveilleuse Freizügischkeit de l'UE, würde einen zwar die einigermaßen mickrige Arbeitslosenhilfe womöglich irgendwann schlauchen oder das Simenon'sche Giftgrün der hölzernen Fensterläden. Oder dass die Leute immer erst ins Auto steigen, um spazieren zu gehen, dann auf offener Strecke halten, um die Sandwich genannten Weiß- und Salamibrote auszuwickeln. Dann auch ihr schreckhaftes Verhalten angesichts kleiner Vulgaritäten, welche sie zwar mit augenzwinkernder Politesse wegwischen, aber vor allem seitens Menschen mit deklassierenden Braubeimischungen im Teint oder Hakennasen nie wieder vergessen. Marcel Proust hat zwanzig Bücher darüber geschrieben, wie viele kleine Vulgaritäten man zu seiner Zeit übersehen musste.

Mit einem Mal fühlen wir ein bisschen Heimweh nach Deutschland, wo die da oben nämlich stets sehr weit weg sind, unberührbar, während allerorten die Normalen lauter anständige Leute sind, für welche die droben oder in Berlin bloß nie irgendetwas tun, sondern sie verlachen uns ja. Sie nützen uns jeden Tag nur aus, sie bescheißen uns ohne Ende. Und die Beschissenen, sie bringen es ihrerseits nie übers Herz, die anderen zu bescheißen, wie sie beschissen worden sind.

Das ist dann aber auch die Differenz der Kulturen, das Romanische und Germanische. Dort muss man sich gelbe Kunststoffwesten anziehen und im November-Schmuddelwetter neben Straßensperren Eselsalami-Baguettes im Thermosflaschen-Kaffee verkauen, bei uns reicht es, Briefwahl zu machen und die AfD zu wählen.

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