Vorstoß K/ Auf der Rattenjagd

von Klaus Mattes
Mitglied

Das Küchenfenster spergelte Angeln, angelte Sperlinge, sperrangelte Standweiß. Nachts schlafen die Ratten doch, hoffte Carsten Schweiger. (Manchmal nannten sie ihn auch Markus. Markus Schweiger.)
(Das nur den Freunden einer gepflegten Klammer zugeteilt.)

„Scheiß Ratten, ich hasse euch!“
„Carsten Schweiger, was ist los da drüben? Soll ich rüber kommen?“, flötete es durch die Nacht.
Am Ende der Junge von schräg gegenüber? Er mit seiner Mundharmonika? Karsten Flöter?

Och nein, Holger Schweighofer war’s nur. Carsten Schweigers „Anklammerer“, jenes blonde, haarlose Bürschlein aus Anklam oder sonst in der Schroffhaide wo.

„Wo ist das verdammte Miststück?“
Eine Sekunde nicht aufgemerkt und die Rättin, die Blechtrommel, die Telgtesau, die Buttpokriefke und fast Zwiebelbox war nicht länger sichtbar und leserlich. Wie gerne hätte Carsten die Mistbiene hinter einen Kühlschrank verfrachtet und achselzuckend abgegrillt!

Man hätte den (gewagten) Eindruck gewinnen können (wenn in dieser Fabel je noch irgendwas), es machte Carsten Spaß, mit einem XXL-Boyteil vor den blutunterlauerten Augen eines schlotternden Nagetiers zu ---.
(Plötzlich ein Aussetzer im Angezeigten, weil: Zuletzt hatten die Bücher an solchen Stelle oft stark Brüno’sch geschwanzigelt, waren abgegolten, abgedingst, abgeglitzert, abge---, verdammt! abgeschleff, nein: abgegolden.)

„Danke.“
„Keine Ursache.“
„Wollt mich bloß ma für bedenken.“
„Eine Rede nicht des Werts.“
„Die Ursache gibt’s aber. Mit der Kälte nimmt die Ursache zu.“
„Oh Mann! Bist du panisch.“

Holger Schweighofer. Der. War wirklich wahr gewesen! Anklammerer Holger. Der falsch parfümierte, scharwetzende, aufnuckelnde, drüglich kichernde Tunte, der es auf ihn ...

Nein, bis ganz zum Ende würde er das gar nicht denken! Nicht er würde eher homophil werfen, homophob, matschinistisch, machiawellsch, rachischisch! Waren wir unter den Kinder Gottes, nicht, wie wir hier standen, sanken und stanken? (Es war zum Glück eine Ratte, ein Nager und kein Neger. Schwarze hätte Carstens Nachbarschaft akzeptiert und tolerierte die seltsamsten Grillgerüchte, aber keine Neger! Was nicht ging, ging nicht, so, aus jetzt.)

Rasch zog Helmut, Hein, Harald, der Daus, Holger Schweighofer, mithin jener Blauwuschel aus Anklam, das T-Shirt vom spillerigen Spargelleib, platzierte es auf der wie kauernd sacht vor sich hin kauenden Ratte, schlug weich, anfangs erst, insistierend öfter - mit einem umgedrehten Handfeger aufs hochgewellte Hemdlein. „World Series“ oder irgendso Käse stand über dem Blutfleck. Carsten Schweiger hatte nie nachgelesen. So viel Zeit musste nicht sein. Holger (Schweighofer aus Anklam, für die, die Klammern anbrauchen) trug inzwischen einen sparsam bekleisterten Slip, oben rum war er nackt und ausgezogen, allerdings mager, knochig bis haarlos, weiterhin unfreundlich fleischfrei, vegan. Wie ein Häuflein Elend ihm seine Brustwarzen. (Oder diese noch nicht.)
Vielmehr: Wie drei Häufchen Spitzmauspampel.

„Hey, hast du Kehrschaufel?“
„Was Kehraus?“
„Schaufffl! Eine letzte Schaufel fürs ruchlose Rattergesicht.“
„Im Flurschrank. (Oder hieß es Beislkammerl?) Vermutlich, weiß nicht...“

Schweighofer drückte das Tuch und die drunter findliche Rattensperson auf dem Laminatboden in Carsten Schweigers Küche. Quiekend, aber kurz, schnürten Holgers anklammernde Atemzüge über den Korridor. Schon stand er mit einer großen, ausladenden, schweren, fränkischen Schweineschaufel hellwach unter speerbreit geöffneter Türluke. Es war fünf Uhr nachmittags geworden. Hübsch fiel Sonnenlicht ins geräumige Zimmerergehäuse. Und Achill Schweighofer versicherte Carsten: „Carsten, ich helfe.“ („Dir werde ich helfen“, wollte Carsten Schweiger schreien, entsetzt vor so viel Aufträchtigkeit und Anklammern.)

Rasch ratschte er seine knappen Schuhe vom Leibe, barfuß rannte die Treppe er rab, riegelte die Haustür ent, die schwere Schaufel riss am knabenhaften Leib Schweighofer sich hin, keine Sekunde rastete Holger, raste querüber den Rasen, rollte den Sprinklern und UV-Lichtstäben geschickt durchunter und rugelte (sudetendeutsch für „kullerte“) ins Nachbarhaus mit der Haustüre, die zum Glück nicht verkühlt, noch verregnet war.

17.02 Uhr war es jetzt geworden. Vor zwei Stunden war der Tag als ein weiterer gewöhnlicher Tag aus Carstens schweigendem Dasein immer noch denkbar wie auch recht dankbar gewesen. Auf Gut wie Böse schien die Sonne. Schräger fielen ihre Stahlen.

„Oh Mann“, sagte Carsten. Verzweifelt.
„Am Arsch“, sagte er.
Unter Shirttuch und aufragendem Handfeger begann es süß zu wichteln und zu fiepen.
„Die Fortschritt!“, sagte Schweighofer. (Oder in etwa.)

Nach erneut einigen Minuten des Verschwindens war Carstens Ritter wieder da. Ratternd hob er den feistesten aller Flurfeger auf, hieb aufs signalgefärbte Leibchen, somit auch die Maus. (Die Ratte, die Maus, welche eine Ratte war. Kann vorkommen. „Keine Ursache.“) Trieb den Bestandteil ihr in ---, was er als Schwuler ---. Man kann an so einer Stelle des Geschehens kaum schreiben: „Es bereute ihm Vergnügen.“ Rot suckelte ins weiße Baumrind, Baumwölle, schuldlose Frucht des Webstuhls. Hektisch wurde Haralds Husten. Hektor Schweighofer fing zu kneifen an, kneuchen und verschmitzte dann.

Vetter als gedacht war die Sau, die Butte, die Ratte. Noch Tage sprechen konnten sie drüber. Oder in die Mülleimer einer Nachbarin stippen. Frau Susi Partitur.
„Alles erledigt.“
Schweiger sank an Schweighofers eherne Brust.
(Obwohl Schweighofer die Arbeit getan hatte. Da sieht man, was sich vom Erzähler angehammelte Protagonisten alles rausnehmen.)

Der Rest war Schweifen.
Carsten riss sich seine klebrigen Loden entsammen!
Schräg und schlock geträumt eben. Schwachsinn in vollster Bedeutung!

Schweiß trocknete auf Carsten Schweigers Stirnenglatze. Alles musste am Ende so beruhen, dass Carsten in jener Heimlich-Volkshochschule Bielefeld letzten Sommers seinen Krusing Kreative Schreien fett beendet, abgeschlossen mit Laude, zertifiziertem Texteworking.

„Eine Rübe!“, röhrte er. Panisch, punisch, Punica. Eine lebende Rübe in seiner, Carsten Schweigers, keimfreier Kücheneinstellung! Mit präzisem Satze setzte Catsten auf die andere Seite vom Küchentuch, zertrat alles Geschmeiß unter sich. Was sollte ein ekler Matthias Schwachmeyer ihm! Er riet sich selbst.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise