T 188: Arbeitszeitausgleich

von Klaus Mattes
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>> Wenn ich Zeit hätte ...
> Welches Schicksal hat dich ereilt? Therapie seitens des uneinsichtigen Amtes?
Den Ärger darüber, dass du meine längeren Mails so flüchtig liest, verklemme ich mir. Bei Frau Rot habe ich gekündigt, auf den 30. September, mit Monatsfrist. Mit Ämtern habe ich einstweilen noch gar nichts zu schaffen. Das kommt im Oktober.

Aber ich hatte mehr Sommerurlaub genommen, als mir mittlerweile zusteht. Rot, die mir im Gefolge eines schicksalsschweren Gesprächs auf den Weg mitgegeben hatte, ich sollte die Arbeitstage nicht immer auf die Minute nachrechnen und nicht etwa glauben, ich würde für den Chef arbeiten, sondern für die „Karriere“ würde ich arbeiten (wörtliches Zitat, mit Mitte vierzig begann eine „Karriere“ als Buchhändler), rechnet ihrerseits jetzt äußerst pingelig nach.

Ich hatte ihr erzählt, dass sie von mir, beispielsweise weil der Boden aufgewischt werden muss, wenn sie mich um 18.30 Uhr statt 18.10 Uhr gehen lässt, zwanzig Minuten mehr an Arbeitszeit hat, bei mir dieselbe Sache allerdings einen um 45 Minuten verlängerten Arbeitstag bedeutet, weil ich den Bus nicht mehr kriege, zum Bahnhof laufen und dort dann noch warten muss. Mein Vertrag geht über vierzig Wochenstunden, fünf Tage in einer Woche. Um 18 Uhr sind meine vierzig Stunden täglich zu Ende. Ihr Laden schließt aber doch erst um halb sieben. Die Putzfrau ist dann weg, ihre geringfügigen Damen sind auch weg, allenfalls Olaf Steller ist noch da, wenn er nicht Berufsschule oder Urlaub hat oder seinen Überstundenberg abfeiern darf. Nur sie und ich sind also noch da. Da muss sie nachher „die Wägen“ reinholen, wenn sie mich vorher gehen lässt.

Dass ich bis 18.10 Uhr zu bleiben hätte, was zum Bus perfekt passt, lag daran, dass sie mir die Zeit in Rechnung stellte, die fürs Rauchen drauf geht. Kaum mehr als zwei am Tag, mehr ist nicht drin. Mit anderen Worten sind diese zehn Minuten durchaus nicht großzügig gerechnet. Jetzt hat sie mir das Rauchen während der Arbeitszeit aber komplett verboten, weil das in Brettheim nämlich nur vor dem Schaufenster geht. Da hat sich eine Kundin gemeldet, das würde nicht so schön aussehen, wenn dort dieser Mann steht und raucht. Also muss sie mich seither um 18 Uhr gehen lassen. Außer, wenn Dringendes anfällt wie Putzen, weil die stundenweise einbestellte Putze des Tags nicht verfügbar gewesen war.

Meinen zu zeitig abgefeierten Urlaub hat sie nachgerechnet und weiß, wie viel Tage sie zurückbekommen kann. Das wäre nun an sich auf die Samstage umzuverteilen. Aber genügend Samstage stehen nicht mehr zur Verfügung, also hindert sie mich jeweils um 18.10 Uhr am Weg zur Bushaltestelle. Sonst vergrößert sie ja noch selbst ihr kleines Zeitminus!

Jetzo gib fein Acht! In meinem Arbeitsvertrag stehen 30 Urlaubstage drin. Das müsse man sich unter Voraussetzung der im Buchhandel - aus historischen Gründen - an sich gängigen 6-Tage-Woche denken. 30 Tage Urlaub würden heißen, dass man jedes Jahr fünf Wochen Urlaub hat. Die einzelne Woche halt mit immer sechs Tagen angesetzt. Ich allerdings würde doch gar keine 6-Tage-Woche arbeiten, ich hätte von Anfang meine 5-Tage-Woche gehabt!

Was nun bedeute, dass ich, als ich im Sommer mir 15 Tage nahm, eigentlich ja 18 Arbeitstage in Anspruch genommen hätte. Die drei Wochen, die ich gehabt hätte, wären ja das Äquivalent von drei traditionellen Buchhandelsarbeitswochen. Einem halben Jahr Arbeit müssten zweieinhalb Buchhändlerurlaubswochen entsprechen, jedoch wäre ich kein vollständiges halbes Jahr bei ihr gewesen, wo die ersten beiden Monate doch ein Praktikum mit mir als Arbeitslosem des Arbeitsamts gewesen wären. Dafür könne ich keinen Urlaub heischen. In Wahrheit, nämlich nach dem unterzeichneten Arbeitsvertrag hätte ich vier Monate geschafft und dafür stehe mir, wie doch vier Monate ein Drittel eines Jahres darstellen, ein Drittel von den fünf Buchhändlerurlaubswochen zu. Auf die Woche sechs Arbeitstage gerechnet, versteht sich. Somit hätte ich Ansprüche auf nicht ganz zehn Tage erarbeitet, tatsächlich aber 18 genommen, die drei Urlaubswochen, die ich gehabt hatte, zu je - theoretischen - 6 Tagen gerechnet. Sie müsse, bevor ich ginge, noch Zeit von acht Arbeitstagen, mithin 64 Arbeitsstunden zurückerhalten!

Es war dermaßen lachhaft, dass sie dieses Vorhaben schließlich wieder zurücknehmen musste. Dagegen ist sie damit durchgekommen, meine Urlaubsberechnung erst ab dem 10. Juni anzufangen. Wie sie noch gedacht hat, ich könnte es mit ihr zwei Jahre aushalten, hatte sie mir versprochen gehabt, die Urlaubsrechnung würde sie dann kulanterweise schon mit dem 1. Juni beginnen lassen. Ich verkniff mir nun nicht, ihr genau dieses laut vorzuhalten. Sie überhörte es mit üblicher Unansprechbarkeit.

Resultat also: 40 Stunden müssen zurückgearbeitet werden. 26 Stunden sind davon inzwischen weg. Wegen der drei Sechstagewochen im August und dem Schulbuchauftrag. Mit jeweils fünf Stunden Sulzbach hole ich an den kommenden zwei Wochenenden das Gros dann noch herein. (Anlässlich jener Sechstagewochen im August bin ich jeweils beim Lesen auf dem Bett samstagnachmittags eingenickt.)

> Vor Wochen war ich oberhalb vom Füllmenbacher Hof. Ein Fleckchen, wo ich mich frage, wieso kann ich nicht für alle Zeit sitzen bleiben?
Für den GOC habe ich die eigentlich mal fürs Frühjahr vorgesehene Wanderung nach Dinkelsbühl bei sehr schönem Wetter durchgezogen. Der schon erwähnte 20-km-Marsch mit Blasen. Der vordere Teil von der linken Sohle war eine einzige Blase. Da trat zu Tage, dass die Sohlen dieser Billig-Wanderschuhe eine Katastrophe sind. Im November steht dann eine Stromberg-Wanderung an. Neue Planung im Waisenhaus war am Freitag, habe per E-Mail dran teilgenommen, da ich in Sulzbach Dienst tat.

Kollegin Britta Tietze-Kellein hatte am Freitagmorgen in Sulzbach 50 Euro umgesetzt. Ich am Nachmittag dann 300. Nonstop war was los, weil Mütter Schultütenbüchlein für ihre einzuschulenden Erstklässler kauften. In weiser Voraussicht waren die von der guten Frau Rot reichlich vorbestellt worden. Vor Weihnachten will sie in Sulzbach Tagesumsätze von 500 Euro erreichen. Ein einziges Mal ist so etwas schon vorgekommen. Beim eben erwähnten 300-Euro-Umsatz an einem einzigen Nachmittag waren fast ständig Kunden im Laden, sodass ich nicht dazu kam, in den Hof zu gehen und meine, mir untersagten Zigaretten zu rauchen. In Sulzbach wurden mir die Zigaretten nämlich ja verboten, weil der Bioladen daneben ist. Dass der Bioladenbesitzer selbst zwar raucht, belastet ihn augenscheinlich nicht, die gute Rot als Pachtherrin aber sehr.

Dauerkundenbetrieb bringt mich in die höchste Pein. Wie immer hatte die Rot mir massig Verwaltungsarbeit mitgegeben. In der Mittagspause schleppe ich diese Ordner dreizehn Minuten Fußweg vom Bahnhof runter - oder halt rauf, falls ich Vormittagsdienst hatte. Rot hat es genau drauf, jeweils so viel mitzugeben, dass man es in einer Schicht mit Ach und Krach gerade packen kann. Falls einen keine Kunden stören! Ich konnte nichts erledigen, es waren immer welche da. Morgen wird sie mir sagen: „Sie müssen noch lernen, sich ihre Ziele zu stecken und sie in der richtigen Zeit zu erreichen.“

Wir Buchhändler können uns nicht rausnehmen, irgendwann einmal, wenn unser dörflich gelegener Laden eben mal leer ist, uns ein Buch aus den Regalen zu holen und auch nur zwei Minuten darin zu lesen. Diese Zeit gibt’s nicht in unserem Metier.

Rolf

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