T 164: Die goldene Aue

von Klaus Mattes
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Hallo Thomas,
> schamROTze Homepage
Die macht Rots Mann. Wolfgang Heerdt. Sind ja verheiratet. Mit unterschiedlichen Namen und er ein großer Hobbybastler. Herr Heerdt, der in die Buchhandlung kommen muss, wenn Bankgeschäfte online erledigt werden sollen. Rot, Menschin ihres Geistes, hat das Vorrecht, mit Computern nicht klarzukommen. Bis kürzlich erst arbeitete Herr Heerdt als Buchhalter bei einer Fabrik für Lichtbögen oder so Zeug mit Alarmanlagen oder Überwachungen. Die ist nun pleite. Bald fängt er in Winterhauch Neues an. Was, weiß ich nicht. (Sänftenschleppen für gipfelgeile Mätrissen?)

Gab ihnen zu Protokoll, dass ich seine Site top gelungen finde. Diverse Texte sind dort drauf auch von mir. Wie bei Ralations Advance: Nie schreiben, was man gern möchte, nur immer, von dem man meint, ihrem verblendeten Geschmack könnte das passend scheinen. Schule einer Seelenreflexmassage. Habe Bücher vorgestellt, die ich nicht mal ihrem Titel nach kannte. Die meisten Texte zu meinen Lieblingsbüchern sind übernommene von KNOe. (Und dabei gar keine schlechten.)

> Rot dorfweibchenmäßig.
Ja, ja, so sieht man diese Frau zuerst. Das ist Teil des Erfolges. Stell sie dir als Spross einer schuhsohlenzähen Ostalbsippe vor. Das seltsame Kraushaar hat sie nun mal. Wahrscheinlich ist der Mohr Peter des Großen dort mal abgestiegen. Vor zwei Jahren soll es, das Haar, noch schwarz gewesen sein, dann kamen Tage ihres Kummers. Dennoch ein immerdar beglücktes, irgendwie idiotisch scheinendes Grinsen in der Gosch und dieses leise, milde Stimmchen, ihr fahriges Geplauder, ihre anstellige Bemühtheit, die absolute Unmöglichkeit, jemals laut oder gar mörderisch zu werden! Das werden ja nur die Leute, mit denen sie zu tun hat und die sie fortwährend maßregelt, arrangiert und erzieht. Eine Fau, die nicht erträgt, wenn eine Sekunde mal nichts geschieht nach ihrem Willen, wenn nichts übrigbleibt, es weiter anzuleiten, wenn die Menschheit nicht zu höherer Humanität gehoben werden muss per Erziehung. Milde und unbelehrbar wird sie nörgeln. Unvorbereitet wird sie rabiat, tückisch, stinkig, dass es dir wehtut. Und immer weiter so süß und leis in der Versponnenheit.

Dorfweibchen, aber nicht so, wie es einst war, vielmehr up to date. Bauern oder Handwerker haben in Rots Reich nichts verloren. Brettheim (12.000 Einwohner) liegt am Eingang einer breit gelagerten Talschaft. Obwohl doch nur unweit von Heiligbrunnen, bildet das seine eigene Welt des Wohlgefallens. Totenstill ist Brettheim eine Kapitale der Welt. Selbst ich, der ich zuvor mich zehn Jahre aufhielt im Abstand nur weniger Kilometer, wusste dieses nicht. Du fuhrst ja mal durch. Das sah aus wie ein halbwegs nettes Kaff. Blumbach (9.000 Einwohner) folgt nach, ein Zusammenschluss von an die zwanzig Dörflein, von welchen Sulzbach bei Weitem das größte ist. Also nicht von ungefähr mit der einzigen Buchhandlung versehen. Allerhand Kakteen, Agaven und Gerippe umstehen das schöne Fleckchen.

Vergegenwärtige dir nun die Schulen und all diese Grundschullehrerinnen, die Kindergartenerzieherinnen, Konventikel lutherischer Pastoralzyklose, Chöre, madrigale, barocke und com-harmonistische Liedertafeln, kleine Büchereien in diesen zwei nachbarschaftlichen Metropolen, denk noch an die Psychotherapeuten wie Fußnägelverschönerinnen, vergegenwärtige heilende Heime für Schwererziehbare, Epileptiker, Mukovizidose-Kranke, eine Korrektionsanstalt für Straßenstricher und Totschlagsräuber sowie die der Onanieabhängigen. Sieben kleine grüne Hügelein sind dort gereihet und decken sie ab vor der Sicht Durchreichsender. Jetzt denk noch die Laienautorinnen dazu und vor allem auch den steuerberatenden Beruf! Was alles in goldener Aue nach einem guten Buch sich drängt!

Damen, die auf sich halten, weil sie Dorothee Sölle und Luise Rinser (Rots liebste Lieblingsautorin nebenst Pippa Momo Lindgren) kennen oder zumindest Henning Mankell und dessen Perspektive auf die Nöte portugiesisch Afrikens. Hochzeitsoratorien werden georgelt vom lokalen Hofkomponisten, Jungfernkränzchen führen den Goldoni oder Marivaux im Garten der Villa Schlitz auf. Heimatforschende Lehrer lesen aus eigenen gesammelten Werken. Lebenskluge Omas stellen in der Sparkasse aus, andere verticken ihre auf Büttenpapier signierten Gedichtbüchlein. Ausschließlich auf Anfrage bester Freundinnen nimmt Buchhandlung Magalie Rot dergleichen in ihre Kommission. Ohne Rot, Rast und Ruh wird Kunst und Kultur ausgeschüttet am klaren Bach. Und die Rot-Heerdts mischen mit: „Das sind Freunde von uns.“

Freunde (im Benno’schen Sinne) haben Rot und Heerdt zwar keine. Sie kennen jedoch den Gott und die Welt und müssen sich, damit ihr Laden läuft, bei jeglicher Brunnenputzet zeigen. Irgendwie hat Helmut vom GOC diese Rot sogar auch schon kennen gelernt und hat sie (selbstverständlich) als sehr, höchst sympathische Person in seiner Erinnerung behalten. Oder es ist eher Heerdt gewesen, Herr der stillen Hintergründe, den es Helmuts respektabler Sammlung beidseits bespielbarer Viole d’amore einzugesellen galt. Man muss sich immer so manches frei ausdenken, was nie ausgesprochen wurde.

Sollte es nach meiner Lehrzeit je kommen, dass es mich nicht täglich müde und fertig macht, wird es mich eines Tages dann anöden und ewig langweilen. Kisten auspacken, Listen abstreichen, Nettopreise addieren, Müttern Bilderbücher ans Herz legen, die man nicht kennt. Was soll schön sein daran? Frau Magalie Rot: „Wenn‘s mir ums Geld ginge, könnte ich nicht 70 Stunden hier stehen, dieses Jahr wieder ganz ohne Urlaub. Das nenne ich meine Vision. Für seine Vision muss man arbeiten.“ Sie weist zum Regal mit Esoterik-, Engel-, Mond-, Heilstein-, Trost-, Psycho-Fibeln, die mir zwar ja am Arsch vorbeigehen. „Das ist mein Rückhalt.“ Übrigens wird von der Vision nicht viel verkauft. Kinderbücher stecken es locker in den Sack.

> Dänen-Ambiente.
Heerdt war mal Ladenbauer von Beruf. Der hat ihre Ladeneinrichtung gezimmert. Diese zwei Menschen sind doch alle beide so Bastler. Kenne unterdessen ihr Privathaus. Hat Toplage. Innen sieht’s aus, wie sich Flmausstatter die Behausung von Ommmmmmhs und Müslis ausmalen. Durchwaltet vom klaren Geiste. „Ach, wie reizend!“, wimmern drum die Damen. „Was für Kitsch!“, verschlucken die Ehemänner sich.

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