T 205: Billard in der Westentasche

von Klaus Mattes
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Hallo,
> Es ist lang. Hab’s gespeichert.
Och, na ja. In dieser Blocksatzfassung ist mein „Ahoj“ momentan 36 Seiten lang. Im Vulcano, ganz enger Satz, waren es einst neun Seiten. So extrem viel ist das nicht. Nicht mehr lesen brauchst du die Fassung von vor einigen Wochen. Die ist obsolet. Auch die jetzige Fassung ist noch nicht das letzte Wort, kommt ihm allerdings nahe. Nicht mehr aufheben brauchst du, was als „Sauber eingewickelt“ (kurz: „Saubein“) verschickt worden war. Das kam von den verstreuten Einzelseiten dessen, was 1997 getippt worden war, mir 1999 beim Software-Crash dann verloren ging, später noch mal erfasst wurde von Papier.

„Ahoj“ ist ein nicht geringer Teil von dem Material gewesen. Es kam noch jener „Vulcano“-Artikel übers „Constriction“ hinzu, „Zu viel gar nichts“ heißt der jetzt. Aus meiner Ich-Reportage wollte ich eine Figuren-Geschichte machen. „Thomas ging, er nahm, sie sahen usw.“ Knut aus der Praggeschichte, welcher der ominöse Schwarze Sheriff (Kurti) ist, tritt dabei ebenfalls auf. Dazu das Ding über den Park in Freiburg, das du gelesen hast. Sowie meine Kanzler-Bolg-Geschichte, die du ja auch kennst. Von 1997 noch einige Texte, die nicht viel taugen. Einen habe ich gelöscht, weil nur eine Seite noch greifbar war. Und zuletzt die für den „Queer Text Contest“ angedachte Knabenstory, das „Schleifchen“, später wurde daraus „Feld ohne Bälle“, jetzt heißt sie schon wieder anders.

Seit Monaten mein nachlässig verfolgtes Vorhaben, alles so fit zu kriegen, dass es als Buch laufen kann. Diese Texte wollte ich dir immer einzeln später noch mal mailen, wenn sie ganz fertig sind. Nur „Constriction“ und „Ahoj“ sind so lang. Und die werden nie fertig. Ich bin jedes Mal entsetzt, wenn ich wieder irgendwo einsteige.

Als ich meine Texte für „Die Lebenslinie“ schrieb, glaubte ich noch, in Deutschland habe noch nie zuvor jemand so was gemacht. Las seither „Remeurs Sünden“ des FAZ-Reisejournalisten Hans Scherer (falls dieser Name korrekt ist), lese gerade die „Farewell Symphony“ von Edmund White, die Fortsetzung der dir empfohlenen „Selbstbildnis eines jungen Mannes“ und „Das schöne Zimmer ist leer“. Scherer, der ein tolles Schwulenleben hatte, da er von Berufs wegen um die Welt jetten durfte, dabei recht gut verdiente, als „Künstler“ auftreten konnte und in seinen späteren Jahren, als er sich für immer jüngere Partner zu begeistern begann, keinerlei Bedenken hatte, sich Jungs unter den Strichern zu suchen, scheint sein Erlebtes eins zu eins abzuliefern, tut nur diese Figur des Remeur noch hinzu.

Sowohl bei ihm wie beim älteren White mein Eindruck: Die wollen angeben, wie viel und wie obergeil sie gevögelt haben. Sie gehen davon aus, dass ihr Leben toll war, weil sie sehr viel gevögelt haben. Da springt der Funke nicht über. Gut, sollen die ihren Spaß gehabt haben, aber warum sollte ich Sextagebücher lesen wollen von irgendwem? Das ließ mich am Konzept meiner „Lebenslinie“ dann ziemlich zweifeln.

Erhellend, dass sowohl Mannztoll (Köln) wie Peter Heinrichs (Freiburg), denen ich es geschickt hatte, sich nur zu den Inhalten der Texte und zu einigen Figuren äußerten. Über die Sprache kein Wort. Es geht nicht, Autor sein von einem Buch, das dem Leser vorführt, da will jemand sein eigenes Buch haben, wirklich schreiben kann er nicht. Jener Oberösterreicher, der „Schmuddelkind“ geschrieben hat, dieser erwähnte Rentner, der hat die Kosten dem Verlag bezahlt und die bisexuellen Jugenderinnerungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit als Buch herausgebracht. Da macht aber niemand gescheite Öffentlichkeitsarbeit für das Buch. Nach drei Jahren wird es vergessen sein. Niemand wird sich noch mal darauf besinnen.

>> „kennen wie Hosentasche“
Der Punkt ist, dass bei einer Werbeagentur - ich fürchte, es ist überall so - die Nitwits, die „keine zwei geraden Sätze“ (Henscheid) texten können, glauben, den „Kreativen“ ständig unter die Arme greifen zu sollen. Aus mehr oder weniger frei imaginierten Gründen. Das hat mich, der ich zum Überkochen schon auch neige, bei Relations Advance genervt ohne Ende.

Falls ich mich an den Film „Sie küssten und sie schlugen ihn“ („Les 400 coups“) von Frangswa Trüffoh richtig erinnere, war Antoine Doinel, der Heimzögling, stolz drauf, der Junge mit dem Loch in seiner Hosentasche zu sein. Er spielte „Taschenbillard“. Ich habe das in meiner Jugend nie getan. Ich habe unter der Schulbank nicht onaniert, was angeblich so selten gar nicht vorkommen soll.

Ubena eröffnet für die professionellen Köche eine Website. Damit sie sich zurechtfinden, gibt‘s darauf einen Koch Paul, der führt den User herum auf der Site. Köche-Service wie auch die Paule-Figur hast du mit deinem Text zu verklickern. „Web-Chef Paul kennt die Site wie seine Hosentasche.“ Dann gehst du in den Urlaub. Es scheint dir ein unschuldiger Satz zu sein. In Abwesenheit des Texters kommen der Kontakterin Michelle wie auch dem Chef Siggi Zweifel, jemand könnte dran Anstoß nehmen, wenn Paul sich mit seiner Hosentasche befasst. Also machen sie „Westentasche“ daraus. Alle großen Küchenchefs sind für die weiße Weste bekannt.

>> Vier Vorschläge im Quartal, Sozialarbeiterisches.
> Altenpflege? Deutschkurs? Jugend?
Eigentlich hatte ich schwer Erziehbare im Kopf, Hausaufgabenbetreuung und das Einrichten einer Jugendzentrum-Außenstelle im „sozialen Brennpunkt“. So was haben wir nämlich auch. Bald sind wir Großstadt. Du hast Recht, einmal sollte ich mich auch im Seniorenstift vorstellen. Verschickt wurde eine Deutschkurslehrerbewerbung bis Bühl. Von dort kamen meine Unterlagen dann aber nie zurück.

>> Wenn du kündigen willst ...
> Wann steht ein Lagerarbeiter auf?
Das werden wir dann sehen.
Obwohl ich noch nie Frühaufsteher und Morgenmensch gewesen bin, ist nicht dieses frühe Aufstehen das Problem. Als Briefträger bin ich um 4 Uhr aufgestanden. Das Problem fängt an, wenn ich dann erst um 18 Uhr vom Arbeitstag wieder zurück bin oder wenn ich für eine Rothandlung um 7 Uhr aufstehe und erst kurz vor 20 Uhr wieder zurück bin. Das Problem ist, dass ich in den verbleibenden drei Stunden des Tages bei Waschen, Bügeln, Putzen oder was ich zu tun habe, mein Leben nicht finde.

Bei Kleff im Arbeitsamt lief es heute auch wieder so, ja schlimmer noch. Man ist ihnen egal. Man ist der Fall. Der Fall muss funktionieren. Es interessiert nicht, was der Fall kann oder was der Fall aus seinem Leben machen will. Interessiert nicht, warum der Fall gekündigt hat. Als sie zwei Sätze gehört hatte, wusste Frau Kleff ihre griffige Erklärung: „Gekündigt, weil er Überstunden machen musste.“

Sie hatte den Bericht von Frau Jungmann von AQF auf dem Tisch und meinte, auch sie denke, dass ich am ehesten eine ungelernte Tätigkeit finden kann. Hat angekündigt, eine Personalagentur, Zeitarbeit oder dergleichen werde sich bei mir melden. Sie, Frau Kleff, hat funktioniert, sie hat mich weiter vermittelt woandershin.

>> Doderer beim Katzenbeißer-Beißen?
> Der Herr spricht in Rätseln.
Lauffen am Neckar ist berühmt dafür, dass das erste Flusskraftwerk mit einer Überlandleitung bis Frankfurt sich dort befand. Außerdem hat es einen Rotwein namens „Katzenbeißer“. Für die Weinbeißer unter uns. Was verschlug Dodi al Fayed bloß dorthin?

> Weißt du es aus Rot’schen Zeiten?
Die Rot liebt es, viele Bücher beim Vertreter zu bestellen. Die Vertreter angesehener belletristischer Verlage fürs Feuilleton wurden im Laden aber nie erspäht. Sie liebt das Bestellen bei Vertretern (Bertelsmann oder Fischer), weil es dann etwas mehr Buchhändler-Rabatt gibt und der Cent ihr heilig ist.

Anlässlich der Vertreterbesuche durchforscht der Auszubildende den Bestand nach Titeln, die schon länger als zehn Monate im Laden sind, damit die dann remittiert werden. Vom Auszubildenden also in Päckle verpackt, die auf Rots klappriger Küchenwaage abgewogen werden. Vom Auszubildenden, weil wir es doch nicht glauben wollen, was KNOe für uns dann beim Empfang wöge. (Wiegen, für welches KNOe sich ebenfalls noch paar Cent abziehen darf.)

Steht in meinem Arbeitszeugnis, dass ich „gute Titelkenntnis“ habe. Weil ich den Titel „Schwul, na und?“ kannte und wusste, dass „Wilder Ritt durch die Nacht“ von einem Walter Moers stammt und dass im Buch Bilder von Gustave Doré sind. Weil ich Jakob Arjouni zu den Krimis sortiert habe. (Dabei kürzlich in Basel erstaunt festgestellt, dass es irgendwann einen chinesischen Nobelpreisträger namens Gao Xingjian gegeben hat.)

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Interne Verweise

Kommentare

27. Jul 2018

Ja, im Jahr 2000. Es hat mich interessiert - und weil ich ihn nicht im Buch "Ruhm und Ehre" fand, das nur bis 1970 reicht, habe ich ihn gegoogelt. Sein wohl bekanntestes Werk: "Das Buch eines einsamen Menschen" berichtet von der Kulturrevolution in China und ihren schrecklichen und grausamen Folgen für den einzelnen Menschen.

LG Annelie