Reuenthal c - Hilfe, wenn man sie braucht

von Klaus Mattes
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Wie so oft, wenn er, wie jetzt mal wieder, schon früh am Nachmittag durch die Fußgängerzone tigert, denkt der Mann, wie viele Jungen es in dieser Stadt gibt, auf der ganzen Welt eigentlich.

Sie fahren auf Rädern, mit Rollschuhen hängt einer am Gepäckträger, lässt sich schleppen. Sie stapfen drei Mann hoch, rauchen Zigaretten, tragen ihre Goldketten, tun Gel ins Haar, lassen Parfüm verduften. Haben eine Stofftasche dabei, aus welcher Stangensellerie aufragt, winken „Hi Andi!“ Tragen Kopfhörer. Die sehen dich nicht, wenn du sie siehst. Sie kommen mit Skateboards auf ihrer Schulter, Sommer-Stoffhüten, wie Papa noch hatte, aber auch Ray-Ban-Sonnenbrillen. Stupsen sich vor die Knabenbrüste. Übergroße Halbarmhemden, hellbraune Hosen mit weißen Nähten oder aus Cord sogar und die funkelnden Sportzanzüge. Seltenst Blue Jeans, wie der Mann seine immer, niemals kurze Hosen, wie im Park die sommerlichen Klappergreise doch allemal. Manche Jungen haben einfach nichts an, also oberhalb ihrer Bermudas. Piercing-Ring in einer Brustwarze, wobei das die schwulen Männer vor ihnen hatten.

Peter tut, was er sich nie genehmigt, geht ins Café. Das Café ist im Nebenraum von einer Bäckerei. Obwohl oder weil es wunderschön ist, ist es ohne Gäste. Gibt kein zweites so in Reuenthal, rein gar nichts ist schick, dunkel vertäfelter Raum, Möbel der fünfziger Jahre, keine Espressomaschine, keine Niedrigvolt-Birnchen. Soweit der Mann weiß, pflegen Handwerker und Omas hier drin zu tagen.
Der Mann bestellt ein Stück gedeckten Apfelkuchen und ein Kännchen Kaffee.

Es gibt auch schwule Jungs. Die sehen nicht anders aus wie die dort. Ein paar von ihnen stehen auf Ältere. Aber ich kriege niemals einen. Wenn ich in den Park gehe, steht das bucklicht Männlein dort. Geh ich ins Schwimmbad oder auf die Klappe, steht das bucklicht Männlein auch da und natürlich wichst es sich einladend einen ab. Und in der Kneipe, drin im Batsch, sind die bucklichten Männchen alle versammelt und sie klagen, dass nur Alte noch drin sind. Ist aber mal ein Junger in der Kneipe, sind das die Schlampen. Wenn er keine Schlampe ist, knutscht er die ganze Zeit mit der jungen Schlampe. Die junge Schlampe sagt ihm, dass das bucklicht Männchen ich wäre und die Sau.

Junge Schwule haben sowieso ‘ne Macke, das weiß der Mann schon, weil er war selbst einer. Wahrscheinlich kann man leichter Heteros rumkriegen wie ahndungsschwangere Jungschwuchteln. Ich will doch nie was Böses. Ich will sie anschauen, brennen, trunken vor Schönheit, ich will sie entkleiden und baden in meinen heißen Küssen auf ihren Rosenleib. Welcher Gott wurde je durch Anbetung entweiht?

Es gibt Tage, da folgt ein Unglück dem andern - und dann wieder Tage, da hat man ein Glück, das man nicht verdient. Einer davon ist jetzt.

Ein blonder Mann, Quatsch doch, junger Mann, ein Junge natürlich, von nämlich neunzehn Jahren, betritt die kleine Bäckerei und er will was kaufen.
Er will Vollkornbrot. Die Bäckersfrau, eine olle Schachtel von um die Sechzig, nimmt sich Zeit, dem gar noch nichts ahnenden Jüngling ihre Körnermischungen, all diese Jogging-, Sechskorn-, Weizenschleim-, Sovital-, Kürbiskraut- und Sonstwie-Brote zu erklären.

Wenn man dann ein schlaksiger, eckiger (ob man darauf oder drunter liegt, dieses Becken wird man spüren), kann sein: grünäugiger, jedenfalls: semmelblonder Junge mit einem Katzengesicht wäre (gescheit ja leider gar nicht, aber voll egal, gescheit, was soll uns das, sind wir selbst ja genug) und man bekäme von hinten, von der Seite ständig Blicke eingebohrt, so würde man das merken, man würde sich leicht drehen und dann säße ich dort und würde stechen.

Ein betagter Herr mit Stirnglatze und Brille, fett lächelnd, weil ich gelernt habe, diese Jungen denken ja nicht, wenn ich so hinschaue, ich würde sie ausziehen und abtasten wie so Gegenstände in einer Auslage, und das mache ich selbstverständlich auch nicht, ich dachte nur die längste Zeit, sie, die Jungen, würden das vielleicht so auffassen, deshalb schnell wegschauen von meinen Augen, aber inzwischen weiß ich, dass diese Jungen eher ein unklares Gefühl haben, ich würde in sie rein tasten können, auf Grund von etwas, was ich in meinem längeren Leben gelernt hätte. In ihnen würde ich ihre Probleme und ihr Ungenügen daliegen sehen, weil die Jungen nämlich nicht begreifen, dass mich diese Probleme relativ wenig beschäftigen und dass mir ihr Genügen schon gesichert erscheint, so gucken würde ich sonst doch längst nicht mehr. Also gucken die Jungs in sochen Momenten auf die Seite und sie ignorieren mich ab da.

Der eckige Semmelblonde, er lächelt warm auf und kehrt jener feisten Bäckersfrau sich wieder zu, welche an diesen Zähnchen und Sommersprösslein sich gütlich tut und seiner wundervollen Unschuld - was halt unsereins Geiervolk der Kürze halber als Unschuld sich auszulegen gewillt ist.

Da stöhnt er auf wie von Schmerz und lässt meine heiße Zunge in seinen ... Nein?
Das tut er nicht, dieser Semmelbube. Er sagt artig „Auf Wiedersehen“ und zischt weg.
„Fräulein! Zahlen bitte!“

Und dann hat der Mann in dieser Nacht auch ganz schnell erfasst, hier ist nichts geboten, hier tut sich nichts, hier ist wieder nichts zu holen.

Vielleicht ist es zu spät geworden für einen von diesen Jungen, Tobi oder Timo. Vielleicht hat es zu viel geregnet. Dieser Junge, Timo oder Tobi, hat sich in eine Kneipe, eine Unterführung oder in eine Baustelle verdrückt. Oder ist mit einem Schwulen geflüchtet, der paar Mark dazu gegeben hat. Manche wickeln es viel schneller ab als der Lehrer.

Komplett ein ganzes erstes Treffen hat es gedauert, damit er merkt, mit dem Tobi ist auch jetzt dann mal wieder nichts. Denn der Tobi hatte ja die zwei anderen Jungen entdeckt, Timo und Micki. Sowieso hat ihn Tobi gar nicht mehr so interessiert. Aber er hat ein volles zweites Treffen gebraucht, bis er wusste, dass Timo ihn jetzt mehr interessiert, weil der so schön und wild und dabei so unglücklich ist. Er hat zugleich gemerkt, dass er Angst vor diesem Timo hat, während er vor Tobi noch nie Angst gehabt hat.

Dort hinten, im sogenannten „unteren“ Park ist üblicherweise nie irgendwas. Dort unten wachsen Büsche spärlich, die Wege laufen quer und stracks zu den Ausgangspforten. Die Lampen sind die ganze Nacht an und hell und man kann von außen im Vorbeigehen hereinsehen. Dort läuft jetzt doch einer - nur durch geht der nicht, sondern hin und wieder her. Jetzt, weil es auch so sein muss, merkt der Mann, dass es der Junge ist, der lockende, ängstigende, der Timo. Aber dieses Mal ist er seit Stunden gefrustet, ganz alleine, durchnässt, ohne Aussicht auf Rettung. Mehr oder weniger so, wie er jetzt auch sein sollte.

Timo hat nicht gesehen, dass einer da ist, obwohl der Mann seinen Schirm aufgespannt gehabt hat. An dieser Stelle könnte der Mann immer noch umdrehen, er könnte draußen sein Rad holen und mit geöffnetem Schirm nach Hause fahren, er könnte noch etwas Deutschlandfunk hören, er könnte zwei Zigaretten rauchen. Zur Abwechslung könnte er es morgen ganz früh am Abend schon angehen lassen. Da müssen welche sein, die kennen ihn nicht, weil die schon weg sind, bis er ankommt.

Falls der Mann zum Jungen jetzt geht, was er ja macht, werden die reden, der Junge wird Zigaretten schnorren und schimpfen, nein, Scheiße, wieder nichts, das arschigdumme Reuenthal, so ein Scheiß-Aprilwetter. Und der Mann raubt ihm noch die letzten Illusionen, es ist doch Donnerstag, Regen, da geschieht niemals etwas. Er weiß das genau, er ist der einzige, der bei diesen verschärften Bedingungen hier verkehrt, er ist der Hausmeister von diesem Park, er ist die Möglichkeit, die dem Jungen immer noch offensteht.

Der Mann rennt jetzt, weil er denkt, der Junge will zu einem von den Toren raus. Der Depp merkt nicht mal, dass einer hinter ihm herrennt. Der merkt das nicht.

Der Mann schnauft also ziemlich.
„Hallo, wieder da?“
Junge, böse: „Hallo.“
„Und war was? Hast du was abgekriegt?“
(Das ist eine Stelle, über die man viel erklären könnte. Weil es die Frage ist, die sich die Schwulen stellen, wenn sie sich anmachen. Und der Junge will ja ein Schwuler nicht sein, das weiß der Peter ja auch. Er will hier nichts abkriegen. Vielmehr will er ein kostenloses Bett abkriegen und ein Frühstück hinterher.)
„Ach Dreck! Hier ist ja nie was.“

„Donnerstag ist ein schlechter Tag, der schlechteste überhaupt, wenn man drüber nachdenkt. Weißt du, wie spät es außerdem ist? Zwei Uhr nachts. Um sechs, halb sieben stehen die auf. Da kommt keiner. Regenwetter, die sind doch alle aus Zucker. Ich zwar bin da, aber das sagt nix weil ...“
Bla blub. Und der Junge lächelt.

Unglaublich, dieser Junge kann lächeln - wie andere Jungen auch. Wer hätte es gedacht?

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