Hock bei der Startrampe O - Auf der Zielgeraden

Bild von Klaus Mattes
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Jemand, der sich uns nie zu erkennen gegeben hat, hat die Startrampe darüber ins Bild gesetzt, dass sie als Quelle dichterischer Inspiration für eine Reihe kleinerer Erzählungen im Internet ausgebeutet worden ist. Ab da ist manches anders geworden.

Zwar liegt der Stand erfolgreicher Vermittlungen so hoch wie vor vier Wochen schon: drei. Es waren Weise, der Diabetes-kranke Koch, der sich vom Call Center Pronto, bei dem die Startrampe so manchen schon untergebracht hatte, begeistert zeigte. Die polnische Montagehelferin, die wieder Fuß fassen konnte in der alten Branche. Und die Putzfrau, die jetzt wieder putzen geht. „Kann sein, man sieht sie auch Gläser abwaschen und sie macht das Bett für jeden. Man gibt ihr ‘nen Euro und sie bedankt sich schnell und für das lumpige Hotel bedankt sie sich auch.“

Kann sein, dass es in Kürze dann vier von den ursprünglich zwölf Teilnehmern sein werden. Frau Brückner hat in ihrem dritten Praktikumsbetrieb einen formidablen Eindruck hinterlassen und es heißt, man werde sie behalten, bei der ambulanten Tagesbetreuung von Demenzkranken an ihren jeweiligen Wohnorten.

Aber den alten Startrampe-Kurs mit seinen zwölf Teilnehmern gibt es nicht mehr, ob diese drei oder vier da sind oder fehlen. Herr Guhse, der lungenkranke Christ aus Sibirien (mit den rudimentären Sprachkenntnissen), ist von den Ärzten „krank für länger“ geschrieben worden, hat auf Befragen dann mitgeteilt, dass er einstweilen vorziehe, unsere Maßnahme abzubrechen, statt, nach vielleicht einer längeren Pause von mehreren Wochen oder Monaten, sie noch mal anzugehen mit einem Tageskonto, das noch mal ab Null gezählt wird.

Das nämlich haben sie mit dem Syrer Sidi gemacht, der seine Familie aus Syrien geholt hatte. Anscheinend, ohne es ihm zu sagen - oder er hat es nicht gleich verstanden. Jedenfalls ist er jetzt sauer und klagt in den Pausen, dass er als Einziger länger bleiben soll. „Ich mag das alles nicht. Das ist so sinnlos“, sagt Sidi. Allerdings kann man es auch so sehen, dass er im Dezember vor allen anderen wegkommt, denn dann wird der Kurs mit Anfängern neu besetzt sein.

Wobei: Vorher hatte man es anders erzählt gehabt. Doch bringt das heute keiner aufs Tapet. Haben sie es denn alle vergessen? Wir, Herr Bross, hatten, als wir von unserer Fallmanagerin in der Jobagentur gefragt wurden, ob wir einverstanden wären, an einem „Kurs“ teilzunehmen (so drückte sie sich aus, die Wörter „Eingliederungstraining“ oder „Vermittlungsmaßnahme“ fielen da nicht), nachgefragt, ob es sich um einen konstanten Teilnehmerkreis handeln werde oder um eine sich immer ändernde Zusammensetzung. Gefragt hatten wir das nicht zufällig, denn fünf Jahre früher waren wir schon einmal arbeitslos gewesen, waren schon mal gebeten worden, an einer Maßnahme von der Startrampe und dort bei Herrn Leiser teilzunehmen. (Bei welcher weitgehend die gleichen Textunterlagen Anwendung fanden wie in diesem Jahr dann wieder. Auch das unterrichtete Muster für Lebensläufe und sogenannte Kernkompetenzprofile war das gleiche gewesen.)

Eines Tages hatte Gehen und Kommen eingesetzt im damaligen Kurs. Sowieso, wie ja hier wieder, waren manche die ganze Zeit dabei, manche dagegen nur an den Vormittagen. Es gab Teilnehmer, die des Hauses verwiesen wurden. Andere waren in ihre jeweiligen Praktika verschwunden, damals waren die Praktika fester Bestandteil dieser Startrampenqualifikation. Manche hatten einige Wochen Praktikum schon hinter sich, sahen das Ende der Maßnahme knapp vor sich, waren nicht in Arbeit zu vermitteln, lungerten in Kursen, bis die letzte Stunde ihres Zeitkontos abgelaufen war. Das Schlimmste aber war, dass keine einzige Woche ging, ohne dass irgendwer frisch vom Anfang in den Kurs hereinkam, all die Präliminarien und Grundlagen immer wieder und wieder abgespielt wurden. Einweisung in die Hausordnung und den persönlichen Unterlagenordner, Liste mit Adressen, bei welchen man sich beworben und vorgestellt hatte, Anlage der Bewerberprofile im Internet-Jobservice, Beantragung und Änderung von Kennwörtern, Einführung in Grundlagen des Windows-Betriebssystems und des Mailens im Net, Feilen an Inhalten, Stil und Form bei Lebenslauf und Motivationsanschreiben. Es lief alles parallel neben dem Gros der Maßnahme und gab Herrn Leiser Gelegenheit, wieder und wieder dasselbe Tagesprogramm abzuspulen, einen frei sich langweilen zu lassen, sofern man halbwegs gut erzogen es dabei auch beließ, sonst eben Hausverbot.

Dieses Durcheinander hatte Herr Bross nicht geschmeckt. Er wollte das jetzt, wenn es um eine freiwillige Zusage ging, vorher wissen, ob das wieder so käme. Frau Henkenhaf war dabei gesessen, hatte im Zimmer der Fallmanagerin auf einem Gästestuhl gesessen und versichert, nein, nein, so laufe es heute nicht mehr. In der Startrampe würden feste Teilnehmerblöcke von zwanzig Leuten für jeweils sechs Monate gefahren. Die blieben zusammen, außer, dass sie ja kleiner würden, wo mit 60 Prozent Vermittlung doch gerechnet werden dürfe.

Und nun, in der rauen Wirklichkeit, sieht es anders aus. Erst war Frau Dajna gekommen, eine kleine Person von Ende dreißig, deren kroatische Wurzeln als Akzent schwach hörbar werden. Frau Dajna ist eine Kauffrau mit einem beruflichen Abschluss, also nicht diese ungelernte Bürohilfskraft wie Frau Schnurr, die Rollstuhlfahrerin. Sie habe, erzählt Frau Dajna, viele, viele Vorstellungsgespräche gehabt. Es zerschlage sich immer wieder, oft in letzter Sekunde erst, und sie könne nicht erklären, woran es liege. Frau Dajna ist Dialysepatientin. Äußerlich ist ihre gesundheitliche Beeinträchtigung nicht zu erkennen. Niemand in der Maßnahme war verwundert, als Frau Henkenhaf sofort versuchte, Frau Dajnas Interesse auf den Telefondienst bei Pronto zu lenken.

Herr Weise war dorthin vermittelt worden. Herr Störk würde sich dort jetzt auch zeigen, nachdem sie ihn bisher immer als Hausmeister einzusetzen geplant hatte, was Herr Störk sich jedoch nie hatte vorstellen können. Er verfüge über keinerlei technische Vorkenntnisse. Frau Henkenhaf hatte es nicht als Problem gesehen. Ein unerbittlich wachsamer und neugieriger Zerberus, der allen Leuten Bescheid sagt, das scheint Frau Henkenhafs Idee von einem Hausmeister zu sein.

Die Dinge bei Pronto stünden für Frau Dajna gut, heißt es. Privat war der vermittelte Herr Weise uns beim Einkauf begegnet und hatte gejubelt. Bei Pronto würden fast nur Frauen zwischen 25 und 35 eingestellt. Wie im Paradies.

Nach Frau Dajna kam Herr Lagarde an, hellblond, mit einem kleinen Sprachfehler und einem großen Faible für die Zockerei im Internet. Ein abgebrochener Metallindustriearbeiter schien er zu sein, den man im Rahmen einer Schnellbleiche den Betreuungsassistentenschein für Demente hatte machen lassen. Insgesamt hatte er fast das gesamte vorige Jahr in derartigen Praktika zugebracht, es auch gemocht, war im letzten Haus mit der Chefin irgendwie aneinander geraten und auf die Straße gesetzt worden. Na, in dem Bereich werde es nicht lange gehen, meinte Herr Lagarde guter Dinge. Schon hatte Frau Henkenhaf ihm eine Adresse hingelegt fürs Praktikum.

Dann waren zwei türkische Männer von etwa Ende vierzig aufgetaucht, Herr Duman und Herr Tassiq. Sie einte, dass sie alle zwei etliche Jahre als ungelernte Hilfen in Lagern gearbeitet hatten, dann wegen gesundheitlicher Beeinträchtigungen die Arbeitsplätze verloren hatten und von gar niemandem mehr genommen wurden. Vom Typ her sind sie sonst aber ganz unterschiedlich. Herr Duman ist ein großer Block mit phlegmatisch leutseligem Temperament bis hin zur Dümmlichkeit. Herr Duman kann sehr schlecht Deutsch, aber Herr Tassiq kriegt alles mit und kann stets ausdrücken, was er möchte, wenn auch mit einigen Fehlern. Herr Tassiq, ein kleiner schelmischer Mann, ist ein Christ. Dass er nicht genommen wird, liegt daran, dass er zu den EDV-unterstützten Systemen nicht mehr kompatibel ist. Einerseits hat er Rückenprobleme, mit denen er weder lange sitzen, noch stehen kann, sondern beides nur im Wechsel, und dann trägt er vor den Augen so was Ähnliches wie Glasbausteine, aus denen er vergrößert herausschielt.

Als Vollzeitteilnehmer hat Herr Tassiq an allen Stunden teilzunehmen, setzt aber an den Nachmittagen seine Durchtriebenheit ein, irgendwo in der Welt immer gerade unabkömmlich zu sein. Dem schlichten Herrn Duman erlässt Frau Henkenhaf die regelmäßige Teilnahme schon vorab. Dessen Anwesenheit werde in der Form von Gesprächen bei ihr im Büro ablaufen, verkündet sie. Herr Duman hat zwei schulpflichtige Kinder zu Hause und seine Ehefrau hat gerade, nach Jahren der Arbeitslosigkeit, eine neue Arbeit angetreten.

Und jetzt kommt noch Herr Hartmann dazu, auch Ehemann und Vater. Dass viele der hier Anwesenden den Grund ihrer Schwerbehinderung verbergen, daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Es irritiert uns jetzt, dass Herr Hartmann, dem wir hier mal ganz auktorial und selbstherrlich eine ehemalige Suchtkarriere und eine damit verbundene HIV-Infizierung andichten, unaufgefordert bekennt, er leide unter einer Immunschwächekrankheit, die nicht so einfach zu heilen wäre, sondern bleibe für den Rest seines Lebens, vor Stress müsse er sich hüten, schwere körperliche Tätigkeiten wären ausgeschlossen, mehr als sechs Stunden Arbeit seien pro Tag nicht zulässig. Der Mann ist schmal, Anfang vierzig, wirkt auf Anhieb sympathisch, hat etwas Unerwachsenes an sich. Früher wäre er Mechaniker gewesen, aber dann sei viel passiert.

Weil Herr Hartmann zwei Kinder groß zieht, ehrenamtlich trainiert in einem Sportverein, mit den Kleinen, meint, was Soziales würde ihm am ehesten liegen, begeistert Frau Henkenhaf sich, welcher die Ursachen seiner Behinderung aber bekannt sein sollten, für die Idee, es würden die von den Kommunen geförderten Kinderhorte aus dem Boden sprießen. „Eine Art Erzieher, ohne die formelle Ausbildung, die ist zu lang und schwer“ - und „ja, ja“, sagt Herr Hartmann, das würde ihm schon auch gefallen. (Später, wenn er sein erstes Praktikum vorzeitig beendet haben wird, werden wir, kurz bevor wir diese Maßnahme hinter uns lassen, noch vernehmen, dass man von nun an nach anderem als Kinderbetreuung schaut.)

Also, noch mal zusammengefasst, von den Zwölf, die Ende Winter angefangen hatten, sind drei bis vier in Arbeit verbracht, einer, der Russe, ist ausgemustert wegen Krankheit. Übrig sind acht, falls Frau Brückner nicht mehr kommt, sieben. Neu sind fünf Teilnehmer, Hartmann, Tassiq, Duman, Dajna, Lagarde, wobei Herr Duman schon wieder halb entlassen ist.

Schließlich kommen aus dem Jobcenter die Fallmanager für Behinderte auf Besuch. (B. Brecht: „Würden hundert Mann kommen, am hohen Mittag in den Schatten treten und jeglichen fangen aus jeglicher Tür, ihn in Ketten legen und vor uns bringen und fragen: Welchen sollen wir töten?“)

Wieder sitzen wir im Stuhlkreis. Die Fallmanager gestalten die Morgenrunde so, dass der Reihe nach jeder drankommt und sagen muss, wie er es findet bei der Startrampe, was er bisher gemacht hat und wie weit es ihn gebracht hat. Selbstverständlich sind alle glücklich, dass sie dabei sein dürfen. Denn es bringt was. Das ist immer so. Das wird in jeder dieser Maßnahmen gesagt oder angekreuzt, wenn eine Evaluierung stattfindet Man weiß nicht genau, warum sie, ohne Ausnahme, es so halten. Aber man weiß auch nicht, warum sie überhaupt mitmachen, wo es doch freiwillig ist und in den Pausen alle es für Zeitverschwendung erklären.

„Drei aus Zwölf ist eine Quote, die sich sehen lassen kann“, sagt der Mann vom Jobcenter.

Herr Bross stört diese Zufriedenheit etwas, indem er seine Vermittlerin erinnert, damals, als sie die Freiwilligkeit abfragte, hätte sie ihm „120 Euro monatlich Behinderten-Mehrbedarf“ in Aussicht gestellt. Die Vermittlerin glaubt es heute nicht, dass dergleichen je gesprochen worden wäre. Falls doch, so könnte es sich nur um den Mehrbedarf für Rekonvaleszenten gehandelt haben, was in dieser Runde hier keinen betreffe.