Reuenthal l - Nächte und Tage

von Klaus Mattes
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Die Tage hatten zärtliche Momente, immer an ihren Enden.

In Wahrheit flüchteten sie doch alle beide den Tag über voreinander, obwohl sie sich im gleichen Zimmer befanden. Timo setzte den Kopfhörer auf und schloss die Augen. Der Mann legte sich am anderen Ende des Zimmers hin und las ein Buch.

Nachmittags verabschiedeten sie sich für Stunden voneinander, wenn der Mann nach Stuttgart fuhr oder wenn der Junge behauptete, er ginge spazieren und Frauen aufreißen. Oft trafen sie sich nachts wieder im Park, wenn Peter auch nicht mehr so oft ging.

Kamen sie zusammen nach Hause, wenn alles schlief, deckte der Lehrer den Tisch in seiner kleinen fensterlosen Küche, sie blieben hocken in dem kaum beleuchteten Kabuff, rauchten und redeten. Stand er schließlich auf, um den Tisch abzuräumen, blieb er hinter dem Stuhl des Jungen stehen, er umarmte ihn und streichelte ihn.

Später unter der Decke, Timo im Slip, der ältere Mann nackt, würde Timo immer Drehs finden, das Verlangen des Mannes nach Sex zu stoppen. Nein, er habe noch keine Lust, er schlafe jetzt. Der Schwanz vom Mann wäre zu nass und eklig. Aber hier am Küchentisch schien er diese körperlichen Berührungen und Zärtlichkeiten ersehnt zu haben. Natürlich war er unfähig, irgendwas zu erwidern, aber Peter spürte, dass er es brauchte.

Erst wenn er dann am nackten Leib abgeküsst worden war, wenn der Mann ihn umfing, den Hals ihm leckte, begann der Junge, ihn wieder abzuschütteln, wedelte ihn weg wie eine Fliege.
„Ich denk, du willst dein Geschirr abräumen.“
„Timo, ist dir das lästig, wenn ich dich so viel anlang?“
„Wenn du’s unbedingt musst, dann mach’s halt. Stört mich nicht groß.“

Auch den umschleichenden Dialog, sage mir, dass du es magst, nein, tu ich nicht, aber du magst es, gab es fast jede Nacht.

Was im Bett vom Reiselfinger Heinz vorgefallen war, wollte der Mann mal wissen. Bei all der Zeit, die es der Junge mit jener Tucke ausgehalten hatte. Ja, Sex hätten sie gehabt. Klar, echten Sex unter Männern, er wäre bisexuell und nicht hetero, wie der Mann offenbar wolle.

Was Konkretes war nie herauszubringen. Darum fragte der Lehrer ganz unverblümt: „Der Heinz wird dich mal gebumst haben.“(Obwohl man es sich eigentlich nur umgekehrt vorstellen konnte, aber solche vormals verheirateten Provinztunten konnten sich als geschickt entpuppen, das war dem Mann schon bekannt.)

„Nein, mich bumst keiner. Das hab ich noch nie gemacht. Das wird nie einer machen mit mir.“
„Warum? Weil du deine Männlichkeit verlierst?“
„Weil ich das nicht mag. Außerdem tut das weh.“
„Aber wie willst du wissen, dass du’s nicht magst, wenn du’s nie ausprobiert hast?“
„Ich weiß das.“

„Oder ist es wegen Aids? Hast du Angst, dass ich infiziert bin und du’s auch kriegst?“
„Nein.“
„Darüber solltest du dir Gedanken machen. Ich sag dir gleich, ich weiß es nicht. Ich bin nicht getestet. Ich könnt positiv sein.“
Der Junge sagte nichts.

„Aber mit dir würd ich nichts machen, was gefährlich sein könnt.“
Der Junge sagte nichts.

„Woher weiß ich, dass nicht du positiv bist und nicht ich aufpassen muss bei dir?“
„Ich hab kein Aids.“
„Woher willst du das wissen? Hast du einen Test gemacht?“
„Das brauch ich nicht. Ich weiß genau, dass ich kein Aids hab.“
„Aber wieso? Das kann man nicht so ausschließen.“
„Ich mach nichts, wo man Aids kriegt, also hab ich es nicht. Basta.“

„Und Blasen? Blasen darf man, aber wenn sie dir in den Mund spritzen, kann das gefährlich werden.“
„Ich blas nicht.“
„Da würd mich interessieren, wie bei dir der Sex mit ‘nem Mann geht. Du bumst nicht und du bläst nicht. Küssen geht auch nicht mit dir. Da werden die Herren, die das gezahlt haben, ihre Freude gehabt haben.“
„Ich blas nicht. Ich lass mich nicht bumsen. Man kann noch anderes machen.“
„Wichsen?“
Timo schwieg.

„Und mit den Drogen? Hast du dir schon was gespritzt?“
„Bin ich bescheuert? Ich kenn genug Junkies. Ich rauch gern mal was, andere Sachen nehme ich grundsätzlich nicht.“
„Hast nie was probiert? Koks vielleicht mal?“
„Seh ich aus wie en Kokser?“

An Tagen wie diesen taten sie nichts sonst. Sie lagen im Bett und schliefen einfach. Der Mann staunte, wie er sich mit einem Mal so gehen lassen konnte. Aber das war egal, ob er ein zielstrebiges Leben führte oder nicht; das kümmerte niemanden mehr auf der Welt. Ab und zu schmiss der Junge eine Vase herunter oder brachte ihn zum Plärren mit seiner Foltermusik. Sonst war alles friedlich.

Am Sonntag erwachte der Mann gegen Mittag. Er auf dem Rücken am Bettrand, links von ihm der schlafende Junge, die Decke fort gestrampelt. Der Mann stütze sich hoch und sah ihn nur an. Sein langes knochiges Kinn, die seidigen Wimpern. Der tätowierte Arm, den er sich unters Gesicht geschoben hatte.

Eine von den großen, bauschigen Unterhosen des Mannes hatte er angelegt. Von dem noch nie gesehenen, noch nie angefassten Schwanz ließ sich nicht mal was erahnen.

Er küsste seine Seite in der Nähe vom Bauchnabel. Zwei leise Fingerspitzen ließ er kitzelnd über die Bauchdecke streifen. Von dort nun weiter auf die Brust und schließlich auch an die Beine. Sie hatten lange genug hier gelegen. Timo würde wach werden und von der Zumutung fliehen. Das war in Ordnung. Seine Lider zuckten schon.

Das sind Spielchen, dachte der Mann, ich kann sie auch. Die Hand glitt zwischen den Beinen hinauf und auf die Unterhosenwölbung und traf eine beinharte Erektion. Der Mann machte eine Pause, ging mit der Hand zurück an dem Bauch, fuhr von oben noch mal hinunter und immer noch stand das Ding steif.

„Ahm“jaulte Timo und wälzte sich auf den Rücken. Die Augendeckel waren regungslos.

Peter umfasste den Schwanz und machte sich daran, ihn durch den Stoff zu untersuchen. Es war ein sehr ungewöhnliches Körperteil. Ausgesprochen dick, durchaus lang, wenn auch nicht riesig, eher wegen des Durchmessers ungewöhnlich, vor allem jedoch durch diese Eichel, die wie gebläht, gepumpt, horrend vergrößert erschien. Ohne dass der Junge sich wehrte oder weggedreht hätte, betastete er das fremde Objekt durch den Stoff hindurch. Es verstörte ihn, dass keinerlei Öffnung, keine Kerbe oder Delle daran zu finden war. Eine riesige Eichel wie eine glatte Pflaume.

Mit der zweiten Hand zog er ihm die Unterhose weg und griff hinein. Timo stöhnte nur auf und rollte den Kopf zur Seite. Der Schwanz schien beschnitten oder operiert zu sein. Eine Harnröhrenöffnung war immer noch nicht sichtbar. Sie fand sich schließlich gut versteckt an der Unterseite des Geräts, nicht ganz vorne. Das wirkte wie von einem Urologen herbeigeführt, ein künstlicher Ausgang.

Dennoch legte der Mann die Lippen an, fing an, ihn zart mit der Zunge zu bearbeiten. Der Schwanz des Jungen blieb sich immer gleich, monströs, steif, trocken.

Endlich gab Timo wieder Geräusche von sich und fing an, ihm ein Erwachen vorzuspielen. Der Mann hatte beschlossen, deswegen nicht aufzuhören. Und so wurde der Junge erneut ruhig. Er schien neuen Mut gefasst zu haben, dass die Blockade überwindbar sein könnte.

Der Mann fühlte sich gedemütigt und damit überhaupt noch irgendetwas ging, fing er an, sich selbst zu masturbieren, schließlich zwang er die schlaffe Hand des Jungen an seinen Penis und dann kam es ihm. Er griff nach einem Papiertuch und wischte es auf.

Der Junge brachte unterdessen das Spiel vom schlafend Missbrauchten zu Ende, indem er sich wälzte und dabei die Unterhose wieder zurück auf normale Höhe brachte.
„Oh Mann“, maulte er.
Es klang in etwa wie jenes „Lauter Idioten“, das man von ihm öfter zu hören kriegte.

Er hopste aus dem Bett, schlappte zum Klo, ging pissen. Er ließ sich einigermaßen Zeit. Er kam wieder her, musterte den Mann, der sich aufgesetzt hatte, ihn durch die Brillengläser beäugte.
„Gibt’s ein Frühstück?“

„Ich komm. Du kannst ja Kaffee machen.“
„Ja, ja, ja. Immer arbeiten.“
Der Mann folgte und schmiss das Wichstuch in den Abfalleimer.

Beim Rauchen erzählte er ihm, was sich im Bett vorhin abgespielt hatte.
„Aber das weißt du ja auch.“
„Was? Ich hab geschlafen! Du stellst schöne Sachen mit mir an.“

„Deiner ist die ganze Zeit steif gewesen. Ich hab mir einen abgebrochen beim Blasen, gekommen ist nichts.“
„Sag ich die ganze Zeit. Bei mir schläft grad alles.

„Du hast ‘ne seltsame Eichel? Bist du beschnitten oder was?“
Der Junge sagte nichts.

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