Läuterung 10 : Saschas Hinrichtung

von Klaus Mattes
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„Papa, es ist was Schlimmes passiert. Ich hab Fabians Mutter ermordet.“
„Aber wieso, Sascha? Hatte die gute Frau dir irgendwas getan?“
„Nein, ich wollt gucken, wie das kommt, wenn man dann stirbt.“

„Deine jugendliche Neugier in Ehren, Sascha. Aber dieses Mal bist du wirklich zu weit gegangen. Die arme Frau!“
„Ja, aber gerade deswegen! Frau Steintöffel hatte doch kein schönes Leben. Sie hat der Krebs aufgefressen und wir wussten ja, dass sie bald tot ist und vorher schreckliche Schmerzen leiden muss. Sie hat es auch selbst gesagt. Sie würde am liebsten schon tot sein. Der Herr soll ein Einsehen mit ihr haben und sie zu sich nehmen. Du, Papa, wieso macht Gott so was immer? Wieso lässt er jemanden dermaßen schlimm leiden? Das ist nicht fair von ihm.“
„Aber Menschen umbringen, Sascha, das ist wohl fair, oder?“

„Die hat mich mit dem Messer kommen sehen. Sie konnt's aber nicht glauben, dass es so derbe abgeht. Hat ihre Augen aufgerissen. Krass! Die Klinge ihr in den Hals rein. Wahrscheinlich war‘s eine Schlagader, hat mega gespritzt. Sauerei überall. Sie hat nix gesagt, nur mit Armen gewedelt, so etwa. Und noch immer Krächzer aus ihrem Hals. Wie's vorbei war, hat sie mich total lieb angesehn. War ein Hammer. Aber wie sich's anfühlt, wenn man weiß, das ist jetzt der Tod, hat sie mir nicht gesagt. Ich weiß da jetzt immer noch nicht mehr.“
„Hör auf mit solchen Reden! Ich glaub das ja gar nicht. Ist denn dein Herz aus Stein oder wie? Geht dir denn gar nichts nahe, wenn du mit jemandem so was anstellst, Junge, Mensch!“

„Eine Stunde vorher hat sie wörtlich gesagt: „Ach, ich spür so lang nix mehr wie Überdruss. Wie da, wo wir im Dschungel war’n. Da war überall alles grün, ständig ohne Unterlass. Dort war ewiger Sommer. Irgendwann konnt ich es nicht ertragen. Ich hab so Lust gehabt, einen Schneemann zu bauen und wieder an meine Ohrläppchen zu friern. Aber nix, Sommer und immer nur Sommer, da hat sich nix andres getan.“ Das hat sie ja oft erzählt. Fabi konnt‘ es nicht mehr hören. Wir haben so überlegt, ob wir ihr irgendwie helfen. Es ist auch ganz gut abgegangen eigentlich. Ganz bestimmt hat sie nicht gelitten, wie ich sie abgestochen hab. Und sie ist nicht querschnittsgelähmt jetzt deswegen, ich hab das gleich voll richtig gemacht. Sie ist dort, wo sie hingehn wollte. An Weiterleben nach dem Tod glaubst du auch, Papa?“

„Aber gewiss doch. Schau dir nur die ganzen heiligen Bücher von jeder einzelnen Religion an auf der Welt! Da steht das überall drin: „Unser Leben, wie wir es kennen, ist erst eine Stufe, die Vorbereitung zu was Großem.“ Sämtliche Kulturen haben das alle gesagt. Wenn das so überall ist, dann steckt mehr als ein bloßer Zufall dahinter.“

„Ja. Na ja. Weißt du ... Fabis Vater hat ja dann aber die Bullen gerufen ...“
„Sascha, pass auf die Wortwahl auf!“
„Ich bin ihnen zwar entkommen. Aber doch nicht für ewig. Ich schätz, die klingeln gleich mal bei uns. Ich werd in Knast müssen, wahrscheinlich viele Jahre wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Auf jeden Fall komm ich unter Höchststrafe nicht weg, weil es voll der Vorsatz war. Die Waffe vorher hinter einer Vase versteckt. Der Fabi, der erzählt das denen grad alles. Der hält nicht dicht, wenn er unter Druck kommt, das ist klar. Zehn Jahre Jugendknast, sagt er, weil ich nicht achtzehn bin. Oder in die Klapse, weil sie sagen, wer so was macht, ist krank. Dabei war die Steintöffel krank, die hat unheilbaren Krebs gehabt. Ich hab ihr geholfen, dass sie sterben kann. Papa! Ich krieg nie mehr einen Arbeitsplatz, keine Freundin, die entjungfern mich doch da drin, die Starken da drin, ich kann den Führerschein nicht kriegen, iPhone weg, alles!“
„Aha. Aber reichlich spät am Tag, über das mal nachzudenken! Gibt es was, was ich jetzt wissen sollte? Steckt etwa dahinter, dass du dich hier zu wenig anerkannt fühlst?“

„Dad! Okay mal. Aber wir haben hier ein Problem. Die sind dann gleich da und dann hopps. Wir müssen vorher was absprechen, bevor es nicht mehr geht. Darum bin ich zu dir und weg von Fabi und seinem Vater. Mann, du, die Steintöffel hat geblutet wie Sau. Da ist weiter rausgelaufen, wie sie schon tot war. Ich wollt gleich das Messer ziehn. War schwer wie Harry. Mich fickt keiner im Knast, hab ich mir geschworen, ich stech mich selber auch noch ab. Ah, so eine Fickscheiße!“
„Sascha, noch so ein Ding und der Dialog ist beendet!“

„Entschuldigung! Es kotzt mich nur an. Du hättest dir das geben müssen. Es war ... Ich kann's ja nicht beschreiben. Nur pervers. Das hätt mir vorher nie einer zugetraut, dass ich so was bring. Die Steintöffel, sie guckt mir direkt in meine Augen und da seh ich, sie kapiert’s nicht, sie weiß nicht mal, dass sie jetzt also stirbt. Sie rafft auch nicht, dass ich ihr damit ja eigentlich helfe. Ich fass das Messer mit beiden Händen. Ich reiß raus und will ... Aber da ist Stop, die Arme machen nicht, was ich will. Ich schlotter so rum. Hast du so was mal erlebt?“
„Also Sascha, was soll das heißen! Jetzt komm wieder runter, bitte! Du hast doch uns. Wir stehen das gemeinsam durch mit dir. Auf deine Eltern kannst du dich verlassen. Und auch wenn du dich versündigt hast, du bleibt ja unser Junge. Mein Gott, wie hast du bloß so dumm sein können!“

„Scheiße, Papa! Die sind ja gleich hier. Wir bringen das jetzt oder nichts. Du musst mit dem Gerede aufhören. Zu den Bullen sagst du, ich bin auf dich losgegangen, weil du mich hast ausliefern wollen, wie der Bürgel. Da hast du dich verteidigt, du hast das Messer an dich gerissen und ich bin voll reingerannt. Sie können die Wunde mit der von der Steintöffel ja vergleichen. Mir trauen sie alles zu. Du hast dich verteidigt, du musst nur immer dasselbe sagen und dich nicht aufs Glatteis führen lassen.“
„Sascha, du spinnst ja.“
„Lass mich mal! Das war nämlich gelogen. Ich hab der Steintöffel nicht helfen wollen. Ich hab sehen wollen, wie es ist, wenn man einen Menschen killt und wenn er so abnippelt. Aber ich weiß hinterher auch nicht Bescheid. Sie ist nicht mal wirklich gestorben, sie war zu doof, es zu merken! Was soll sie mir sagen, wie es sich in ihr drin anfühlt! Aber Papa, eines steht fest: Es ist Gottes Wille gewesen, wie es so gekommen ist. Wäre es Gottes Wille nicht gewesen, hätten meine Arme vorher versagt. Er hat ihr helfen wollen, er hat sie zu sich holen und sie retten wollen. Wir sehen uns alle wieder, wenn wir bei ihm droben ...“

„Sascha, ja ja! Weißt du was? Dir kommt es schlicht gar nicht zu, darüber zu entscheiden, was Gott von uns will und was nicht. Vielleicht will er genau, dass ich dir diese Exekution verweigere, damit du dich selbst der Prüfung stellen kannst.“
„Papa, du hörst dich halt gern reden. Ich bin zu aber dir, weil du mein einziger Vater bist, zu dem ich noch laufen kann. Ich will nicht mehr leben. Ich kann das nicht mehr. Was ist? Kriegst du das gebacken?“

„Sascha, ich verbitte mir diese Sprache! Noch einmal sage ich das nicht. Du hast’s nötig, wie? Nee, nee, Lieber, das denkt ihr euch viel zu einfach. Gott gab dir sein Gesetz „Du sollst nicht töten.“ Und weil du es gebrochen hast, soll aus mir jetzt wohl ein Mörder werden! Was dein Herr in Wirklichkeit sehen will, dass du Verantwortung übernimmst und dass wir, deine liebenden Eltern, an deiner Seite wachen.“
„Die Steintöffel wollt nur noch raus. Wegen ihrem Leiden. Und ich auch, muss ich hier alles drei Mal sagen?“

„Schlag dir jede Form einer Hinrichtung aus dem Kopf! Wir sind nicht im Urwald bei der Frau Steintöffel, wo es immer warm ist. Selbst wenn es jemand verdient, wird er nicht hingerichtet bei uns, so sieht das aus. Es tut mir leid, aber, Alexander, du gehst hier nicht als freier, ähm, Junge, raus. Ich rufe jetzt an und lass dich holen, bevor du dir was antust oder mir. Wir geben, was wir haben, damit du deinen Prozess kriegst. Wir essen kein Steak, wir gehn putzen. Aber vor deinen Richter musst du treten.“

„So, ja? Dann stell aber du dir jetzt mal vor, dass ich aus den Knast überhaupt nicht mehr rauskomme, wenn noch lebst! Stell dir vor, dich schnappt der Krebs dann auch und du stirbst und dein Sohn ist im Gefängnis, weil er einer krebskranken Dame ihre Erlösung geschenkt hat! Dein Geseire bringt uns nicht weiter! Opa, der hat es immer gesagt, du warst eben nie im Krieg.“

„Ding-e.“ „Dong-e.“

„Aber sicher, verkackt, Papa! Ehrlich, du bist ein Arsch! Vorträge, Vorträge, wenn man dich mal braucht!“

„Hier spricht die Kriminalpolizei. Öffnen Sie die Türe und lassen Sie uns rein. Dies ist eine Festnahme. Das Haus ist umstellt. Alexander Wenze, wir wissen, dass Sie da drin sind. Wir stürmen das Gebäude, wenn Sie nicht ...“

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