Adrienne und Fenris

von Giulia Strek
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Die folgende Geschichte ist so passiert oder auch nicht. In weit entfernten Landen, hinter hohen Bergen, deren Gipfel weiter über die Wolken hinausragten, erstreckte sich ein undurchdringlicher Wald, der für den flüchtigen Betrachter dunkel und unheimlich wirkte. Wölfe trieben hier ihr Unwesen und hinderten den Großteil der Bevölkerung in der nahestehenden Burg daran die mächtigen Hirsche und Rehe des Waldes zu jagen. Man sagte ihnen nach, dass ihr Fleisch das reichste, schmackhafteste sein sollte.
Doch waren es nicht nur jene schnellen Läufer, die jeden einen großen Bogen um den Wald machen ließen, sondern auch eine junge wilde Frau, die ihr Unwesen zwischen den hohen Wipfeln treiben sollte. Eine Frau, die mal langes verfilztes Haar hatte oder auf einem Besenstil höher als der höchste Gipfel der Berge fliegen konnte. Sie hatte einen Buckel, laut dem Müller des Dorfes oder war an Anmut, laut des verträumten Jünglings, nicht zu übertreffen. Niemand konnte sagen, wer mit seiner Wahrheit an den Tatsachen am Nächsten dran war; vermutlich lag der Kern der Aussagen irgendwo zwischen den Vermutungen.
Adrienne war ihr Name. Ihre Haut schimmerte so weiß wie das Mondlicht und das lange schwarze Haar ergoss sich wie ein Schatten über ihre schmalen Schultern. Stets verhüllte sie ihren Körper in anmutigen Gewandungen, die sie selbst aus den Sternen, den Schatten, der Sonne und dem Leben webte. Sie existierte, sie forderte nicht, sie wollte nicht, sie war einfach nur und aus diesem Grunde liebten die Tiere des Waldes ihre Erscheinung und akzeptierten ihr Dasein als eine der Ihresgleichen. Adrienne konnte mit den Wölfen den Mond anheulen, konnte mit den Rehen über die Lichtungen des Waldes springen oder zwischen den Kaninchen Kräuter für ihre Salben sammeln. Niemand wollte ihr etwas Böses und niemand konnte ihr etwas Böses. So lebte sie als zeitloses Wesen, frei von allen Dingen ohne Zeit, ohne Jahr, ohne Vergangenheit und ohne Zukunft.

Adrienne stand auf einem der Hügel am Waldesrand. Gedankenverloren lehnte sie seitlich an einem der hohen Tannen und ließ den Blick am blutroten Horizont entlangschweifen. Einige Rehe ästen auf der weiten Ebene, die zwischen Wald und Gebirgskette lag. Die Sonne war schon lange hinter den Bergen verschwunden, der warme Wind verwischte die letzten roten Strahlen mit der anbrechenden Dunkelheit der Nacht. Die schmalen Finger Adriennes lösten sich von dem kratzigen Baumstamm der Tanne, als die Rehe abrupt die Köpfe hoben, unruhig in den Wind witterten und schließlich hektisch die Flucht ergriffen. Auch durch Adriennes Körper schoss der Fluchtinstinkt, doch ihre angeborene menschliche Neugierde und etwas Anderes hielt sie an Ort und Stelle wie ein unsichtbarer Magnet. Immer näher kam die Staubwolke bis sie unscharf den Umriss eines Pferdes erkennen konnte. Es steuerte direkt den Wald an, sodass sie sich sicher war, dass es irgendwo geflüchtet oder verloren gegangen sein musste. Dennoch trat sie einen Schritt zurück. Ein Ast zerbrach unter ihren Füßen, knackte in die Stille des Windes hinein. Der Schlag der Hufe kam donnernd näher und schlussendlich mischte sich gar das metallische Klappern einer Rüstung unter das erschöpfte Schnaufen des Tieres.
Als Adrienne schließlich doch flüchten wollte, erkannte sie, dass es bereits zu spät war. Selbst der breite Stamm der Tanne bot ihr kein sicheres Versteck mehr vor dem aufsteigenden wiehernden Pferd. Krachend landeten die Vorderbeine des Pferdes auf dem Boden und zermalmten mehrere kleine Äste unter sich. Schüttelnd und schnaubend tänzelte das dunkle Tier auf der Stelle herum; noch sichtlich aufgewühlt von dem langen Ritt. Adrienne hatte zum Schutz den Arm gehoben und sich kleiner gemacht als sie eigentlich war. Ihre Muskeln waren, gleich der eines in die Enge getriebenen Tieres, zum Zerbersten angespannt. Ihr Leib zitterte und zuckte zusammen als mindestens genauso schwer wie die Hufe sich jemand aus dem Sattel schwang und auf dem Boden landete.
Sie spürte die Anwesenheit gleich eines aufwühlenden erschütternden Energiefeldes. Ihr Körper begann innerlich zu vibrieren und es viel ihr sichtlich schwer der Anziehungskraft nicht nachzugeben. Sie hatte Angst vor dem Erdbeben in ihrer Seele, wich entgegen ihren Herzschlages ohne den Blick zu heben, ein weiteres Stück zurück. Etwas in ihr wehrte sich mit aller Macht gegen den Bann, der sich gleich eines unzerreißbaren Tuches um ihre Gelenke schlang.
Der lange Ritt stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben als er den furchteinflößenden dunklen Helm vom Kopf zog. Langsam bewegte er sich, die zierliche und gleichsam wilde Gestalt vor sich nicht aus den Augen lassend. Als würde dort anstatt eines Menschen ein verschrecktes Tier stehen, deren Vertrauen er unbedingt gewinnen musste, legte er behutsam den Helm auf den Baumstumpf neben sich nieder, ging in die Hocke und machte sich dabei kleiner, obgleich das bei seiner stattlichen Größe eines wilden Kriegers nicht viel ausmachte. Er räusperte sich kurz, spürte die Anziehung in sich, wenngleich weniger stark wie bei Adrienne, und war doch geblendet von der Dringlichkeit seiner Mission, sodass er sich um sein Innerstes weniger Gedanken machte und die Achtsamkeit auf die Lösung seiner äußeren Probleme legte.
„Fremde, ich möchte Euch nichts Schlechtes.“ Erhob er nun seine kratzige Stimme, die durch das lange Schweigen nicht benutzt wurde. „Schaut’ mich an, damit ich meine Frage an Euch stellen kann.“ Er konnte nicht sagen, woher ihm das dringende Bedürfnis kam, ihre Augen sehen zu wollen.
Adrienne senkte langsam den Arm, wagte es jedoch nicht ihren Blick zu heben, sondern starrte auf die eigenen nackten Füße, die zwischen dem grünen Moos beinahe verschwammen. Noch immer kribbelte, prickelte und raste etwas durch ihren Körper. Von unten nach oben, bebend und bewegend, direkt in den Schädel hinein, in die Arme, Fingerspitzen und Füße. Es erschöpfte sie, sodass ihr die Kraft fehlte sich länger gegen seine Bitte zu wehren, sodass sie ihren Blick hob und magnetisch von dem Seinen angezogen wurde. Sie starrten sich für Sekunden an. Jeder stolperte über das eigene Herz, jeder schnappte nach Luft. Adrienne, die an einem bösen Zauber glaubte, sank wimmernd auf die Knie, schlug die Hände vor das Gesicht und atmete bebend durch. In ihr breitete sich das Gefühl tiefsten Vertrauens aus, schlug helle Wellen aus Licht in ihrem Geist, während der Krieger all das tief in

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