Die Zeit ist ein Adler

Bild von Olga Drocjuk
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Die Zeit ist ein Adler. Ein großer, stolzer Adler, der sich eines Tages auf meine Fensterbank setzte. Er suchte nach gar nichts. Putzte sich seine Federn, beäugte mich und suchte weiter nach gar nichts. Ich aber schon – ich suchte nach einem Gespräch mit ihm, wollte ihn ausfragen, wollte über die weiten Horizonte erfahren, wie die Welt von oben aussieht und wie sie entstanden ist und wo die Zeit gewesen war, bevor die Welt entstand.

Die Zeit ist ein Adler.
Ein stolzer, großer Adler, der nicht von mir gezähmt sein wollte. Ich versuchte ihn anzulocken, kaufte Zuckerwatte. Rosa. Mit Vanilegeschmack. Dort oben, dachte ich, gibt es keine Zuckerwatte. Er lachte laut auf, nahm mich auf seine starken Flügel und riss mich aus meiner Rosa-Zuckerwatte-Welt in die grandiose Ferne mit, flog mit mir in die blaue Ewigkeit, bis zur ihrer letzten Spitze hin, legte seine Flügel zusammen und stürzte mit seiner ganzen Kraft nach unten, als wäre er ein einziger letzer Atemzug im Ganzen gewesen.
Ich vergaß zu atmen,
vergaß zu leben,
zu existieren,
schaute nur, wie ich mich der Erde mit Lichtgeschwindigkeit näherte, und betete um meinen Leben.

Die Zeit ist ein Adler.
Ein großer, stolzer Adler, der mich vergessen ließ, was Rosa-Zuckerwatte-Welt so bedeutet.
Kurz vor der Erde breitete er seine Flügel aus, parierte im Kreis und ließ mich sanft den Boden berühren.

Die Zeit ist ein Adler.
Ein großer, stolzer Adler, der die Freiheit mehr liebt als die rosa Zuckerwatte. Er braucht seine bunte Freiheit mit all den goldenen Sandstürmen, purpuren Mondscheinen in ihren grenzenlosen Welten, flirrenden bodenlosen Winden, tausend zirkulierenden Vergangenheiten, millionenfach kommender Zukunft und einem einzigen Schmetterling im Bauch, weil es reicht. Er nimmt sich die Wahl zu fliegen und zu landen, wann er selbst es will. Ab und zu kommt er an so eine Fensterbank, um einfach nach gar nichts zu suchen und fliegt dann ... wann er selbst es will ...

Die Zeit ist ein Adler.
Ein großer, stolzer Adler ...

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Kommentare

06. Mär 2018

Gern mitgeflogen - per Gedicht!
Die feine Vogel-Sicht besticht ...

LG Axel