Der Kabauk

Bild von Thorsten Wirolajnen
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Langsam breitete sich der Holundersaft auf dem weißen Tischtuch aus. Fast so, als wäre das Tischtuch durstig, saugte es den ganzen Saft gierig auf um ihn nie mehr loszulassen. Da konnte man machen was man wollte. Holundersaftflecken gingen eben nie mehr raus. Das schöne weiße Tischtuch war dahin. Langsam drehte Danuta sich zum Tisch um. Sie lächelte. Kaum hörbar, fast gelangweilt, sagte Sie: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ Sie verließ den Herd, auf dem gerade ein schöner Topf Bigos leise vor sich hin köchelte und ging zum Tisch. Die Portion Holundersaft war größer als der Durst des Tischtuchs, denn nicht alles wurde aufgesaugt. Ein nicht unerheblicher Teil des süßen Saftes tropfte vom Tisch auf den groben Steinboden der kleinen Hütte. Ein umgekippter Holzbecher lag neben dem Flecken.

Lächelnd nahm die alte Frau Tischtuch und Becher vom Tisch. Sie ging zum Herd um die Sachen im Ofen kurzerhand zu verbrennen. Der gute Krauteintopf kochte leise blubbernd weiter. Der Kabauk, der oben auf dem Küchenschrank saß, beobachtete die Szene ganz genau. Er verzog entnervt sein hässliches Gesicht. Kleine spitze Zähne kamen unter seinen schuppigen Lippen zum Vorschein. Seine Krallen gruben sich tief in das Holz des Schrankes. Wut stieg in ihm auf. Die kümmerlichen Zehen seiner kleinen Füßchen rollten sich zusammen. Diese unglaubliche Gelassenheit der Alten machte ihn verrückt während die Zeit für ihn lief gnadenlos weiter lief. In der Ruhe der Szene schlugen dem Kabauk die Tiks und Taks der alten kostbaren Uhr aus der Ecke des Raumes wie Peitschenhiebe ins Gesicht.

Anfangs hatte er sich über die Aufgabe gefreut. Sie schien leicht und lösbar zu sein. Was sollte schon so schwer daran sein, die alte griesgrämige und ewig schlecht gelaunte Danuta in drei Tagen und drei Nächten um den Verstand zu bringen. Er würde die alte Schachtel schnell abfertigen und wäre dann bereit, vor den Meister zu treten, um seine Belohnung zu bekommen und in der Hierarchie der Dämonen auf die nächste höhere Stufe aufzusteigen. Aber da hatte er sich geschnitten. Die alte Schabracke erwies sich als verdammt harte Nuss. Hatte er gar nicht mit gerechnet. Langsam wurde ihm mulmig, denn seine Zeit lief ab und das war nicht gut. Er hatte andere, schon größere und mächtigere Dämonen gesehen, die der Meister ohne zu zögern ins unbekannte dunkle Nichts der Ewigkeit stürzte. Niemand wusste, was die zahllosen Dämonen, die jemals in diese dunkle Ewigkeit gestoßen worden waren, erwartete. Es war noch nie jemand zurück gekommen. Hätte er nur so gekonnt wie er wollte, hätte er leichtes Spiel gehabt. Aber leider gab es auch für ihn Gesetze und die galt es einzuhalten. Hätte der Kabauk die alte Danuta berühren dürfen, ja dann wäre es einfach gewesen, aber so musste er sich an die Spielregeln halten. Der Meister verstand da überhaupt keinen Spaß. Die Anspannung schlug dem kleinen Dämonen schwer auf den Magen. Was hatte er sich nicht alles einfallen lassen, um die Alte zur Weißglut zu treiben.

Es hatte damit begonnen, dass die Ziege fortgelaufen war. Er wusste, dass die Alte die Ziege mochte. Und sie brauchte die Milch. Aber als die Ziege weg war, hatte sich unter ihrem verdammten Kopftuch nur gelächelt und gesagt: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ Dann war das Eingekochte verdorben. Er hatte die Einmachgläser geöffnet und seine dreckigen Klauen in die Leckereien der Alten gesteckt, damit sie verdarben. Aber die alte Danuta hatte wieder nur gelächelt und ihren verdammten Satz gesagt. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ So war es auch als er das gute Sonntagskleid der Alten zerrissen hatte und als der den Brunnen vergiftet hatte. Die alte Danuta ging einfach auf den Steg vor dem Haus und nahm das Wasser aus dem See, dass sie von nun an stets abkochte. Nicht ein einziges Mal hatte er es geschafft, im Gesicht der alten Frau auch nur einen Funken Ärger oder Wut über die vielen, fast zahllosen Missgeschicke, zu entdecken. Er hatte die Fische im See verjagt, das Lampenöl verschüttet und Ungeziefer ins Haus gebracht. Nachts hatte er sich in Ihre Träume geschlichen um sie zu ängstigen aber die alte schlief wie ein Stein und schnarchte wie ein besoffener Golem. Alles ohne Erfolg.

Der Kabauk spürte wie das schwarze Dämonenblut in seinen Schläfen pochte. Wut stieg in ihm auf. Die verdammte alte Schabracke, wie der sie hasste. Das Holz des Schrankes, auf dem er noch immer saß, splitterte unter seinen Krallen. Er war klein, kaum höher das die Knie der Alten aber seine Klauen waren größer und stärker als die eines Bären. Man durfte ihn nicht unterschätzen. Seine starken Klauen und seine Hinterlist machten ihn zu einem durchaus gefährlichen Gegner. Danuta hatte den Topf mit dem wunderbar duftenden Bigos zur Seite geschoben und öffnete mit dem Schürhaken die Kesselplatte des alten Ofens. Der Feuerschein breitete sich in der kleinen Hütte aus und das Züngeln der Flammen hätte verrückte Schatten des Kabauks an die Decke geworfen, wenn der Kabauk sichtbar gewesen wäre. So aber war der kleine Dämon unsichtbar und das ärgerte niemanden mehr als ihn selbst, glaubte er. Hätte man ihn sehen können, hätte man sich vor ihm fürchten können. Aber wer fürchtet, was er nicht sieht?

Lächelnd stopfte Danuta das verschmutze Tischtuch und ihren einzigen Holzbecher in die Flammen. Diese schöne, einst weiße Tischdecke, hatte sie beinah ihr gesamtes Leben begleitet. Sie hatte den feinen Leinenstoff mit ihrer Mutter selbst gewebt und mit kunstvollen Stickereien verziert, damals als junges Mädchen. Für die Aussteuer, die sie nie gebraucht hatte, weil sie nie geheiratet hatte. Vielleicht war ihr das Tischtuch deshalb so wertvoll. Aber nun war es ja weg. Genau wie der Holzbecher. Ab nun würde sie aus dem Schöpflöffel saufen müssen. Sie schaute lächelnd, mit einem wissenden Ausdruck in den kleinen Augen, in die Flammen und sagte zu sich selbst den Satz, den sie wahrscheinlich öfter gesagt hatte als alle anderen Worte in ihrem Leben. „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“

Das war der Moment in dem der Kabauk die Fassung verlor. Sein Blut rauschte durch seine Ohren. Er spürte wie der Wahnsinn der Raserei ihn packte und die Wut alle seine Überlegungen und Gedanken hinfort fegte. Eiskalter Hass brach aus ihm hervor und mit einem für Danutas Ohren nicht hörbarem Schrei stürzte er sich mit einem großen Sprung und ausgestreckten Krallen hinterrücks auf den Rücken der alten Frau. Er wollte ihr das Fleisch mit seinen Krallen von den Knochen reißen und ihren Hals mit seinen kleinen spitzen Zähnen zerfetzen. Mit aller Kraft schlug er seine Krallen in die Schultern der Frau. Aber nichts passierte. Langsam und lautlos rutsche er an der alten zierlichen Frau herab. Seine Krallen durchdrangen noch nicht einmal den wollenen Stoff ihres alten dreckigen Kleides.

Er wusste sofort warum. Die Wut war blankem Entsetzen gewichen. Er hatte sich gehen lassen und die Regel gebrochen. Ihm wurde klar, seine Aufgabe hatte er nicht erfüllt. Alles hätte er machen dürfen um die Frau in Wahnsinn und Selbstmord zu treiben, nur berühren durfte er sie nicht. "Berühre die Aufgabe niemals", hatte der Meister ihm gesagt. Aber alles war ja noch viel schlimmer. Hätte er nur die Aufgabe nicht erfüllt, hätte der Meister in bestraft. Auch wenn ihm der Gedanke Angst machte, war das Los das ihn nun erwartete, aus seiner Sicht viel schlimmer. Denn das Gesetz besagte, dass er der alten Menschin nun als Sklave dienen musste, weil er sie berührt hatte. Für einen Dämonen war der Gedanke daran, einem Menschen als kleiner verachtungswürdiger Homunculus dienen zu müssen, schlimmer, als jeder Gedanke an Strafe durch den Meister.

Nun saß er zu ihren Füßen, konnte nie mehr weg von ihrer Seite und die Alte lächelte ihn an. Seine neue Herrin schaute zu ihm herab. Da wurde ihm alles klar. Sie hatte es gewusst. Sie hatte sein Spiel von Anfang an durchschaut. Und sie hatte sich nicht aus der Reserve locken lassen. Mehr noch, sie hatte ihr Spiel mit ihm gespielt. Ein böses Spiel, dass sie meisterhaft und mit einer Hinterlist und Tücke gespielt hatte, die weit über die Vorstellungskraft des Kabauks hinaus ging. Sie konnte ihn sehen und sie konnte ihn hören. Die ganze Zeit. Wieso konnte sie das? Das durfte eigentlich nicht sein. Wut und Enttäuschung ließen ihn in unendlicher Verzweiflung aufheulen. Lächelnd legte Danuta ihre knochige Hand auf den Kopf des Kabauks. Ihre Hand lag zwischen seinen kleinen Hörnern und tätschelte sanft seinen mit ledernen Schuppen überzogenen Schädel. Und mit der gleichen gütigen und freundlichen Stimme, mit der sie immer sprach, sagte sie: „Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen.“ Sie rührte den Bigos um. Er sollte schließlich nicht anbrennen. Dann ging zum Schrank und holte ein neues weißes Tischtuch heraus, das sie auf den Tisch legte.

Epilog: Der Kabauk ist ein kleiner dämonischer Unhold aus dem masurischen Fabelwesen. Wahrscheinlich ist es die wundervolle Landschaft der masurischen Seenplatte, durch die die Menschen dort zu allerlei Sagen und Sagenhaftem inspirierte. Sagen und Aberglaube spielen bis heute in vielen baltischen Ländern eine wichtige Rolle, sie sind und waren immer Teil des Lebens. Dort, in Masuren, dem nördlichen Polen, spielt die Geschichte zur Zeit vor den großen Weltkriegen, vielleicht zum Ende des 19. Jahrhunderts, als die Welt vorerst noch in Ordnung war. Der Bigos ist ein traditionelles polnisches Kratugericht, dass in der Geschichte Trost und Sicherheit symbolisiert. Die stoische Ruhe, mit der die Alte, Danuta, die mitunter tückischen und manchmal teuflischen Herausforderungen des Lebens (der Kabauk) meistert, sollen dem Leser die Kraft geben, unausweichliche und unabänderbare Herausforderungen des täglichen Lebens zu meistern. Am Ende steht die Erkenntnis, das die Zeit stets für den arbeitet, der weiß, dass die Zeit für ihn arbeitet.

Veröffentlicht / Quelle: 
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Kommentare

10. Apr 2020

Kraft, die hier man wirklich spürt -
Die direkt zum Leser führt ...

LG Axel

11. Apr 2020

Toll !
FROHE OSTERN
Olaf

12. Apr 2020

Danke schön Olaf, Dir auch ein friedliches und gesundes Osterfest.