5 Sekunden

von Thorsten Wirolajnen (Brimmsknochen)
Mitglied

Er lies die Hand mit dem Handy vom Ohr sinken. Hätte er gewusst wie kalt der Wind unterwegs sein würde, hätte er sich wärmer angezogen. Komisch, dass ihm genau das jetzt durch den Kopf gehen muss. Im starken Wind flattern seine Haare wie irre und der Zipfel seines Kragens klatscht ihm schmerzhaft ins kalte Gesicht. Der eisige Wind reißt an seiner Kleidung. Wahnsinn wie laut der ist. Dieses fundamentale alles übertönende Rauschen, hätte er sich echt nicht vorstellen können.

Plötzlich ist Sommer. Im Sandkasten. Verrückt. Er schmunzelt. Kurz überlegt er, wo und wann das war. Es muss in den späten Siebzigern gewesen sein. Eine Szene aus seiner Kindergartenzeit. Die Frisuren waren wirklich zum schießen. Er sieht Fräulein Schulte, die Kindergärtnerin, und andere Kinder. Heike, Uwe, Stefan. Markus und Kerstin. Kurz überlegt er, warum er nach dem Kindergarten nie wieder etwas von dieser Kerstin gehört hatte. Er hatte nie darüber nachgedacht. Was aus ihr wohl geworden sein mag? Und warum fragt er sich das ausgerechnet jetzt? Total vergessen. Alle lachen. Papa, Mama, Oma und Opa. Was für eine unbeschwerte Zeit das war. Dann die Einschulung, der erste Schultag. Nach der Schule ging es immer mit den Freunden raus zum Spielen. Es musste immer irgendwas mit Wasser sein. Oder Pferde. Kindheit auf dem Land, was für eine tolle Zeit, was für ein Geschenk.

Kurzfristig schießt der Wind eiskalt durch seine Hosenbeine hinauf. Eine lange Unterhose anzuziehen, wäre keine schlechte Idee gewesen, denkt er kurz und seine Gedanken fliegen schon weiter. Durch Kindheit, Schulzeit und Jugend, die so schön und unbefangen waren. Dann kam die erste Liebe. 'Gott, war ich verliebt in diese kleine Sandra aus der Nachbarschaft', denkt er. Unglücklich, natürlich. Dann die erste Party. Der erste Kuss, Der erste Sex. Besoffen. Nichts mit Liebe und Romantik, wie bei anderen. Was für ein Fiasko. Wie alles in seinem Leben. Das Leben ist einfach scheiße.

Komisch, dass ihm deshalb gerade in diesem Moment nur die guten Sachen in den Kopf kommen. Wie schön die Kindheit und die Jugend doch eigentlich waren. Auch später wurde eigentlich nichts so heiß gegessen wie es gekocht wurde. Im Nachhinein hatten sich die größten Katastrophen seines Lebens immer als Bereicherung heraus gestellt. Entweder hatte er dazu gelernt oder das Leben hatte ihn stärker gemacht. Immer, wenn sich in seinem Leben eine Tür schloss, ging woanders eine neue Tür auf. Man durfte nur die Zuversicht nie verlieren.

Und dann hatte er den Kopf verloren. Wegen Geld. Er stand vor den Trümmern seiner wirtschaftlichen Existenz. Pleite. Aus. Geschäft weg. Frau weg. Kredite von der Bank gekündigt. Jetzt die Zwangsversteigerung des Hauses. Eigentlich ein befreiender Gedanke, kommt ihm in den Sinn. Was hatte er dieses ausweglose Leben im immer gleichen Trott gehasst. Arbeiten um Schulden zu bezahlen. Schulden machen um Kosten zu erzeugen, damit man Steuern spart. Dann weiter arbeiten um die neuen Schulden zu bezahlen. Zwischendurch Dinge kaufen die man nicht braucht, während man anderen Menschen versucht Dinge zu verkaufen, die sie nicht brauchen. Das hatte sich noch nie richtig angefühlt.

Und nun die große Chance, endlich das Hamsterrad hinter sich zu lassen. Sich nicht mehr für andere aufzureiben. Was man jetzt alles machen kann. Privatinsolvenz. Das Leben entschleunigen. Man kann als Aussteiger dahin gehen wo es warm ist, vielleicht in einer Hippie-Kommune leben? Endlich Zeit zum Malen oder Schreiben. Man kann anderen Menschen helfen, vielleicht als Entwicklungshelfer die Welt und die Menschen neu entdecken? Er wollte sich auch immer tiefgreifender mit Buddhismus beschäftigen. Und mit dem Sinn des Lebens. Oder einfach eine Zeit lang nur da sitzen und nur über das Leben nachdenken, bis man wieder glücklich ist. Ihm wird plötzlich klar, wie viele Gedanken es noch zu denken gibt. Plötzlich ist ganz klar was wirklich wichtig ist.

Beispielsweise wäre es wichtig, bewusst zu leben und sich für jeden Moment im Leben passend zu kleiden. Sich für diesen Augenblick also wärmer anzuziehen, mit Mütze, Schal und langen Unterhosen, wäre schon mal eine gute Idee gewesen. Kommt man ja nicht drauf. Weiß man erst nachher. Warum waren ihm alle diese Gedanken eigentlich nicht fünf Sekunden früher gekommen?

Dann würde er, nicht wie jetzt gerade, von unten nach oben in den Himmel zur Müngstener Brücke hinauf schauen und sehen, wie die alte eiserne Bogenbrücke mit der goldenen Niete über ihm immer kleiner und kleiner wird. Ein Blick auf seine Hand, die noch immer das Handy fest hält Das Gespräch ist noch nicht beendet. Vergessen aufzulegen. Einhundertsieben Meter legt er zurück während ihm diese Gedanken durch den Kopf gehen. Die exakte Höhe der Müngstener Brücke. Höchste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Auch Kaiser-Wilhelm-Brücke. Oder Selbstmörderbrücke. Diese Strecke legt der menschliche Körper im freien Fall in rasanten 4,67 Sekunden zurück. Dabei erreicht er eine Geschwindigkeit von Einhundertzweiundsechzig Kilometern pro Stunde oder fünfundvierzig Meter pro Sekunde. Wie banal einfach diese Zahlen sind, die ihm da durch den Kopf gehen. Dann: Aus. Im Feuerwehrmann am anderen Ende der Leitung steigt Übelkeit auf.

Die Müngstener Brücke verbindet die Bergischen Städte Solingen und Remscheid miteinander. Die höchste Eisenbahnbrücke Deutschland lockte schon immer nicht nur Selbstmörder aus der Region an. Im Durchschnitt springt dort alle 5 Wochen ein Mensch in den Tod. Bis heute. Das oben Geschilderte geht auf ein wahres Ereignis zurück. Tatsächlich hatte die Feuerwehrleitstelle Remscheid/Solingen im Jahr 2015 versehentlich bei einer Pressekonferenz einen Mitschnitt veröffentlicht, auf dem der vollzogene Suizid eines jungen Mannes über sein Handy aufgezeichnet wurde. Es war das Unerwartete, dass die Situation so wirkmächtig machte. Völlig unvorbereitet hörte man das Sterben eines Menschen in einer ansonsten völlig unerwarteten Situation. So banal und schnell schlägt der Tod zu. nach der Einspielung folgte betretenes Schweigen. Peinliche Berührtheit machte sich im Raum breit. Dann ging man zur Tagesordnung über. Die auf diesen Ereignissen erdachte Geschichte ist der Versuch des Autors, das Gehörte zu verarbeiten, denn das 5 Sekunden dauernde Rauschen des Windes im Telefon hat mehr Eindruck hinterlassen als ich es für möglich gehalten hätte. 5 Sekunden rauschender Wind können einen ein Leben lang begleiten.

Wikipedia, von 1912, gemeinfrei
Veröffentlicht / Quelle: 
https://brimmsknochen.blogspot.com/2020/03/funf-sekunden.html
Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Mehr von Thorsten Wirolajnen (Brimmsknochen) online lesen

Kommentare

23. Mär 2020

Oha... die Geschichte ist heftig, aber der Erzählstil ist toll.
Daumen hoch!

Herzliche Grüße
Ella