Die Götter sind tot

von Thorsten Wirolajnen (Brimmsknochen)
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Über Jahrtausende mussten die Götter als Zeuge für manipulative Menschen herhalten, um andere Menschen zu kontrollieren, zu manipulieren, zu lenken und zu unterdrücken. Das Gefügig machen der Menschen war seit der Erfindung der Götter der einfachste Weg, sie zu beherrschen und zu regieren. Es ist das uralte Prinzip von Zuckerbrot und Peitsche, von Belohnung und Bestrafung in Himmel oder Hölle, mit dem die Mächtigen erfolgreich die Massen so unterdrücken, wie mittelmäßig begabte Eltern ihre Kinder erziehen.
Man kann sich gar nicht vorstellen, für welchen Unsinn die Götter immer wieder aufs Neue herangezogen wurden. Wie oft marschierten Menschen gegeneinander in den Krieg, jede einzelne Seite für sich stets von der Überzeugung getragen, dass Gott für die gerechte Sache an der jeweils eigenen Seite stehe. Als würde sich auch nur einer der zahlreichen Götter des Universums ein Jota darum scheren, was sich ausgerechnet jene Lebensform wünscht, die die göttliche Schöpfung am nachhaltigsten von allen zerstört. Als könne man das Wohlgefallen dieses angeblichen Gottes voraussetzen, dass man in den Krieg zieht um den Gegner zu töten. Menschen schlagen Menschen mit der Steintafel tot, als Strafe dafür, dass sie das fünfte Gebot missachten. Die Logik der Menschen ist so grotesk, dass man sie sich erst einmal bewusst machen muss.
Es gibt Menschen, die behaupten, Gott habe den Menschen die zehn Gebote gegeben. Das ist natürlich eine Lüge. Nimmt man aber einmal für einen Moment an, dass diese Behauptung stimme, und ist man ebenfalls bereit zu glauben, dass eben dieser Gott am Tag des jüngsten Gerichts die Menschen für ihre Taten richtet, so muss man sich unweigerlich drei Fragen stellen.
Die erste lautet: Wie wird dieser Gott wohl mit jenen Sündern verfahren, die schon von den Menschen für ihre Sünden bestraft wurden?
Die zweite Frage lautet: Wie wird Gott mit den Richtern verfahren, die sich anmaßen, Unrecht nach vermeintlich göttlichen Maßstäben zu bewerten, zu urteilen und zu strafen, wenn man doch angeblich gewiss ist, dass Gott diese Menschen ohnehin am Tag des jüngsten Gerichts zur Verantwortung ziehen wird?
Die dritte Frage lautet: Wie ehrlich kann ein Glaube an so einen Gott wohl wirklich sein, wenn man die Bestrafung des Sünders vorsichtshalber schon einmal selbst in die eigene Hand nimmt, weil man nicht daran glaubt, dass sich eben dieser Sünder nach seinem Tod vor Gott für seine Taten verantworten muss?
Es zeigt sich, dass die größten Nutznießer der Religion, selbst am wenigsten auf die eigenen Thesen vertrauen. Gottesfürchtigkeit war noch nie ein Weg zur Glückseligkeit sondern immer nur ein Werkzeug, um andere zu unterjochen. Am einfachsten lässt sich die Krankheit der Idee, die dem Glauben an einen Gott innewohnt, mit einem Beispiel verdeutlichen. Man stelle sich nur einmal vor, wie das Pestbakterium, Yersinia pestis, im Mittelalter unter der Menschheit wütete. Was schert es wohl den Sterbenden, der an der Bubonenpest erkrankt und sterbend dahin siecht, ob das Pestbakterium die gleichen moralischen Werte teilt, wie jener, den es gerade tötet?
Was also, außer tiefster Verachtung, könnte wohl einen Gott dazu bewegen, eine Lebensform zu lieben, die sich über seine Schöpfung erhebt und diese mit all seiner Energie nachhaltig zerstört? Gibt es für den Menschen überhaupt ein größeres Unrecht gegen jenes kosmische Gefüge, das manche als Gott bezeichnen, als sich über die Schöpfung dieses Gottes zu erheben und zu verleugnen, in einer Reihe mit jedem anderen Tier zu stehen?
Der Wert einer Ameise ist nicht höher als der Wert eines Grashalms. Ein Hase ist nicht wertvoller als ein Fisch und ein Vogel ist nicht wertvoller als ein Baum. Ein Baum ist nicht wertvoller als die Tiere die auf ihm wohnen und die Tiere sind nichts ohne die Welt in der sie leben. Allein der Mensch nimmt sich aus dieser Gleichung heraus. Er verweigert die Einsicht, ein, wenn auch sehr hoch entwickeltes, Tier zu sein. Der Mensch ist das einzige Tier, das sich über die natürliche Ordnung der Schöpfung stellt. Der Mensch ist das einzige Tier, das den Wert der Schöpfung bewusst in seiner Gänze erfassen kann. Und der Mensch ist tatsächlich das einzige Tier, dass dümmer ist als jedes andere Lebewesen in diesem Kosmos, denn während selbst das Pestbakterium im Zuge des natürlichen Selbsterhaltungstriebes verstanden hat, dass das Überleben der eigenen Art erst dann gesichert ist, wenn das Übersiedeln auf den nächsten Wirt durch Infektion sicher gestellt ist, so ist der Mensch die einzige parasitäre Lebensform, die den eigenen Lebensraum, also den eigenen Wirt, zerstört, ohne zuvor eine Ausweichmöglichkeit geschaffen zu haben.
Ich bin kein Atheist. Ich glaube an eine allumfassende schöpferische Kraft die immer wieder aufs neue Universen erschafft und die Regeln für deren Zusammenhalt und funktionieren definiert. Aber ich verweigere mich der Botschaft, dass sich diese Kraft dafür interessiert, ob ein menschliches Tier ein anderes belügt, bestiehlt, betrügt oder tot schlägt. Diese kosmische Kraft lässt Supernovae explodieren, Sterne und Planeten wachsen, schwarze Löcher und Übergänge von einem Universum ins das Nächste entstehen, sie schuf unzählige Universen, sie ist die Zeit und der Raum, sie schuf die Gravitationskraft und die dunkle Materie und den ganz eigenen Kosmos der Quantenphysik. Ich weigere mich zu glauben, dass sich diese alles umfassende Kraft, die manche so gerne Gott nennen wollen, auch nur ein Quantum dafür interessiert, ob ein Priester schwul oder eine Frau Bischöfin sein kann. Diese natürliche Kraft fragt nicht danach, ob ein Mensch unkeusch war oder ob er seines Nächsten Weib begehrte oder wie viele Götter ein Mensch hatte. Diese kosmische Kraft spiegelt sich in den Gesetzen der Natur und des Universums. Sie erwächst aus den Regeln der Naturgesetze und sie kennt kein Gut und kein Böse. Wie verrückt muss man also sein, zu glauben, die Gesetze der Akustik, der Optik oder der des Elektromagnetismus könnten der Maßstab für Gut oder Böse sein?
Die größte aller Untaten der Kirchen ist aber jene, den Menschen glauben zu lassen, er sei kein Tier. Es ist genau diese Botschaft, die sich so tief in das Bewusstsein der Menschen eingegraben hat. Verständlich einerseits, es ist ja auch leicht daran zu glauben, irgendein Gott hätte den Menschen über alles gestellt. Man wäre ja verrückt das in Frage zu stellen, schließlich sind wir alle kapitalistisch konditioniert. Das ist das wirklich wahre Böse, denn diese falsche Botschaft ließ seit Jahrtausenden im Selbstverständnis der Menschen den Irrtum wie einen Pilz wuchern, er stehe über der Schöpfung.
Erst wenn der Mensch erkennt, dass er nicht mehr ist, als jedes Tier und jede Pflanze, dass der Mensch sich in die Ereignisse des Lebenskreislaufs eben so einreiht wie der Grashalm, die Ameise, der Vogel und der Fisch - und wenn er versteht, dass er nicht mehr wert ist als sie, erst dann gibt es Hoffnung darauf, dass die Menschheit eine Zukunft haben kann. Diese Zukunft liegt nicht in einem imaginären Himmel sondern auf dem Planeten auf dem wir leben. Deswegen zählt dieses Leben und was wir denen hinterlassen, die nach uns kommen um so mehr, denn ewiges Leben findet man nicht im Himmel beim „lieben Gott“ sondern nur in den Erinnerungen derer, die nach uns kommen.

Remscheid im Mai 2020

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Kommentare

07. Jun 2020

...die werden dann ganz von IHREM Gott besessen sein!

Herzl Grüße
Alf