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TANDEM, der achte Kontinent

Bild von Olga Drocjuk
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Fünf Minuten später standen sie immer noch da. Dichtes Grün der umliegenden Lianen umrankte die Höhlendecke eines vor Millionen Jahren abgekühlten Vulkans. Das goldene Licht strömte von oben, tanzte spektakulär magisch. Riesige Stalagmiten ragten bis zu 100 Meter in die Höhe. Ein verzweigter Fluss suchte zwischen ihnen den Weg zum Tageslicht nach oben, brach all die Regeln der Anziehungskräfte und tropfte von der Decke auf zwei Unbekannte, die hier plötzlich auftauchten. Nein, das hier war keine weltweit berühmte vietnamesische Phong Nha-Ke Bang-Höhle, in die der Kölner Dom locker hineinpasste. Es war mehr! Und es lebte. Genauso wie du und ich.

„Hey, wir werden sehen, wer die Hosen anhat“, sagte Jacob Friedrich von Alkuin nach einer Weile, als er wieder atmen konnte.

Chris rieb sich die pochenden Schultern und blickte nach hinten zum Eingang, durch welchen sie beide das größte Geheimnis des Universums betreten hatten. Er hatte den Auftrag, ihn aufzujagen, ihn der Zivilisation abzuliefern und seinen zweiten Pulitzerpreis zu kassieren. Jetzt war er selbst der Gejagte. „Sollte ich derjenige sein, erinnere mich später an dein Versprechen“, murmelte er.

„Wann habe ich dir etwas versprochen?“

Chris schüttelte den Kopf und versuchte ernst dreinzuschauen, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Ein dünner Stalaktit brach von der Decke ab, fiel und landete vor seinen Boots. Er schob ihn zur Seite. „Du wolltest mich deinem brillanten Freund vorstellen.“

„Das ist nicht dein Ernst!“ Grinsend betrachtete der Ältere das Gesicht seines jungen Begleiters, der neben ihm stand und ihn zurückgrinste. „Charles Robert Darwin war einer der bedeutendsten Naturwissenschaftler seiner Zeit“, äußerte er.

„Ja, und warum grinst du dann?“

„Nimm mir das nicht übel, Chris. Ich stelle mir gerade die Situation vor. Ein Verschwörungstheoretiker, der an die flache Erde glaubt, und ein überzeugter Evolutionist, der keine weiteren Aufklärungen seiner Theorie duldet.“ Jacob prustete. „Um seine Theorie – ich zitiere! - dass sich die Erde erst im Laufe von vielen Millionen Jahren zu dem entwickelt hat, was sie ist, und nicht von Gott in sieben Tagen geschaffen wurde, wurde damals echt viel gestritten.“ Der Ältere machte eine Pause, schob sein Pincenez über die Augen und genoss seine wissenschaftlichen Überlegungen, in denen er rasch unterbrochen wurde.

„Du siehst es selbst.“

„Was denn?“

„Na, mit dem Gott. Nachdem dein Freund mit seiner Theorie fertig war, hat Gott sich noch einen Tag für seine Arbeit genommen und noch das hier gebastelt. Also – das mit dem Gott und den sieben Tagen stimmt nicht. Es waren acht.“

„Haha“, machte Jacob. „Das war gut! Und ich dachte wirklich, du würdest dich mit Charles Darwin über ein flaches Ding unterhalten, das angeblich mit einem Eisring geschützt wird, der die Massen davon abhalten soll, über den Rand zu gucken, weil auf der anderen Seite der Erde noch eines ist – mit den ganzen Reptiloiden und so?“

„Wäre das so, wären alle Flacherdler schon längst in Richtung Antarktis aufgebrochen, um es zu prüfen“, meinte Chris ernst. Er hatte keine Lust, über seinen Theorien zu reden. Nicht mal mit dem berühmtesten VT seiner Zeit. Und nicht hier.

Jacob nickte. „Über was dann?“

„Keine Ahnung!“ Der junge Mann wurde ungeduldig und warf einen vorsichtigen Blick über Jacobs Schulter in Richtung des Höhleneinganges. Sie waren hier nicht sicher. „Vielleicht, wie die sieben Zwerge es geschafft hätten, hinter den sieben Bergen den ganzen Kontinent zu verstecken?“

„Du bist der Verschwörungstheoretiker. Sag es mir.“

„Mache ich, wenn ich es geklärt habe.“ Chris ließ den Kopf hängen und starrte seine dreckigen Boots an. Er wirkte erledigt. Themawechsel. „Wie hast du deinen Freund kennengelernt?“

„Ganz lange Geschichte“, antwortete Jacob und setzte sich auf einen Stein. „Bevor Charles seine Evolutionstheorie veröffentlichte, arbeitete er in einer Bibliothek, wo er sie kennengelernt hatte – die Emma – die schönste Frau der Welt. Ich war damals kopflos in sie verliebt, aber sie hat sich für ihn entschieden.“ Jetzt senkte auch der ältere seinen Kopf und starrte eine winzige gelbe Blüte an, die neben seinen Boots plötzlich ihren Kopf hochreckte, als wurde sie von einem warmen Sonnenstrahl aus ihrem Schlaf erweckt. Er bewegte die Spitze seines Schuhs zur Seite.

„Liebst du sie immer noch?“, fragte Chris.

„Lassen wir es. So sollte es sein. Sie hatte einen besseren Mann verdient und nicht einen Wissenschaftler, der nichts Vernünftiges entdecken konnte.“

Jacob tat Chris auf einmal leid. Gerührt beobachtete er die ruhigen Gesichtszüge eines Wissenschaftlers, der ihm vor zehn Minuten das Leben rettete. „Du hast die Wahrheit entdeckt. Du hast sie mit deinen bloßen Händen aus dem Loch herausgebuddelt.“

„Wohin ich sie wieder einbuddeln möchte, und zwar schnell.“

„Du hast etwas entdeckt, das besser ist als irgendwelchen Theorien.“

„Wer will das schon wissen? Außerdem es ist zu spät. Genau gesagt: 200 Jahre zu spät. Sie liebt einen anderen. Punkt.“

Chris schwieg. Zweihundert Jahre für die Liebe waren wirklich zu spät.

„Es tut mir leid wegen vorhin, Jacob“, sagte er dann und legte die Hand auf die Schulter seines Urur…großvaters. „Ich hätte dir den Grund, warum ich dich aus deiner Zeit geholt habe, besser erklären sollen.“

„Kein Problem!“ Der alte Wissenschaftler blickte ihn an. „Ich hätte dir sowieso kein Wort geglaubt. Wenn ich zurück bin, werde ich meiner Haushälterin alles erklären.“ Er machte einen Seufzer. „Die Arme. Steht bestimmt immer noch mitten der Zimmer mit einer Tasse Tee für mich.“

Trotzdem fühlte Chris sich weder beruhigt noch erleichtert, im Gegenteil. Er öffnete seine Hand und schaute zum tausendsten Mal den Ring an, von welchem er jede Ritze, jede Vertiefung, jeden Kratzer einzeln kannte. Dieser war ein Schlüssel. Nur zu welchem Tor?

„Und noch etwas“, redete Jacob weiter und stand langsam auf. Er hatte keine Zeit, auf diesem unentdeckten achten Kontinent tunlos zu sitzen. Dieser wartete auf ihn. „Wie hast du es vorhin geschafft, dieser Fremden wie eine leichte Feder fliegen lassen?“ Er rieb die blutende Beule an seiner Stirn. Sein vergnügtes Lächeln, das seine innerliche Diashow projizierte, ein episches Spektakel, das er ziemlich genoss, war herrlich. „Dein furioser Auftritt, Meister Chris Tyson, war definitiv reif für die Weltmeisterschaft! Die erste Liga!“

„Mein Gott! Woher kennst du Tyson?“

„Deine Welt ist interessant, Chris! Google ist Gott!“ Ein erneutes vergnügtes Lächeln. „Wie dieser Riese da nur flog …“ Und dann wurde sein Gesicht ernst. „Danke!“

„Danke? Für was?“

„Ohne dich wäre ich jetzt tot, Chris.“

Autoren: Olga Drocjuk und Neal Delsy

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Kommentare

12. Apr 2020

(D)Ein Text. der Interesse weckt -
Da stark 'ne Story in ihm steckt!
(Nur das mit der Haushälterin glaub ich nicht, hier
Steht Krause im Zimmer - statt Tee mit Bier ...)

Frohe Ostern und LG, Axel