Das Märchen von Dornroserich

von Valeska Csar
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Es war einmal vorzeiten, da lebte ein mächtiges Königspaar. Es lebte gütig und beinah vor Glücke selig, einzig geplagt von der Unerfülltheit ihres herzlichsten Wunsches, dem Wunsch nach einem Kind. Nacht ein, Nacht aus blieben sie ungesegnet, und auch ihr Volk wunsch sich nichts sehnlicher als einen Thronfolger der über sie herrschen würde und das Reich, es war so groß daß die Sonne darin nie unterginge, sicherstelle. So kam es, als die Königin anging ein Bad zu nehmen in der Therme, sie erwartet ward von einem Raben, der zu ihr sprach: „Nachdem ein zwölftes Mal in voller Pracht der Mond am Himmel stand, wird dein Sohn das Licht der Welt erfahren.“ Und alsbald das Jahr vergangen war, war nun alle Sorge gehoben, da die Königin wahrhaftig ein Knäbchen gebar. Das war so schön, daß der König vor Freude sich nicht zu lassen wußte und ein großes Fest anstellte. Er ludete nicht bloß ihre Verwandte, Freunde und Bekannte, sondern auch die allmachtvollen Weisen dazu ein, damit sie dem Kinde hold und gewogen wären. Es waren ihrer einer dreizehn in dem Reiche, in dem die Sonne nie untergang, weil der König aber nur zwölf goldene Teller gedeckt hatte, von welchen sie speißen sollten, so mußte eine zu Hause bleiben. Es sollte die kaltherzige Weise sein, die am entferntesten in den eisigen Schneewüsten hauste, durch welche ohnedies keine Kunde nie hindurch drang. Und so ward das Fest mit aller Freude gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die Weisen den Buben mit ihren Wundergaben: die eine mit der Tugend und Güte eines Seligen, der andere mit der Stärke und prachtvollen Schönheit eines Löwen, die nächste mit Mut und Besonnenheit, die übernächsten mit Empfindsamkeit und Lustigkeit, und wieder ganz ein anderer mit Weisheit und so an. Als elfe ihre Sprüche getan, kam die dreizehnte bei der Tür herein gekracht. „Warum habt ihr mich nicht eingeladen? Ganz alleine und traurig habt ihr mich die Schneeflocken zählen lassen, während ihr gar freudig und herzlich zu Gange wart.“, rief sie wütend und begann den Buben zu verfluchen: „Der Königssohn soll sich in seinem fünfzehnten Jahr an einer Nadel stechen und tot hinfallen.“ Und ohne ein Wort weiter zu versprechen, kehrte sie sich um und verließ den Saal. Alle waren tief erschrocken, da trat der zwölfte vor, der seinen Wunsch noch ungesprochen hatte, und weil er den Fluch nicht aufheben sondern nur lindern vermag, sagte er: „Es solle aber kein Tod sein, sondern ein tausendjähriger Schlaf in den das Königskindlein fällt.“

Das Königspaar, das sein liebes Kindlein vor dem Unheil wahren wollte, ließ den Befehl ausgehen, daß alle Nadeln im ganzen Lande zu zernichten seien. An dem Buben wurden aber wie die Zeit darhin flog all die Gaben der Weisen sämtlich erfüllt, denn er war so gütig, freundlich, fesch und verständig, daß er jedermann eine Freude war. Nun geschah an dem Tage, wo er gerade funfzehn Jahr alt ward, daß die königlichen Eltern fern von Darheim zur Arbeit waren. Da ging er allerorten herum, besah Stuben und Kammern wie es ihn begehrte, und kam endlich auch an den geheimnisvollen Turm, der ihm von den Eltern verboten war. Hinter einem verstaubten Wandteppich, hinter dem ein rostiges Türchen des Eingangs offen stand, dort saß in einem kleinen Stübchen eine alte Frau mit Faden, Wolle und Garn bei der Hand. „Grüß dich Gott, du altes Mütterchen“, sprach der Königssohn mutig, „Was machst du denn da?“ „Ich häkle und ich nähe, auf daß die braven Menschen nicht nackt den Tag verbringen müssen“, sagte die freundliche Alte und nickte höflich mit dem Kopf. „Dann lass mich doch dir zusehen und von dir lernen, altes Mütterchen. Ich fühle mich so nutzlos, verein in mir zwar alle Gaben, doch kann aus eignen Kräften nichts. Lass meiner nur bedienen, doch vollbringe selber nichts. So mag ich lernen, Meister Mütterchen, will werden ein voller Mann.“ „Wohlan“, sprach die Alte und reichte ihm Faden und Nähnadel, daß er lerne. Kaum hatte er aber die Nadel angerührt, stach er sich in den Finger. Den Augenschlag wo er den Stich empfand fiel er nieder auf das Bett, das da stand, und lag nun in einem tiefen tausendjährigen Schlaf. Und dieser eine Schlaf spreitete sich über das gesamte Schloß: Der König und die Königin, die soeben heimgekommen und in den Saal getreten waren, fingen an aus Elternliebe einzuschlafen und ihr ganzer gethreuer Hofstaat mit ihnen. Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Katzen im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Spinnen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herd flackerte ward still und schlief ein. Sogar der Wind legte sich auf den Bäumen und vor dem Schloß regte sich kein Blatt mehr. Rings um das Schloß aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher und hehr ward, bis sie schließlich das ganze Schloß umzog und darüber hinaus wuchs, daß gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht einmal die Fahne auf dem höchsten Turm. Und so begann das Volk zu greinen und zu weinen, das nun seinen lieben Prinzen verloren sah.

Es ging jedoch das Märchen von dem wundersamen Prinzen, den man Dornroserich nannte, weit hinaus über das Land, allso daß von Zeit zu Zeit Königstöchter mit Schwertern zur Rettung geeilt kamen und hindurch des Gestauders an das Schloß dringen wollten. Die Dornen aber, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, die Prinzessinnen blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben eines jämmerlichen Todes. Nach langen, langen Jahren kam wieder einmal eine Königstochter in das Land geritten. Es war die Prinzessin Rosa, die als die fähigste Tochter Karls dem Kühnen würdig war das Einhornschwert zu führen. Sie hörte, wie ein alter Mann von der Dornenhecke erzählte, es solle ein Schloß darhinter stehen, in welchem ein bezaubernder Prinz, Dornroserich genannt, schon seit vielen Jahren schliefe, und mit ihm die Königin, der König und die Ganzheit ihres Hofstaates. Dies dünkte der Prinzessin bekannt, ist doch ihre Großmutter die Königin, die man bei dem Namen Dornröschen nannte. Von ihr wusste sie, wie man ein solches Dornenungetüm bezwingen vermag. Und so sprach sie: „Ich fürchte mich nicht, ich will hinaus und den lieben Dornroserich sehen.“ Der gute alte Mann konnte ihr abraten wie er mochte, sie wollte seiner Worte kein Gehör schenken, denn sie hatte einen Plan. Allen Mut nahm Rosa zusammen und machte sich des Weges in die schrecklichen Schneewüsten der kaltherzigen Weisen, die den Königssohn verwunschen hatte. Als Rosa angelangt, zog sie ihr Schwert und begann jede Schneeflocke, einerlei ob sie im Winde schwebte oder den Boden bedeckte, zu zerschneiden, wodrauf der Schnee zu Wasser ward. Vom Schnee gefreit war das Land fruchtbar gemacht, und so gleich kamen hunderte Menschen, Trolle und Feen gegangen, die sich dort nieder ließen, auf daß die kaltherzige Weise nie mehr kaltherzig und einsam sein würde.

Das Wasser jedoch, dessen Menge einen ganzen Ozean füllen mag, trug Rosa Kraft ihrer zarten Hände bis zum Schloß des schlafenden Prinzen und goß die Dornenhecke damit. Die Pflanze konnte auf einen Guß so viel Wasser nicht vertragen und begann zu zerwelken und in den Boden ein zu kehren aus dem plötzlich tausend Rosen sproßen. Von ihnen pflückte sich Rosa die wohlgewachsenste und steckte sie in ihr Haar. Und so fand bald die schöne Kriegerprinzessin nun schlafend die Bäume und die Tiere, und als sie das Schloß betrat das Königspaar und das Feuer, und endlich hinter dem Wandteppich den schönen Prinzen Dornroserich mit der Nadel in der Hand, den sie gleich küssen mochte. Durch ihre wundersame Zauberhaftigkeit erwachte er zu neuer Lebendigkeit und mit ihm das ganze Schloß. Und wie sie sich das erste Mal in die Augen sahen, wussten sie es sei Liebe auf den ersten Blick. So verweilten Rosa, die Prinzessin, und Dornroserich, der Prinz, nun geeint eine ganze Weile miteinander. Doch als die Königin erfragen wollte, ob nun Zeit für eine Hochzeit sei, sprachen beide: „Nein.“ „Erst möchte ich das Nähen und gar so viele andere Dinge erlernen und ein guter Mann werden“, sprach der Prinz. „Erst möchte ich noch Drachen bezwingen, mit Meerjungfrauen schwimmen und aller Hand Zwergenschätze an mich nehmen und zum firmen Helden werden“, sprach die Prinzessin. Und so versprachen sich die beiden, bevor der Abschied kam, daß würde der eine weinen und Tränen vergießen, der andere immer da für ihn sei. Und so verflog die Zeit und bald nach zehn Jahren, als beide ihre Träume erfüllt, feierten sie die wunderschönste Hochzeit auf Erden. Diesmal waren alle dreizehn Weisen geladen. Fortan regierten die beiden gütigst über ein Reich das größer war als alle davor, hatten mehr Schätze denn jemand hätte erträumen können, wurden von ihrem Volke geliebt wie niemand bisher, hatten mehr Kinder als je ein Mensch gebar, und waren glücklicher denn je zuvor.

(c) Valeska Csar, nach den Gebrüdern Grimm

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Kommentare

27. Jun 2020

Die letzten Jahre brachten in Literatur und Film eine Vielzahl von Neuadaptionen der Stoffe klassischer Volksmärchen, wie sie von den Gebrüdern Grimm festgehalten wurden. So wie sich jene Stoffe über die Jahrhunderte immer wieder in neuen Geschichten manifestierten, so sind auch die Gegebenheiten ihrer Zeit in ihre sagenhafte Märchenwelt verflochten. Für meinen Take auf das Genre hat das 3 Dinge bedeutet:
* Es sollte nicht nur ein Gender-Swap-Märchen werden, wie sie heute so große Verbreitung in der Literatur finden, sondern sollte die Geschichte ihre eigenen Wege gehen.
* Die Adaption der Grimmtextbasis soll sprachlich älter gestaltet sein als der originale Grimmtext.
* Es soll dennoch kindertauglich sein und, wie für Märchen klassisch, eine Moral vermitteln.
Ich hoffe es hat Euch gefallen.

27. Jun 2020

Wenn es Euch gefallen hat, würde ich mich über ein Like auf Facebook (https://www.facebook.com/valeskacsar) freuen.

Stay mysterious!
xxx
Valeksa

10. Jul 2020

Weil die Frage aufgekommen ist:
Rosa muss als Tochter Karls des Kühnen wohl tatsächlich die jüngere Schwester der legendären Maria von Burgund sein. ;-) Kann ihr Einhornschwert dann dasselbe wie in der Schatzkammer der Wiener Hofburg sein? ;-)