Normalität

Es war der Sonnenschein, der durch einen Spalt zwischen der Vorhängen ins Zimmer floss und ihn sanft aufweckte. Langsam öffnete er die Augen. Das weiche Kissen schenkte ihm Geborgenheit. Sein Kopf lag darin, wie in einer großen schützenden Hand. Für einen Moment lag ganz still und drückte seinen Kopf ein wenig tiefer ins Kissen. Nach einigen Minuten stand der auf. Er ging in die Küche um Kaffee zu kochen. Während der Kaffee laut pröttelnd durch die Maschine blubberte, wusch er sich und putzte seine Zähne. Nachdem er sich angezogen hatte ging er in die Küche um Kaffee zu trinken. Alles war still. Die ganze Zeit, seit dem Aufwachen, war es still. Wie gut das tat. Vorsichtig schlürfte er den ersten Schluck des Kaffees. Er mochte ihn am liebsten mit Milch. Den Kaffeebecher in beiden Händen haltend, schaute er aus dem Fenster. Nichts bewegte sich. Kein Auto. Kein Fußgänger auf der Straße. Nur Stille. Zwischen den parkenden Autos auf der Straße vor dem Haus stand ein verunsichertes Reh. Alles stand still. Shutdown!
Überall, im Radio, im Fernsehen und in den Zeitungen, sprachen Experten davon, wieder zur Normalität zurückzukehren. Ein Muss! Jetzt. Sofort. Fabriken müssen produzieren. Geschäfte müssen verkaufen. Verkehr muss rollen. Flugzeuge müssen fliegen. Wir müssen vorwärts. Weiter, Schneller, Härter. Wir brauche Wachstum. Stillstand ist Tod. Nach dem Shutdown müssen wir das Entgangene aufholen. Konsumieren. Reisen. Produzieren. Da kann keine Rücksicht genommen werden. Alle Räder müssen rollen. Alle Essen müssen qualmen. Zurück zur Normalität!
Er lächelte. Schüttelte ein wenig den Kopf um diese wahnsinnigen Gedanken anzuwerfen. Manchmal war er eben nicht normal, dachte er amüsiert über sich selbst. Dann öffnete er das Fenster. Tief atmete er die saubere Luft ein und genoss den Moment. Die warmen Sonnenstrahlen strichen über seine Haut und er lauschte dem wundervollen Klang der Stille. Alles war ganz normal. So wie es sein soll.

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Kommentare

22. Apr 2020

Ja, ich hoffe auch sehr, dass wir zu einer neuen Normalität finden, die die Stille, die Natur, unser Herz und unsere Seele miteinschließt.

Herzliche Grüße
Ella

23. Apr 2020

Ich freue mich, nicht allein mit meiner Meinung da zu stehen. Derzeit habe ich sogar den Eindruck, dass es, zumindest in meinem Umfeld, viele Menschen gibt, die so denken.

Freundschaftliche Grüße
Thorsten