Der unvollendete Mann

von Daniel Büttrich
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Der Vollmond spiegelte sich in der Wanduhr mit römischen Ziffern. Sein Blick fiel auf eine kleine Unebenheit im Mauerwerk daneben. Diese Unebenheit hinderte ihn häufig am frühzeitigen Einschlafen. Wieso tritt die Unebenheit an eben jener Stelle, neben der Wanduhr, auf?, fragte er sich. Warum war sie ihm erst vor einem Jahr aufgefallen, obwohl er im Bett liegend auch vorher seinen Blick mit schweifenden Gedanken abendlich auf die vom hellen Mondlicht beschienene Uhr gerichtet hatte? Ist mir lange das Naheliegendste entgangen?, fragte er sich aufgrund der für ihn über Jahre hinweg verborgen gebliebenen Unebenheit. Er war sich inzwischen sicher, dass die Unebenheit schon bei Einzug in die Wohnung bestanden hatte. Ein Foto des Schlafzimmers, das er kurz nach dem Einzug gefertigt hatte, untermauerte diese Annahme. Und er hatte die Wanduhr neben die Unebenheit gehängt, ohne sie zu bemerken!

Der Mann hatte Familie und Freunde gehabt. Eigentlich hatte er sie immer noch. Schließlich bestand die Möglichkeit, sie anzurufen, sie zu sehen. Die, die übrig geblieben waren.

Er war glücklich. Freilich nicht glücklich in einem umfassenden Sinn. Wer war das schon? Aber er selbst sagte von sich, er sei ein glücklicher Mensch, dem es an nichts mangele, sobald er gefragt wurde. Inzwischen war er älter geworden. Er war so alt, dass er nicht mehr jung war.

Er mochte Traditionen. Er ging beispielsweise gerne in alte Kirchen und Kathedralen, um dort zu verweilen. Manchmal stundenlang. Er spielte unregelmäßig mit Bekannten Schafkopf. Er saß in seinem Hobbykeller und schnitzte. Welche Figuren und Körper dabei unter der Arbeit seiner Hände entstanden, überraschte ihn oft selbst. Einmal hatte er ein Pferd geschnitzt, das Albrecht Dürers Kupferstich „Das kleine Pferd“ täuschend ähnlich sah. Das Pferd hatte er in seinem Wohnzimmer auf dem Tisch aufgestellt.

Er bemerkte viel Gleichgültigkeit. Sie störte ihn nicht. Er selbst war nicht anders.

Sein Bewegungsradius verkleinerte sich von Jahr zu Jahr. Eine natürliche Entwicklung. Er war, darauf hinzuweisen ist wichtig, alt, und er alterte rascher als er es vorhergesehen hatte. Aber er war, darauf hinzuweisen ist noch wichtiger, glücklich.
 
Ich verliere dich, wenn ich dich brauche, und du bist da, wenn ich dich nicht brauche. Ich werde vom Gewässer zum Stein, und umgekehrt, und du schaust zu. Wer könnte mich verstehen außer dir? Aber du sagst nichts, drehst dich um und gehst. Ich rufe dir hinterher: Lass mich nicht alleine! Du sagst nur: Du bist nicht alleine! Ich komme wieder! Tagelang suche ich mein Zuhause, und ich finde einzig eine leere Wohnung, überfüllte Busse und verwaiste Plätze. Ich erkenne die bekannten Straßen und Wege nicht mehr. Dann stehst du vor mir, ich umarme dich, du fühlst dich wie ich an, aber du bist nicht ich? Wer dann? Ich komme dir nahe, so nahe, bis du vor meinen Augen verschwimmst… und verschwindest. Vielleicht soll es so sein? Nein… Du singst Strophen mit, hörst zu, singst mit, und ich beobachte dich. Was nämlich für viele unmelodisch und dissonant klingt, hat Rhythmus und Harmonien. Die Schuld haben immer die Anderen. Hast du gehört? Das haben sie auch gesungen, eine Strophe lang, ich habe es gehört. Das ist einfach. Die Gruppen schließen sich. Das ist einfach. Dich zu finden ist schwer. Es heißt, jeder brauche jemanden, der einen versteht und akzeptiert. Ich sage meinen Text vom irdischen Jammertal in seiner unzähligsten Version auf, und du sagst: „Ich verstehe dich.“ Ich frage dich: „Was genau verstehst du?“ Du antwortest: „Ich verstehe dich.“ Verstehst du nicht nur, dass du irgendetwas verstehst von dem, was ich offenbare? Du begreifst deine eigene Anteilnahme, die scheinbare Güte deines Wesens, sonst nichts. Glaubst du, ich begreife mehr? Aber ich spiegele nicht vor, mehr zu verstehen. Ich falle mit meinem Unwissen in offene und verschlossene Türen. Leute sagen: In Wahrheit. Welche Wahrheit, frage ich zurück… Die Wahrheit, antworten sie. Die eine Wahrheit gibt es nicht, behaupte ich. Sie lächeln. Du bist zu kritisch, meinen sie, und gehen. Wir stehen wie Denkmäler auf Sockeln und sind berauscht von den Augenblicken… Machtgefühle, Erkenntnisgewinne, Zuflüsse…. sind zeitlich begrenzt. Sind wir nicht Idioten in Erdlöchern? Das klingt zu hart, ich weiß. Wer versteht uns? Wer fühlt mit uns? Ich komme wieder und wieder auf dich zurück, du bist Gefängnis und totale Befreiung für mich. Ich setze große Hoffnungen in dich. Ich hänge an dir. Ich muss dir unentwegt hinter her laufen. Bleib doch einmal stehen, mein Freund, mein Bruder, und sieh‘ mich an. Bist du nicht ein Teil von mir? Du bist es, und du bist es nicht.
 
Er setzte sich in ein Gasthaus neben Menschen, die er nicht kannte. In ihm arbeitete die Liebe. Die Kälte wich aus den Gesichtern.

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